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Full text: Berliner Leben Issue 29.1926

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Florath und Faber in „Die Räuber“ im Schauspielhaus. 
Leuten. Vor kurzem habe ich Reso dort getroffen. Und 
dann die Modenvorführungen. Ja, warst du denn schon 
bei Gerson? Entzückend sage ich dir. Demnächst wer^ 
den doch wohl auch Friedmann & Weber, Hausdorf, 
Herpich und alle anderen führenden Firmen Neues 
zeigen. Moden und von Künstlerhand gedeckte Tische. 
Die Tauentzienstraße hat ja ihre Sensationen schon ge 
habt, den Schauspielernachmittag mit seinem lebensge 
fährlichen Gedränge im K. d. W. und den Juwelenein 
bruch am hellen Nachmittag. Dolle Sache, was?“ 
„Ja, dolle Sache“, wiederholte Alice träumerisch, „du 
hast schon recht, in der Gegend ist immer was los. 
Eigentlich ein Grund, leben zu bleiben.“ 
„Mindestens bis du die Massary-Pallenberg-Revue ge 
sehen hast. Die scheint ja immer noch nicht ganz 
fertig zu sein. Pallenberg spielt jetzt noch mit 
der Käte Dorsch „Das große Abenteuer“ mit 
großem Erfolge. Er ist ja auch bezaubernd. 
Übrigens hast du „Die Gefangene“ von Bourdet 
mit der Thimig gesehen? Nein? Dann geh hin, 
das ist noch wichtiger als die Metropoltheater- 
Revue „Wieder Metropol“, in der der kleine 
Hansen hinreißend ist. Auch die „Räuber“ im 
modernen Gewände muß man gesehen haben, 
erstens w'egen der Bildung, zweitens wegen der 
Inszenierung. Dann natürlich schon aus Be 
geisterung für unsere Polizei im Staatstheater 
die Premiere dieser Woche: „Die beste Polizei“ 
(Nebenbei: Zu Ehren der Polizeiausstellung ist 
eine große Modenschau im Zoo.) Auch das Ko 
mödienhaus hat in dieser Woche seine Erstauf- 1 
führung „Einbruch“, ein Stück von Artur Lands 
berger und Roberts. Ich bin darauf ebenso neu 
gierig wie auf das Jiddische Theater, das mit 
„Ghetto“ ins Theater in der Klosterstraße ge 
zogen ist. Im Deutschen Theater geht am Freitag 
„Peripherie“ zum ersten Mal in Szene. Bert 
Brecht ist ja in Darmstadt rausgekommen: 
„Mann ist Mann“. 
„Mann ist Mann — du hast eigentlich recht.“ 
Alice richtete sich auf. Sie lächelte; wirklich, sie 
lächelte mit diesen bezaubernden Zähnen, die 
einen Schein von Helle über das ganze kleine 
Gesicht warfen. „Ich glaube lang 
sam, ich muß mit dem Erschießen 
noch ein bißchen warten.“ 
„Und ob du warten mußt! Glaubst 
du, ich werde ohne dich zu dem 
Tanztee der Baronin Dewitz und 
des Grafen Lerchenfeld gehen, die 
von jetzt ab wieder regelmäßig am 
Kurfürstendamm tanzen? Du hast 
doch Pflichten gegen deine Mitmen 
schen. Zuerst einmal rate mir: was 
soll ich zu dem Ball anziehen, der 
als erster Presseball von der Sport 
presse im Sportpalast gegeben wird? 
Du siehst, ich habe nicht weniger 
Sorgen wie du. Aber erschieße ich 
mich? Im Gegenteil, ich nehme mich 
zusammen, um allen Anforderungen 
der Saison gewachsen zu sein. Es 
tut sich was. Die Gesandtschaften 
sind zurück, demnächst beginnen 
ihre Empfänge. Da muß man ge 
wesen sein. Abends ist immer irgend 
eine Premiere, und nachts, ja nachts 
steigen die Schauspielervorstellun 
gen, in denen die erfolgreichen 
Stücke von Kollegen vor Kollegen gespielt werden. 
Aber damit noch nicht genug, jetzt beginnt die 
Zeit, da einem täglich Stöße von Einladungen zu den 
Einweihungs- und Eröffnungsessen der Klubs auf den 
Tisch fliegen. Du weißt, ich spiele nicht, aber ich muß 
doch überall gewesen sein, muß diese eigenartige At 
mosphäre aus Leidenschaft, Parfüm und Geld gerochen 
und mich einmal, wenigstens einmal zwischen die Menge 
gemischt haben, von denen nur ein kleiner Teil kommt, 
um zu spielen und all die anderen, um kostenlos Kaffee 
zu trinken und Abendbrot zu essen. Ich muß alles sehen, 
alles erleben, was die Saison uns bringt, ebenso . . . “ 
„Ja, ebenso muß ich auch!“ vollendete Alice, sprang 
auf und sagte, während der Revolver auf die Erde fiel: 
„Laß ihn liegen, er ist sowieso nicht geladen. 
Kempinski am Kurfürstendamm
        
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