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Full text: Berliner Leben Issue 29.1926

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„Ich heiße Mattheo . . . ja, Mattheo“, 
sagte der „Meineid“ nachdenklich. Er 
verstummte, denn sie hörten ein leises 
Klirren. Eine Münze war auf das 
Pflaster gefallen. Sie gehörte wohl 
Mattheo, der eifrig zu suchen begann, 
gestoßen und gepufft von den vorbei 
eilenden Menschen. 
„Ja, es hat sich eben lange niemand 
um meine Garderobe gekümmert“, sagte 
Svensen lächelnd. „Die Tasche hat wohl 
ein Loch?“ 
Plötzlich sah er die Münze auf dem 
Pflaster. 
„Dort liegt sie“, rief er dem in großer 
Hast suchenden Mattheo zu und bückte 
sich, .um die Münze auf zu heben. Mattheo 
aber war schneller als er. Wie der Blitz 
war er am Boden, hatte die 
Münze ergriffen und zu sich 
gesteckt. Dann gingen sie 
weiter. Svensen blickte mit 
leidig auf seinen Begleiter. 
Wie hastig hatte sich der 
arme Teufel nach der Münze 
gebückt. Sie war wohl sein 
ganzer Besitz. Ein silbernes 
Fünfkronenstück . . . oder ein 
holländischer Silbergulden? 
Armseliger Besitz eines 
armen Teufels. 
Das Mitleid, das er emp 
fand, war nicht am Platz. Die 
Münze, die Mattheo so eilig 
aufgehoben hatte, war kein 
Fünfkronenstück, auch kein 
holländischer Silbergulden. 
Es war eine Metallplakette, 
das Abzeichen der dänischen 
Kriminalpolizei . , . 
# 
„Haben die Herren kein 
Gepäck?“ fragte etwas miß 
trauisch der Portier des 
„Oebrö-Hotels“ — eines Ho 
tels zweiter Güte in Kopen 
hagen — und musterte die 
beiden Neuankömmlinge. 
„Herr Mattheo wird unser 
Gepäck gleich herbeischaf 
fen“, sagte Svensen, dem es 
unangenehm gewesen wäre, 
die Koffer durch einen Hotel 
diener vom Gefängnis ab 
holen zu lassen. Der Portier 
warf noch einen letzten kriti 
schen Blick auf die beiden, 
winkte dem Boy, der in einer 
schmierigen Uniform in der 
Ecke lehnte, und bald führte 
ein knrärender Aufzug die 
beiden in die Höhe. In der 
dritten Etage stiegen sie 
aus und folgten dem Boy, 
der sie in zwei armselige 
Zimmer führte. 
Svensen war ans Fenster getreten und 
sah nachdenklich auf die Straße. Als der 
Boy gegangen war, wendete er sich um. 
„Mattheo, du mußt sofort die Koffer 
vom Gefängnis abholen, wir gehen noch 
heute abend aus.“ 
Mattheo, gehorsam und wortlos wie ein 
treuer Diener, wandte sich zum Gehen. 
„Du hast doch kein Geld für die 
Droschke!“ rief Svensen ihm nach. Er 
reichte dem verlegen lächelnden Mattheo 
einige Geldscheine. 
Mattheo steckte das Geld umständlich 
ein und ging. Langsam wanderte er die 
drei Etagen hinab an dem Portier vor 
bei. Auf der Straße vergewisserte er sich, 
verstohlen in die Höhe blickend, daß 
Svensen noch immer am Fenster stand 
und auf die Straße sah . . . Mattheo 
spielte seine Rolle vorzüglich. Sein Gang 
war schwer und schleppend, als wenn er 
sich seit langer Zeit des Gehens ent 
wöhnt hätte. Gebückt und schwerfällig 
wanderte er zur Straßenecke und bog in 
die erste Seitengasse ein. Unauffällig war 
ihm ein würdiger Herr gefolgt, ein Herr, 
der gemächlich seiner Wege ging und 
augenscheinlich viel Zeit hatte. In der Sei 
tengasse wartete bereits Mattheo auf ihn. 
„Halten Sie das Hotel im Auge“, raunte 
Mattheo dem Herrn zu, „ich muß das 
Gepäck vom Gefängnis holen.“ 
Der würdige Herr nickte kurz. Die bei 
den wanderten in verschiedenen Rich 
tungen weiter. Mattheo schwerfällig wie 
ein entlassener Sträfling, der andere 
langsam und gemächlich, wie ein Mann, 
der sehr viel Zeit hat. — 
„Das Leben ist eigentlich doch ganz 
schön“, stellte Svensen fest und warf sich 
auf das Sofa, dessen Federn im Laufe der 
Zeiten jede innere Harmonie verloren 
hatten. „Ja, die Menschen ändern sich ... 
Noch vor drei Jahren war mir keine Frau 
schön genug, kein Hotel elegant genug, 
und heute bin ich zufrieden, in einem 
Zimmer zu wohnen, das zwar unglaub 
lich erbärmlich ist, aber den einen Vor 
teil hat, nicht abgesperrt zu sein. Wenn man 
drei Jahre hinterverschlossenenTüren ge* 
sessen hat, weiß man das zu schätzen..." 
Um das Gefühl der Freiheit wirklich 
zu genießen, erhob er sich, öffnete die 
Tür weit und wanderte in dem Korridor 
auf und ab. Der Lärm der Straße drang 
zu ihm, das Hupen der Autos, die Klin 
gelsignale der Straßenbahnen. Wie be 
rauscht ging er die Treppe hinab. Als er 
vor dem Hotel stand, umfing ihn wie 
eine brausende Symphonie der Verkehr 
und das Leben der Straße. Er war frei! 
Konnte tun und lassen, was er wollte. 
Niemand bewachte ihn, niemand folgte 
ihm! Und der alte, graubärtige Herr, der 
gemächlich seiner Wege ging, hatte sicher 
nichts mit der Polizei zu tun. Svensen 
bog in die Seitengasse ein. 
Der graubärtige Herr folgte Ihm. Er 
folgte ihm durch drei Straßen und blieb 
ihm auf den Fersen, obwohl Svensen alle 
erdenklichen Mittel anwendete, seinem 
Verfolger zu entgehen. Keuchend langte 
er vor dem Hotel an und lief Mattheo in 
die Arme, der eben einer mit Koffern 
beladenen Autodroschke entstieg. 
„Was sagst du, Mattheo“, rief Svensen 
und dämpfte seine Stimme zu einem 
leisen Flüstern: „Was sagst du dazu, 
die Polizei ist hinter mir her! . , 
2. 
Henrik Svensen predigt 
Moral. 
Svensen wanderte mit großen Schrit 
ten in dem Hotelzimmer auf und ab. 
„Für einen Diebstahl, den ich nicht be 
gangen habe, mußte ich drei Jahre im 
Kerker sitzen, und noch jetzt sind sie 
hinter mir her.“ 
Mißmutig beugte er sich über seinen 
Koffer und begann auszu 
packen. Bald unterbrach er 
diese Tätigkeit und nahm 
seine Wanderung durch das 
Zimmer wieder auf. Schuhe, 
Wäsche und Kleidungsstücke 
blieben verstreut dm Zimmer 
liegen. Mattheo versuchte 
Ordnung in dieses Chaos zu 
bringen. 
„Unschuldig? . . . und drei 
Jahre? . . .“ fragte er schwer 
fällig, „das ist zuviel.“ 
Svensen, ganz in seine Ge 
danken vertieft, unterbrach 
plötzlich seine Wanderung 
und wandte sich zu Mattheo: 
„Ich will dir meine Ge 
schichte erzählen. Was ich 
erlebt habe, ist unglaublich.“ 
Unglaublich wäre nur, 
dachte Mattheo, wenn du 
auch mir die Komödie deiner 
Unschuld Vorspielen würdest. 
„Ich war vor drei Jahren“, 
begann Svensen, „Einkäufer 
des holländischen Juwelen 
syndikats. Dieses Syndikat 
unterhält in der ganzen Welt 
Filialen, Sehr fähige Köpfe 
haben eine wunderbare Or 
ganisation geschaffen, die fast 
den ganzen Diamantenhandel 
' monopolisiert hat. Wenn das 
Syndikat will, steigen die 
Preise, denn seine Einkäufer 
tauchen in Amsterdam, Paris, 
Johannisiburg,, London, kurz 
in allen Großstädten der 
Welt auf und kaufen Dia 
manten ein — und wenn das 
Syndikat will, fallen die 
Preise. . . .“ 
Er unterbrach sich, blickte 
auf den aufmerksam zuhören 
den Mattheo und lächelte. 
„Das verstehst du ja alles 
nicht . . . nämlich . . . ich 
erzähle gern von diesem Syndikat, für 
das ich fast sechs Jahre gearbeitet habe. 
Ich hatte viel Freude an meinem Beruf! 
Heute war ich in London . . . morgen in 
Paris und am nächsten Tage rief mich 
eine Kabeldepesche nach Berlin .... 
aber um wieder auf meine Geschichte 
zu kommen . . . weißt du, was ein 
Scheck ist?“ 
„Ein Scheck?“ wiederholte Mattheo 
schwerfällig. „Oh, ich weiß, was ein 
Scheck ist . . . ich habe einmal einen 
goldenen Ring gegen einen Scheck ver 
kauft. Als ich aber den Scheck bei der 
Bank präsentierte, hat man mich hinaus 
geworfen. Ich habe mich aber darüber 
nicht geärgert, denn der goldene Ring 
war auch nicht von Gold . . Svensen 
sah ihn unwillig an. 
„Du mußt dir solche Betrügereien ab- 
g-ewöhnen, wenn du bei mir bleiben 
willst.“ 
Mattheo senkte den Kopf. 
Die Sache wird amüsant, dachte er. 
Henrik Svensen predigt Moral. 
(Fortsetzung folgt).
        
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