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Full text: Berliner Leben Issue 29.1926

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Die raffinierteste Trau Berfins 
Ein Ließes* und Abenteurer*Roman von Garai*Arvay 
I. 
Zwei Koffer und zwei 
Schicksale. 
D ie kalte, wenn auch primitive 
Dusche hatte Svensen ungemein 
erfrischt. Er streckte seinen 
sehnigen Körper, frottierte sich 
sorgfältig und warf dann rasch 
seine Sträflingskleider wieder über. In 
dem kahlen Baderaum war nur ein klei 
nes Fenster, welches so hoch lag, daß 
Svensen sich auf die Zehenspitzen stellen 
mußte, um in den Gefängnishof sehen zu 
können. Sträflinge wanderten dort 
stumpfsinnig im Kreise umher. Gestern 
noch hatte Svensen mit den anderen 
„Spitzen getreten“, wie man im Gefäng 
nis das Umherwandern im Kreise nennt. 
Heute aber war seine Haft zu Ende. 
Svensen wandte sich ab; diesen Hof 
hatte er nun schon so lange gesehen. Er 
kannte jeden Stein der hohen Mauern, 
die so tiefe Schatten warfen, daß selbst 
zu Mittag nur ein winziges Viereck des 
Gefängnishofes im Sonnenschein lag. 
Das war nun alles vorbei. Die Welt, 
die weite Welt wartete auf ihn, 
die Welt mit grünen Wäldern, lachendem 
Himmel/— — die Welt mit schönen 
Frauen 'wartete auf ihn. Wie oft waren 
sie durch seine 
Träume geschritten, 
kokett tänzelnd, 
dann wieder könig 
lich stolz. 
Svensen lachte 
froh auf. Drei lange 
Jahre waren vergan 
gen. — 
Er öffnete die Tür 
des Baderaumes, 
schritt durch die lan 
gen Gänge und blieb 
vor einer Tür stehen, 
die zu der Garde 
robe des Gefange 
nenhauses führte. 
Er schien nicht 
der einzige zu sein, 
der heute das Ge 
fängnis verlassen 
durfte, denn der 
Aufseher reichte ge 
rade einem Manne 
in Sträflingskleidern 
einen Koffer über 
das Pult. Svensen 
blickte mit Sympa 
thie auf seinen 
Schicksalsgefährten, 
der ein scharfge 
schnittenes, aber 
gutmütiges Gesicht 
hatte. Seine Gestalt 
jedoch war etwas 
gebückt und seine 
Bewegungen waren 
langsam, schwerfällig 
wie die eines lauern 
den Tieres, das stets 
auf Verteidigung be 
dacht sein muß. Der 
Mann schleppte den 
Koffer zu einer Bank 
und öffnete ihn dort. 
Nun, seine Garde 
robe schien wäh 
rend der langen 
Haft ihres Besitzers 
nicht eleganter ge 
worden zu sein. Er 
kramte unzufrieden 
im Koffer und för» 
derte schließlich eine 
Taschenuhr zutage. 
Es war eine faustgroße Nickeluhr, die ihm 
sicherlich von seinem Großvater vererbt 
worden war. Er zog sie auf, hielt sie 
ans Ohr, horchte und sagte dann mit fast 
kindlicher Freude zu Svensen: „Sie geht!“ 
Der Aufseher warf einen kurzen Blick 
auf Svensen. 
„Nummer 67“, sagte er. Dann wandte 
er sich dem Berg von Koffern zu. 
Während der Aufseher sich bemühte, 
Svensens Koffer zu finden, hatte Sven 
sen Muße, den Mann auf der Bank näher 
zu betrachten.Schließlich setzte er sich zu 
ihm und fragte: heute letzter Tag?“ 
„Fünf Jahre und letzter Tag“, ant 
wortete der andere. „Ja, ja . . . fünf 
Jahre und letzter Tag.“ 
„Hm“, machte Svensen, „drei Jahre 
und letzter Tag.“ 
„Drei Jahre? . . . Auch genug . . .“ 
„Auch genug ..." 
Unterdessen hatte der Mann auf der 
Bank einen unendlich zerdrückten, 
schäbigen Anzug aus dem Koffer hervor 
geholt. Mißmutig hielt er ihn gegen das 
Licht und betrachtete die vielen schad 
haften Stellen. Dann wandte er sich wie 
der zu Svensen: 
„Meineid . . .“ 
„Diebstahl . . .“ antwortete Svensen. 
Nachdem sie auf diese Weise ihre 
kurzen aber inhaltsreichen Visitenkarten 
ausgetauscht hatten, hingen sie weiter 
ihren eigenen Gedanken nach. Der 
„Meineid“ wandte sich wieder der 
Quelle seines Mißvergnügens, dem 
schäbigen Anzuge, zu. 
Der Aufseher hatte Svensens Koffer 
gefunden, der so groß und so schwer 
war, daß Svensen über das Pult steigen 
mußte, um mit Hand anzulegen. Sogar 
der „Meineid“ mußte helfen. Einer mit 
leidigen Regung folgend, entnahm Sven 
sen seinem wohlgefüllten Koffer einen 
Sportanzug, reichte ihn seinem Schick 
salsgefährten, den dieser mit lautem 
Freudengeheul in Empfang nahm. Eine 
passende Krawatte, Strümpfe und 
Schuhe vervollständigten die Aus 
rüstung, und bald stolzierte der „Mein 
eid“ in seinem neuen Dreß siegesbewußt 
auf und ab. 
Auch Svensen vertauschte jetzt sein 
iSträflingsgewand mit einem eleganten 
Straßenanzug, und nach kurzer Zeit ver 
ließen zwei gut aussehende Herren das 
Gefängnis. Der „Meineid“ trottete neben 
Svensen her wie ein treuer Hund. Bald 
waren beide in der Westerbro öade an 
gelangt. Zahllose Autos, Trams und 
Autobusse rasten vorbei. Schöne 
Frauen in mondänen 
Toiletten, in Parfüm 
wolken gehüllt, zier 
liche Ladenmädchen 
mit munteren Augen 
kreuzten ihren Weg. 
Svensen blickte den 
zierlichen Figuren, 
den wohlgeformten 
Beinen nach, die 
graziös am Trottoir 
dahintrippelten. 
„Frauen“, sagte er 
leise und zärtlich, 
„Frauen“ . . . 
Sie gingen weiter. 
Svensen betrat ein 
Zigarrengeschäft 
und genoß das lang 
entbehrte Vergnü 
gen, sich das kaufen 
zu können, was er 
eben wünschte. Als 
er herauskam, sah er 
seinen Gefährten 
trübselig durch das 
Schaufenster in den 
Laden starren. 
Wie ein Hund, 
mußte Svensen den 
ken, wie ein treuer 
Hund wartet er . . . 
'Er bot ihm eine 
Zigarette an und 
blies selbst wohlge 
fällig den Rauch der 
Zigarette in die 
Luft. Er ließ das 
Meer von Menschen 
an sich vorbei- 
strömen. 
„Was haben Sie 
eigentlich vor . . . 
heute . . . morgen?“ 
„Nichts“, antwor 
tete der „Meineid“ 
trübselig. 
„Wollen Sie bei 
mir bleiben?“ 
Der andere blickte 
ihn an, nickte — 
dann gingen sie. 
Katarrhen det /Umungsorgane, 
in«befonbere ßrondjitis u. brondjtfifdjen, häufig mit oertoeeftfeffen 
Slfembefchtperben, fotoie tuberfulcfen <ErBranBungen er}ietfen jufotge 
Safjtreid) ttorliegenber SEiffeilungen hon Särjten, Stpofijefen unb Zeibenben 
itt jahrelanger profis ttoryligtidje erfolge. 
£>u|ten, bdferfrit, Derföldmune, 
3tu«»urf, Jlcicbficbroeift, ©tiefte im dürfen u. iSruflfdjmerä hörten auf; 
allgemeine« 2Boft(bepnben fteKte fid) ein; uftn. — ©o unb ähnlich fchalfte 
e« freubig au« b'iefen 'JJliftcifungen. Der Cftefargt eine« Preufj. Kreis» 
franfenftaufes berichtet in ber Siffg. 3Jieb. 3entratstg. über gute (Srfotge 
mit Jtotolin* Pillen unb feftreibt bei (Srroäijnung eine« harfnäefigen 
ja«e«, bei bem alle fonft befannten Glittet berfagt hatten: 
„Do greife i<fr in meiner Pcryoeifiung 311 den Kototin*Pillen und 
gu meiner eigenen aberrofefrung tritt im Deriouf einer tPocfre 
ein Ümfdjtruwg gum Peseten ein, öer Kefrfruften läßt noch ufroA 
Stuf Stnfrage bei mehr a(« 100 Slpofftcfcn au« aften ©egenben be« 
Jteidje« ging nidjt eine einjige ungünstig lautende Antwort ein; 
alle Stntoorfen tauten etma roie bie fotgenben: 
ftl. &r«U3<5tt»>tf)., HugSftutg: Bai Präparat l|t naefi aften sSuöerimgen ber »an mir 
befragten Käufer, Sie ben öerfd)iebenften Greifen sugebören, ein suoedäffigeä unb und* 
fameä Giftet. — (SamarttertQtyotf)., SÖetHit: 3hre :ftofotin»piflen »erben nid)t nur 
t>om publitum gern getauft, fonbern aud) un$ feibft mad)t eä bireff Vergnügen, fie »er* 
faufen 3U fbnnen, »eil »ir immer nur lobenbe Urteile über bie gute SBirfung ^u bö'ren be** 
fommen. — <attotjven*9tyotf)., <Srfuct: Seile 3h« ß n gerne mit, ba£ 3hre Cftofolin-piflen 
t>om J3ubfi?um fehr gelobt »erben; t>erfd)iebenflich »urbe fogar behauptet, ed »äre bad 
einjige Mittel, ba£ bie jettf geholfen hätte. — £ött>eu* < 2tt>iotfy., i iHofoHnopiflen 
erfreuen fich gesteigerter Nachfrage. &ud) mein 33ater, 85 3<*h rß <*tt, hält 0ro£e <5tücfe 
auf fie. Gr fmi einen cf>ronifd)en 23rond)iatfatarrh nnb hält non affen ange»anbfen Mitteln 
biefe piflen für ba$ hefte. — uf». 
Rotolm»PiUen (Seffanbfeife: Pix fagi spec. m. parat. / Ovolecith. / Acid. Benz e. Siam / 
Acid silic. / Rad. Liquir. / Rad. Alth. / Minerale / „Viosulfal“ ©euffdje« Jteidjäpafenf) 
jinb erftäfffid) burd) affe Stpofft. ober bireff bureft un« hon unferer 33erfanb»3tpot()efe ju 
2Jlf. 2.80 pro ©djadjfet, bei bret ©djadjtefn auf einmat ju JEf. 2.50 pro ©djadjtet 
gegen iSoreinfenbung be« Setrage« ober Nachnahme jujügtid) Sofien. Ohne fejle Se» 
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