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Full text: Berliner Leben Issue 29.1926

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Er wanderte mit mühsam verhehlter 
Erregung auf und ab. 
Stunde um Stunde verrann. Die Un 
geduld rief Svensen unzählige Male auf 
die Straße, wo er vergebens Umschau 
nach Katja hielt. — Die Zeit rückte 
immer weiter vor. — Langsam begann es 
dunkel zu werden. 
„Wenn Katja nicht in der nächsten 
halben Stunde kommt, müssen wir noch 
heute nach Boyen“, sagte er schließlich 
zu Mattheo und blätterte zerstreut und 
unaufmerksam in der Abendausgabe des 
Hamburger Fremdenblattes, die eben er 
schienen war. 
Plötzlich zuckte er zusammen und ließ 
das Blatt sinken, sein Gesicht hatte jede 
Farbe verloren. Mattheo nahm bestürzt 
das Blatt aus seinen Händen 
und las: 
Raubmord in Boyen! 
In Boyen wurde die 
Leiche eines Mädchens ge 
funden, das unter dem Na 
men „die schwarze Katja" 
in den Matrosenkneipen be 
kannt war. Als Täter wurde 
der siebenunddreißigjährige 
Nikolaus Bordmann ver 
haftet. Er gestand, Katja 
Dorn in einem Anfall von 
Jähzorn erstochen zu haben, 
da • sie sich weigerte, 100 
Dollars, die sie von einem 
fremden Herrn erhalten 
hatte, auszufolgen. 
„Der Mann am Schank 
tisch“, dachte Mattheo, „oder 
sollte vielleicht Svensen , , .“ 
5. 
Y v e 11 e. 
Wenn Menschen an eine 
Stadt denken, die sie nur vom 
Hörensagen kennen, so ver 
bindet sich in ihrem Geist der 
Name dieser Stadt mit einem 
typischen Bild, das ihnen durch 
jahrzehntelange Überlieferung 
eingeprägt worden ist. Denken 
sie an New York, so sehen sie 
im Geist Wolkenkratzer und 
viele, viele hastende Men 
schen. Uber London liegen 
tiefe Nebel, Paris ist ein ein 
ziges Montmartre, und Wien, 
Wien ist die Stadt, in der man 
Walzer tanzt. 
Svensen war angenehm be 
rührt, schon bei seiner An 
kunft in Wien jene sagenhafte 
Gemütlichkeit vorzufinden, 
die jeder Fremde so wohl 
tuend empfindet. Schon der Chauffeur, 
der am Westbahnhot die Koffer auflud, 
hatte Zeit — viel Zeit. 
„Fahren Sie uns in ein gutes Hotel!“ 
sagte Svensen. 
„Ein gutes Hotel kostet Geld“, dachte 
Mattheo, der zum Kammerdiener avan 
ciert war. Der Chauffeur sah Svensen 
fragend an. 
„Vielleicht Imperial? Grand Hotel? 
— Sacher? — Wohin woll’n die Herren 
fahren?“ 
„Ganz gleich, fahren Sie uns in ein 
gutes Hotel!“ 
„Sag n ma Bristl“, sagte der Chauffeur 
überlegend. „Obwohl . . . Imperial . . . 
wär auch net schlecht! . . . Mir is ja 
ganz gleich. Nia, fah’n ma ins Bristl!“ 
Und sie fuhren ins Bristol. 
Diesmal schien Svendsen das Glück 
zu lächeln, denn als er dem Auto ent 
stieg, fiel sein Blick auf eine Litfaß* 
säule. 
Yvette Linne 
und Marcel Renard 
in ihren wundervollen 
Schönheitstänzen. 
So lautete die etwas bombastisch an 
mutende Ankündigung. 
„In Hamburg waren wir zwei Wochen 
hinter der unglücklichen Katja her und 
hier ruft uns gleich nach unserer An 
kunft ein Straßenplakat zu, wo wir 
Yvette Linne finden können.“ 
Im Hotel beauftragte er einen Boy, 
die Revuebühne Ronacher anzurufen 
und die Adresse Yvette Linnes zu er 
fragen. Der Boy blickte ihn verwundert 
an. 
„Aber bitt’ schön“, sagte der kleine 
Junge, „die Dame wohnt ja bei uns, auf 
Zimmer 3709, übrigens“, unterbrach er 
sich und zog seine Kappe, „da kommt 
ja die Dame.“ 
Svensen blickte auf. Aus dem Lift trat 
Yvette Linne. Bewundernd blickte ihr 
der Führer des Lifts nach, bewundernd 
stockte einen Augenblick der blasierte 
Kellner, der eben eine Platte vorbeitrug. 
Die Gespräche im Hotelvestibül waren 
plötzlich verstummt. Die Amerikaner, 
die eben große Transaktionen bespro 
chen hatten, verschluckten eine Un 
menge Dollars. Franzosen reklamierten 
stolz mit ihren Blicken Yvette als eine 
der ihrigen. Selbst ein kleiner Japs 
blickte begeistert auf Yvette. Er hatte 
anscheinend für einen Augenblick ganz 
Japan und sämtliche Lehren des Kon 
fuzius vergessen. Und der Boy, der 
noch immer mit gezogener Kappe neben 
Svensen stand, schien in Ehrfurcht und 
Bewunderung dahinzuschwinden. 
„Eine königliche Frau!“ 
mußte Svensen denken. Dann zog er 
seinen Hut ab und trat auf sie zu. 
Yvette blickte ihn mit einem erstaunten, 
etwas abweisenden Blick an. 
„Ich bin Svensen, Henrik Svensen . .“ 
„Ja“, sagte Yvette und lächelte, ,„ich 
erkenne Sie ... es ist schon lange her, 
seit wir uns gesehen haben.“ 
„Ich bin weit her gekommen“, sagte 
Svensen kurz und fast unhöflich, „um 
mit Ihnen zu sprechen. Wann haben 
Sie Zeit?“ 
„Ich werde leider erwartet“, ant 
wortete Yvette zögernd. Sie waren bei 
der Drehtür des Hotels angelangt. 
Svensen folgte ihrem Blick und sah ein 
wartendes Auto, in dem zwei Herren 
saßen. 
„Vielleicht treffen wir uns hier im 
Vestibül nach der Vorstellung, so gegen 
zwölf Uhr?“ 
Svensen nickte und nahm die ihm 
dargebotene Hand, die ein Leonardo da 
Vinci nicht vollkommener hätte träumen 
können. Und dennoch küßte Svensen 
diese wundervolle Hand fast 
widerstrebend. 
Yvette ging zum Auto 
und wurde von den beiden 
Herren, die dem Auto ent 
stiegen waren, begrüßt. Der 
eine war ein junger Mann 
von auffallenden etwas weib 
licher Schönheit, augenschein 
lich der Partner Yvettes. Der 
andere aber — — Svensen 
wandte sich rasch ab — — 
der kleine dicke Herr, der 
eben zu Yvette in den Wagen 
kletterte, war van Lie! — 
Van Lie — der Präsident des 
holländischen Juwelensyndi 
kats — — 
„War das nicht ein gewisser 
Svensen?“ fragte van Lie, als 
er neben Yvette im Wagen 
Platz genommen hatte. 
„Ja . . .“ antwortete Yvette, 
ihren Gedanken nach 
hängend. 
„Merkwürdig, Svensen ist 
in Wien?“ Van Lie war sehr 
verwundert und wandte sich 
zu Marcel, dem Partner Yvet 
tes. „Sie kennen doch den 
Fall Svensen? Der Mann war 
Einkäufer unseres Syndikats 
und hat Geld unterschlagen.“ 
i„Ich kenne den Fall“, un 
terbrach ihn Marcel. 
„Yvette war ja eine 
der drei Frauen . . “ 
Er verstummte, das Thema 
war ihm sichtlich unan 
genehm. 
Doch van Lie ließ nicht 
locker. 
„Das Geld, das Svensen 
damals unterschlagen hat, 
konnte trotz unserer eifrigsten 
Nachforschungen nicht aufge 
funden werden. Sie könnten viel Geld j 
verdienen, wenn Sie in Erfahrung ■' 
bringen, wo Svensen das Geld versteckt 
hält.“ Marcel horchte auf. Er hatte 
Grund dazu, denn die finanzielle Situa 
tion des Tänzerpaares war nicht 
glänzend. Im Tresor des Herrn van Lie 
lag der gesamte Schmuck Yvettes' — ver 
pfändet. 
„Was wollte dieser Svensen von dir?“ 
fragte Marcel interessiert. 
„Ich weiß es nicht. Er sagte, er müßte 
mich unbedingt sprechen. Er erwartet 
mich im Hotelvestibül.“ 
Van Lie lächelte. Er betrachtete wohl 
gefällig die schöne Yvette. Nach einer 
Pause sagte er: „Das trifft sich gut, 
eine schöne Frau vermag mehr .als 
hundert Detektive . . . “ 
Svensen und Mattheo schlenderten die 
Ringstraße entlang. 
„Ich habe für heute abend zwei Karten 
zu ,Ronacher* besorgen lassen“, sagte 
Svensen. „Ich will Yvette Linne tanzen 
sehen. Es erscheint mir unmöglich, daß 
eine Frau, die so vornehm und edel aus 
sieht, einer falschen Aussage fähig wäre.“ 
Fortsetzung folgt.
        
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