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Full text: Berliner Leben Issue 29.1926

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(18. Fortsetzung; 
LIEBCHEN 
ROMAN VON WALTER ANGEL 
AS.ON 
ms 
fjeorq 
Alexander 
Der van Heusen Kragen ist bequem wie ein weicher Kragen, elegant 
wie ein steifer Kragen, stärken überflüssig, daher billigste Hauswäsche 
Marianne schmiegte sich an ihn. Etwas 
wie Mitleid wandelte sie an. Er hatte sich 
ihr noch nie aufrichtig gegeben, ihr so 
unverhüllt sein Inneres erschlossen. Ihre 
Rücksichtslosigkeit reute sie ein wenig. 
Aber hatte ihr Du Barry nicht mit vielen 
und einleuchtenden Gründen bewiesen, 
daß sie schleunigst vom Hof anerkannt 
zu werden trachten müsse, daß sie sich 
früher nicht sicher fühlen dürfe? — „Ich 
habe ja selbst unter meinem Betragen ge 
litten, Sire, ich weiß, daß es unschön war 
. . . Aber ich bin allein, allein den ganzen 
langen Tag, trübe Gedanken kommen, 
die sich nicht immer bannen lassen . . . 
Was hat Ihnen Sorgen gemacht, Sire? 
War ich es?“ schmeichelte sie. 
Es machte den König glücklich, Mari 
anne zufrieden und wieder vergnügt zu 
sehen. Ihre Hände um seinen Hals ver 
schlungen haltend und den Kopf an ihre 
Wange gelehnt, meinte er schmunzelnd: 
„Du, Kind? Gewiß, auch du . . . Doch 
es gibt weniger liebreizende Persönlich 
keiten, die mir keine kleineren -Unan 
nehmlichkeiten bereiten und die mich 
sicherlich nicht so zärtlich versöhnen 
werden . . . Choiseul, der mir zu lange 
M orgen schon wollte er mit Le 
Bel sprechen. 
Mit Le bei? Manches Mal, 
wenn er dem Kammerdiener 
von Marianne vorschwärmte, 
schien es ihm, als ob dieser nichts 
weniger als entzückt wäre über seine 
Anhänglichkeit an Frau von Lancon. Es 
gab Dinge, die man ihm verbarg. Man 
sollte sie weiter verbergen, er wollte 
nichts wissen, nichts erfahren! 
Ob Marianne sich dessen bewußt war, 
wie sie ihn durch ihr launenhaftes Wesen 
quälte? War sie ein eigensinniges Kind, 
war sie eine zielbewußte Frau? . . . Viel 
leicht machte gerade diese Unausge 
glichenheit, Rätselhaftigkeit ihrer Natur 
ihren -stärksten Reiz aus. Oder sah er 
Rätsel, wo es keine gab? . . . 
Lange hatte der König, solchen Über 
legungen hingegeben, von ihr abgewandt, 
am runden Ofen gelehnt. Mit einem tie 
fen Atemzug ließ er sich nun in einen 
der kleinen Fauteuils fallen. Er drehte 
den Kopf zu Marianne zurück. 
Er bemerkte, wie gespannt sie an 
seinem Munde hing. Er brachte es nicht 
übers Herz, sie länger in Ungewißheit 
zu belassen. 
„-Sie werden auch 
das erreichen . . . “ 
sprach er langsam 
und gepreßt. 
Mühsam hatte er 
sich die schwerwie 
gende Zusage abge 
rungen — aber eine 
Zusage blieb es! 
Und seinen Ver 
sprechungen konnte 
man vertrauen. Ma 
rianne sprang auf — 
sie flog auf ihn zu. 
„Sire, wie gut Sie 
sind . . .“ Sie wollte 
ihm in ihrer Freude 
die Hand küssen. Er 
nahm die ihre und 
küßte sie lang und 
innig. 
„Ich bin nicht gut, 
nur verliebt . . . “ 
meinte er mit et 
was -schmerzlichem 
Lächeln . . „Lassen 
Sie mich Ihre Unge 
duld nicht entgelten, 
Marianne. Ich kann 
es nicht glauben, will 
es nicht glauben, daß 
Sie mit Bewußtsein 
mir wehe tun. Ich 
freue mich, Sie am 
Abend sehen zu 
können, die Sorgen 
und Unannehmlich 
keiten des Tages bei 
Ihnen vergessen zu 
dürfen, und Sie, Sie 
haben nicht mehr als 
ein griesgrämiges Ge 
sicht und Wortkarg 
heit für mich übrig. 
Gerade in diesen 
Tagen hätte ich Ihr 
Lächeln nötig ge 
habt ..." 
kränkelt, Choiseul ist’s." Sobald er auf 
geräumt war, geriet er ins Schwatzen. 
„Es geht nicht mehr recht weiter ohne 
ihn“, fuhr Ludwig fort, mit solcher Ernst 
haftigkeit, als unterrede er sich mit einem 
seiner Ratgeber, „es sind täglich Ent 
scheidungen zu treffen, unaufschiebbare 
Entscheidungen, die seine Stimme nötig 
machen, und er weilt in Chanteloup und 
schreibt von dort aus, daß ihn sein Zu 
stand noch immer -schonungsbedürftig 
mache. Beispielsweise muß jetzt endlich 
ein neuer Kommandant der Leichten 
Reiter ernannt werden. Der Kriegs 
minister dringt darauf. Antoine von 
Aiguillon wurde in Vorschlag gebracht, 
Choiseul ist dagegen, wünscht die Er 
ledigung bis zu seiner Rückkunft ver 
schoben. Die Sache drängt, man liegt mir 
in den Ohren, hier die Fürsprecher 
Aiguillons, dort der Anhang Choiseuls. 
Das ist nur ein Fall von vielen.“ 
Marianne, die hinabgerutscht war und 
auf einem Polster zu des Königs Füßen 
kauerte, horchte auf. 
„Was hat Choiseul gegen ihn?“ 
„Gegen wen?“ meinte Ludwig, der sich 
schon mit anderen Gedanken beschäftigt 
hatte und immerfort 
darüber nachdachte, 
wie er Le Bel, der 
sich die Gunst der 
prüden königlichen 
Prinzessinnen nicht 
gern verscherzte, füg 
sam machen könnte. 
„Gegen Aiguillon.“ 
„Ich weiß es nicht, 
Aiguillon ist sonst 
gut empfohlen.“ 
Marianne reckte 
ich in die Höhe. 
„Sollte es ihm genü 
gen, daß Aiguillon 
zu meinen Bekann 
ten gehört?“ 
„Ah . . . warum 
fragen Sie so?“ 
meinte Ludwig über 
rascht. 
Marianne, die auf 
gestanden war, nahm 
die Haltung ge 
kränkter Würde an. 
Sie sprach mit Em 
phase: „Weil mir Ihr 
Minister die Ehre 
'antut, mich mit 
seiner Verachtung 
zu verfolgen.“ 
„Davon höre ich 
das erstemal . . . “ 
„Jawohl, Sire, Sie 
sollen es erfahren, 
ich will nicht, daß 
ein Unschuldiger 
meinetwegen Nach 
teil erleidet.“ Sie 
spielte nun die be 
herrscht Erregte. So 
gar ihre Stimme 
wußte sie in zorniges 
Beben zu bringen. 
Welche wundervolle 
Gelegenheit, der 
Choiseulschen Clique 
eines aufs Zeug zu 
flicken und zugleich 
den klugen Aiguillon 
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„SckmukpomWiAlchafisgeld? 
„Oh nein!" 
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