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Full text: Berliner Leben Issue 29.1926

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Valencia 
Als Jenny zu Alice in das Zimmer trat, war Alice im Be 
griff, sich zu erschießen, wobei sie sich noch einmal — zum 
letzten Mal — die Lippen schminkte und Tränen auf ihre 
Zigarette rinnen ließ. 
„Mein Gott — tu das Schießgewehr weg!“ schrie Jenny. 
Aber Alice richtete den Revolver gegen ihre rotgefärbten 
Locken, weinte heftiger und erzählte in aller Eile die Ge 
schichte ihrer unglücklichen Liebe und ihrer Verzweiflung. 
„Ich will“, schloß sie, „ich will sterben, damit Alfred sieht, 
wie sehr ich ihn geliebt habe!“ 
„Das ist doch kein Grund“, sagte Jenny, „vor allem 
jetzt! Welcher Mensch erschießt sich denn zu Anfang der 
Saison? Im Frühjahr, wenn die Bälle vorbei sind — gut, 
das kann ich verstehen. Aber jetzt?“ 
Aber Alice war nicht zu beruhigen. Sic warf ihre unbe 
schreiblichen Beine mit Schwung in die Kissen des Sofas 
und flüsterte, die schwarzumrandeten Augen in die blaue 
Dämmerung des Zimmers gerichtet: „Laß mich ruhig 
sterben. Für mich gibt es keine Freude mehr. Außerdem — 
was ist schon wirklich los? Die Polizeiausstellung, na ja.“ 
„So, nur die Polizeiausstellung? Und der Polizeiball, das 
erste gesellschaftliche Ereignis in diesem Jahre, den willst 
du wohl nicht mitmachen?“ Dabei rückte Jenny näher. Sie 
saß nun zu Füßen der Freundin, legte ihre Arme mit einer 
zärtlichen Geste um die zuckenden Schultern in dem 
schwarzseidenen Pyjama, und während sie weitersprach, 
begann die andere ruhig zu werden und endlich zu lächeln. 
Der Revolver entglitt ihrer Fland, lag friedlich auf einem 
roten Kissen zwischen den zwei paar hellbekleideten 
Beinen, und über seinem Lauf schlängelte sich der Rauch 
der Zigaretten in die Luft. Denn jetzt plauderten die bei 
den Frauen mit der Hingabe, mit der Frauen über die 
Liebe, die Treue und das Vergnügen plaudern. 
„Sieh mal“, sagte Jenny gerade, „die Saison fängt doch 
in diesem Jahre so schön früh an. Alle Hotels haben schon 
ihre Gala-Diners, im Ede nwar sogar schon der erste Ball, 
ganz zu schweigen von den Tanztees, bei denen man doch 
unbedingt gewesen sein muß. Im Adlon spielt Marek 
Weber zum Gala-Diner, im Kaiserhof, der jetzt durch den 
drohenden Verkauf im Brennpunkt des Interesses steht, 
Professor Ehmki, im Eden Roß und Minari, und da ist auch 
jetzt die Halle wieder geöffnet. Nachmittags trifft man 
sich dort, sitzt sehr gemütlich unter lauter interessanten 
„Das große Abenteuer“ im Deutschen Künstler-Theater. 
Käthe Dorsch und Max Pallenberg. 
BERLINER 
FL! N K 
STUNK 
Vor. DINAH NELKEN 
Photos: Zander & Labisch 
und Photoschmidt
        
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