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Full text: Berliner Leben Issue 29.1926

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beim heiligen Vater vorsprechen 
wolle, und über Neapel, wo er sei- 
Souverän Relation erstatten 
müsse, ikehre er nach seiner Abtei 
von.Amalfi zurück, in deren Frieden 
er die Münzensammlung des Fürsten 
von Sonnino zu ordnen gedenke. 
„Und wann verlassen Sie das große 
Kaffeehaus Europas?“ 
„Morgen früh“, sagte Humieres. 
„Es geht nach La Guerche.“ 
„Das jüngst in die Hände eines 
Grafen Du Barry übergegangen 
ist? — Sind Sie befreundet mit dem 
Grafen?“ 
„Befreundet — nein! . . . Be 
kannt.“ 
Galiani schmunzelte. 
„Was finden Sie so heiter, 
Marchese?“ 
Galiani machte ein unschlüssiges 
Gesicht. 
„Sagen Sie’s getrost, ich kann es 
ja schließlich erraten —“ 
„Die neue Herrin soll sehr schön 
sein . . .“ 
„Das stimmt.“ Humieres lächelte. 
„Und was hat man Ihnen noch zu 
getragen?“ fuhr er gut gelaunt fort. 
„Man spricht davon,, wenn Sie es 
durchaus zu wissen wünschen, daß 
Frau von . . . wie heißt sie doch?“ 
„Als sie iParis verließ, hieß sie 
noch Frau von Lancon. Aber sie 
nennt sich vielleicht schon wieder 
anders — sie gewöhnt sich rasch 
an neue Namen.“ 
„Daß Frau von Lancon dem Herrn 
Athanasius von HumiÖres einmal 
sehr . . . sehr wohlgesinnt gewesen 
sei.“ 
„Erzählt man sich das im großen 
Kaffeehaus? Nun, und was noch? 
Dieser Humieres war ein Tropf, ein 
Dummkopf, ein ungeschickter 
Tölpel . . .“ 
„Nein!“ fiel Galiani ein. „Man 
schätzt den Baron mit einer Ein 
stimmigkeit, die ihn fast unsym 
pathisch machen könnte, wenn man 
ihn nicht gerade selbst mitschätzen 
müßte. So findet man sehr delikate 
Gründe für sein Handeln, oder 
besser gesagt: für sein Nicht 
handeln.“ 
Herr von Humieres, etwas be 
troffen, gab nicht gleich Antwort. 
„Die Pietät, nicht wahr? . . .“ 
„So ist es.“ 
Humieres sah nachdenkend vor 
sich nieder. Dann meinte er: Jeden 
falls eine sehr hübsche Erklärung, 
und eine sehr edle.“ Er schaute dem 
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Abbate ins Gesicht. „Glauben Sie 
daran?“ fragte er schroff. 
„Ich habe daran geglaubt . . .“, 
versetzte Galiani betreten. „Ich 
mag Sie nicht zu Konzessionen ver 
führen.“ 
„Ich habe ja selbst davon begon 
nen.“ Er legte dem Abbe die Hand 
auf den Arm, und seine früher plötz 
lich hart gewordene Stimme wurde 
wieder weich, bekam den innig war 
men Ton freundschaftlichen Ver 
trauens. „Meinen Sie wirklich, daß 
Pietät stark genug ist, einen Mann, 
der in de Welt lebt, in der großen 
Stadt, nicht irgendwo hinter Kloster 
mauern, und der sich noch leidlich 
jung fühlt, fünfzehn lange Jahre von 
den Frauen fernzuhalten? Solche 
Gestalten treiben sich in den 
empfindsamen Romanen herum, 
die unsere Damen zu Tränen rühren, 
aber das Leben ist anders. Nein, Ga 
liani, glauben Sie mir, Erinnerung 
hat nicht die Macht, die Sehnsucht 
zu ertöten nach Liebkosung, nach 
Zärtlichkeit, nach Hingabe. Aber sie 
hat eine andere furchtbare Macht: 
Sie hängt uns an als ehernes Ge 
wicht, hemmt den .Schritt, reißt 
immer wieder zurück, und sie raubt 
mit ihrem eigenen späten Glanz dem 
Augenblick Glanz und Farbe. Ver 
stehen Sie mich? Ich fürchte die 
Enttäuschung. — Gibt Ihnen das 
jetzt über mein Benehmen Auf 
schluß? . . .“ Humieres, die Hand 
vor den Augen, leise, fast gequält, 
redete weiter, wie im Selbst 
gespräch: „Ich halbe eine Liebe er 
lebt, eine Liebe, so groß, so strah 
lend, daß mir bangt, es könne nichts 
mehr kommen, was dem gleicht ... 
Abenteuer seh’ ich rings um mich, 
hübsche und lustige Abenteuer, und 
unsere Freunde und Freundinnen 
wollen sicherlich auch nicht mehr. 
Aber ich, ich suche anderes. Ich 
bin anspruchsvoll, überempfindlich, 
mein Ohr und mein Blick ist ge 
schärft — ich suche die, der ich 
mich ganz geben könnte, wie einst 
mals .. .“ — er ließ die Hand herab 
sinken — „und die, die finde ich 
nicht mehr.“ 
Galiani, überrascht von dem Be 
kenntnis des sonst so Verschlosse 
nen, blieb einige Aug enblicke stumm 
Ein tiefes verstehendes Mitgefühl 
regte sich in ihm, die Herzensnot 
des Einsamen ging ihm nahe. „Sie 
müßten vielleicht nur ein einziges 
Mal die Kraft aufbringen, sich be 
denkenlos dem Augenblick zu über 
lassen, zu nehmen, wo sich Ihnen 
Hände entgegenstrecken, und Sie 
wären befreit von den Gespenstern 
der Vergangenheit.“ 
„Ich habe eben nicht mehr diese 
Kraft. Marianne — Frau von Lancon 
meine ich —, sie ist schön und lie 
benswürdig und ihr Herz ist gut, 
war es wenigstens damals noch, als 
ich sie traf und sie im einfältigen 
Vertrauen noch aufs Leben wartete. 
Ein anderer, der hätte sich zu helfen 
gewußt — ich habe gezaudert und 
überlegt. O, wenn das nicht wäre! 
. . . Ich weiß, weiß es ganz genau: 
Wer sich am Sieg berauschen will, 
muß auch den Mut haben, Wunden 
zu tragen Ich aber scheue den 
Schmerz. Ich fühle ihn nämlich dop 
pelt. Ich sehe von dem, was gar nicht 
begonnen hat, das Ende voraus mit 
all seinen Lächerlichkeiten und Ge 
meinheiten, mit all dem Kleinen und 
Häßlichen. Und ich soll dort Ver 
trauen haben, wo meine Gefühle 
vielleicht ausgelacht und verspottet 
werden und anderen zum besten 
gegeben? — Ich bann’s nicht! — 
Lachen Sie einen Schwächling aus, 
Galiani, und bewundern Sie nicht 
die übermenschliche Treue eines 
Helden“. 
Aber als er jetzt dem Abbe sein 
Gesicht zuwandte, lag der Zug von 
Selbstspott wieder um die blassen, 
dünnen Lippen. 
„Das sind Stimmungen, mein 
Lieber . . .“, meinte er und ver 
suchte zu lächeln, „die Stimmungen 
eines Sommerabends in der ver 
lassenen Stadt . . .“ Er schaute hin 
auf in den flammenden Himmel, zu 
d en golden leuchtenden Turmspitzen 
hinüber, in die violette Dämmerung 
hinein, die zwischen den Bäumen 
wob. 
Die beiden Männer fuhren ein 
silbig in die Stadt zurück. Vor dem 
Palais des Barons wünschten sie ein 
ander glückliche Reise, und Hu 
mieres stieg aus. 
* 
Bei Tagesanbruch, während die 
Stadt noch im Schlafe lag, reiste der 
Baron ab, in einer hohen gelben, 
halboffenen Reisekajesohe. Bald 
waren sie aus der Stadt draußen, 
die starken Pferde griffen schnau- 
Die Orffanisafion 
Lebensbund 
ist seit 1914 d. vornehme u. diskrete Weg d. 
Sichfindens der gebildet Kreise, die bei der 
Wahl ihres Lebensgefährten sich nicht auf 
ihren Bekanntenkreis beschränken, u. auch 
nicht auf d. Zufall warten wollen Tausenaf. 
Anerk, aus allen Kreisen Keine gew. Ver- 
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