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Full text: Berliner Leben Issue 29.1926

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DAS 
JAHRHUNDERT DER FRAU 
sion zur ruhigen, kühlen und doch 
temperamentvollen Aussprache 
der Beteiligten selbst erheben. 
Wir wollen 
an keinem Problem des Tages 
vorübergehen, 
wir scheuen uns vor keiner Frage 
und wollen offen aussprechen, 
was ist. Wir scheuen keine Kritik, 
nicht an anderen, nicht an uns. 
Wir wollen alle, die etwas zu der 
großen Frage der Frau zu sagen 
haben, seien es Männer, seien es 
Frauen, seien es bekannte oder 
unbekannte Namen, zu Worte 
kommen lassen. 
Es klafft eine gähnende Lücke 
in der Presse, die ausgefüllt wer 
den muß. Die Tagespresse, die 
mit politischen, wirtschaftlichen 
und lokalen Fragen überlastet ist, 
hat nicht Zeit noch Raum. Die be 
stehenden Gesellschaf tszeitschrifs 
ten und Modeblätter widmen sich 
fast ausschließlich den SpeziabGes 
bieten der Mode, der Literatur, 
der Kunst, der Gesellschaft. Die 
Frau und ihr Problem kommen in 
ihnen nur zu Wort, soweit sie mit 
diesen Themen im Zusammen 
hang stehen. 
Die wenigen ausgesprochenen 
Frauenschriften sind entweder 
Hausfrauenzeitschriften oder ten 
denziös gebundene Kampforgane. 
Es fehlt die Zeitschrift, die 
allein der Frau und nur der 
Frau mit allen ihren Pro 
blemen, ihren Sorgen und 
Nöten, gehört. 
Die Zeiten ruhiger Beschaulich 
keit, der Besinnung auf sich 
selbst, der Begrenzung der Pro 
bleme auf den Raum des eigenen 
Hauses, die Zeiten des Abge 
schlossenseins von den Kämpfen 
des Tages, vom Ernst des wirt 
schaftlichen Kampfes sind für 
die Frau vorüber. Berufsfragen 
aller Art, die früher ausschließlich 
Fragen des Mannes waren, sind 
in die Interessensphäre der Frau 
gerückt. Kaum noch ein Beruf, 
der der Frau heute nicht er 
schlossen ist, zu dem sie sich 
nicht den Zutritt erkämpft hat. 
Und doch sind alle diese Fragen 
offene Probleme, unabgeschlossen, 
noch wird um jeden Posten, um 
jeden neuen Platz, den die Frau 
gewinnen will, mit Energie ge 
kämpft. 
Vor allem aber eins: die schaf 
fende, arbeitende Frau, die be 
ruflich tätige Frau, sie hat bis 
heute noch nicht den Mut gefun- 
Aufwärts 1 
Frl. Wanda Reynolds ist die einzige Frau 
Amerikas,die das Kapitänsexamen bestanden 
hat. Unser Bild zeigt die 19jährige junge 
Dame am Mast der WettoSegeljacht .Pfad* 
finder* in der San FranziskonBai in Kali* 
formen. Phot. Keystone 
D as Jahrzehnt des Kindes 
ist schnell vom Jahr 
hundert der Frau abgelöst 
vordem „Tugendkrise der 
bürgerlichen Frau“, Moral 
krise der weiblichen Jugend, 
Ehereform, Liebesrevolu- 
tion, Frauenberuf, Frauen 
sport. Das sind Schlagworte 
des Tageskampfes, die zwar 
keineswegs die Probleme in 
ihrem Kern berühren, die 
aber klar und eindeutig die 
Bedeutung der Fragen, die 
heute die moderne Frau 
umgeben, für das Volks- 
Ganze für die Zukunft un 
seres Volkes, kennzeichnen. 
Was wir wollen? 
Diese Probleme, 
die Probleme der modernen 
Frau 
aus demTageskampf heraus 
lösen, aus der Hast des All 
tags zur Besonnenheit eines 
ruhigen Tages, aus der Hef 
tigkeit der Parteiendiskus- 
Der weibliche Jockey. phot - Keystone 
Fünf Frauen nahmen als Berufsjockeys an den Rennen von New Market Town in Amerika teil. Die Siegerin blieb auch 
über ihre männlichen Kollegen Miß Rickaby auf „Stephania“, während ebenfalls ein zweiter weiblicher Jockey, 
Miß Eilecn Joel auf ,,Hogier“, den zweiten Platz belegte,,
        
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