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Full text: Berliner Leben Issue 29.1926

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oll ich dir etwas aus Paris mit 
bringen?“ fragt Monsieur Cazenave 
seine Frau. 
„Welche Frage! Selbstver 
ständlich!“ 
Castellex, wo Monsieur und Madame 
Cazenave wohnen, ist nur eine kleine 
Stadt, und ein in Paris gekaufter Gegen 
stand ist nun einmal auf jeden Fall 
besser! 
So glänzen Madame Cazenaves Augen 
freudig bei der Frage ihres Gatten und 
sie antwortet voller Begeisterung: 
„Ich werde dir eine kleine Liste 
machen.“ 
Die kleine Liste steckt Monsieur Ca 
zenave in seine Westentasche, und erst 
am Tage seiner Rückreise, am Nachmit 
tag gegen vier Uhr, fällt sie ihm ein. 
Erst jetzt sieht er, was seine Frau „eine 
kleine Liste“ nennt; sie enthält nicht 
weniger als siebenundvierzig Gegen 
stände. 
Ich gebe zu, daß in den großen Waren 
häusern das Kaufen sehr einfach ist und 
man alles darin haben kann, was man 
will, ohne das Haus zu verlassen. Ja, 
aber das .Haus hat fünf oder sechs 
Etagen, drei oder vier angebaute Licht 
höfe, und ich weiß nicht, wieviel hun 
derte von Lagern. Nur um ein Dutzend 
Taschentücher, einen Borstenbesen und 
ein elektrisches Bügeleisen zu kaufen, hat 
Monsieur Cazenave eine halbe Stunde 
gebraucht, seinen Kragen durchgeschwitzt 
und seine Beine sind ermüdet. Endlich 
kommt er dazu, sich einen Moment auf 
einem Stuhl im Teppichlager auszuruhen, 
wo er sich Kokosteppiche zeigen läßt, die 
er gar nicht kaufen will. Monsieur Ca 
zenave ist ganz mutlos, er will noch am 
selben Abend reisen, die Warenhäuser 
schließen um einhalb sieben Uhr und er 
muß noch vierundzwanzig Gegenstände 
ausfindig machen. Nie kann er das 
schaffen! Aber das sind ja auch 
schließlich keine Männerarbeiten! ,Nur 
eine Frau kann sich da herausfinden! 
Und nur eine Frau, die gewohnt ist zu 
kaufen. Er überlegt. Und da er ein ein 
facher, guter Junge ist, ohne Hinterge 
danken, und selbst immer bereit, Gott 
und der Welt Gefälligkeiten zu erweisen, 
überlegt er nicht lange. Vor der ersten 
besten Dame, die ihm gefällt und ihm 
dafür geeignet scheint, zieht er den Hut: 
„Gnädige Frau, würden Sie mir einen 
großen Dienst erweisen?“ 
Und er setzt ihr alles auseinander: nur 
noch zwei Stunden Zeit, die Ent 
täuschung seiner Frau, der er nicht die 
siebenundvierzig, auf der kleinen Liste 
enthaltenen Gegenstände mitbringen 
kann, er, ein unbeholfener, linkischer 
Mann in diesem großen Gebäude. Ein 
großer Dienst, eine gute Tat. Würde es 
ihr vielleicht nicht auch ein wenig Spaß 
machen? Frauen kaufen doch so gern 
ein, das weiß man doch . . . vielleicht so 
gar auch, wenn es nicht für sie bestimmt 
ist. . . Bevor er sie ansprach, hat er sie 
ein wenig beobachtet, ihr zugesehen, wie 
sie hier und da die Auslagen betrachtet 
hatte, sie hatte sicherlich Zeit und würde 
ein wenig davon hergeben, um einem 
guten Ehemann einen Dienst zu erweisen. 
\ ^ K- A U f 
^ VON 
ALICE NEUMANN 
Einen Augenblick mustert sie ihn bei 
seinem Vorschläge, Aber nein, er ist ein 
dicker Herr, ohne Arglist, mit guten 
Augen, die jetzt fast kläglich sind. Und 
sie — Monsieur Cazenave hat es gut ge 
troffen — sie ist eine reizende, junge 
Frau mit heiterem Wesen. Sie lacht: sie 
erbarmt sich seiner. 
„Also geben Sie mir mal ihre Liste!“ 
sagt sie. 
Und so gingen sie zusammen. Ach, das 
war gleich etwas ganz anderes, sie kannte 
alle Lager und sie wußte sich zwischen 
den Frauen, die die Passage versperrten, 
durchzudrängen, wie ein Wassertropfen, 
der durch Kieselsteine seinen Weg findet. 
Auch verstand sie, wenn es sein mußte, 
ihre Ellenbogen zu gebrauchen. 
„Hier sind wir am Seidenstofflager." 
Monsieur Cazenave kann seine Ein 
käufe machen. Ja, aber sogleich stellen 
sich wieder Schwierigkeiten ein. 
„Einfach oder doppelt breit?“ fragt 
der Verkäufer. 
„Das weiß ich nicht“, stöhnt Monsieur 
Cazenave und sieht auf seine Begleiterin, 
sein Blick ist so flehend, daß sie Mitleid 
mit ihm hat: 
„Es soll zweifellos ein Kleid daraus 
gemacht werden, da nehmen Sie am 
besten 1,20 m breite Seide . „ . “ 
Und sie rechnet und überlegt. Eine 
reizende Frau! Beim zweiten Einkauf 
sagt Monsieur Cazenave zu ihr: „Denken 
Sie ganz einfach, es wäre für Sie . . . “ 
Sie wehrt zuerst ab. Es gibt so viele 
Dinge, bei denen man die Person, für 
die sie bestimmt sind, kennen muß. Zum 
Beispiel steht auf der Liste .Büsten 
halter'. 
„Ist Ihre Frau stark? Stärker als ich? 
Weniger stark?“ 
Monsieur Cazenave muß sie sich also 
betrachten, nicht wahr? 
„Sie ist „richtig“, wie es sein muß. 
„Meine Frau ist ein wenig dünner.“ 
Auf der Liste steht: ,ein fliederfarbenes 
Unterkleid'. Und die Dame fragt: 
„Ist sie groß?“ 
Monsieur Cazenave betrachtet sie wie 
der, als sie das Unterkleid anhält. 
„Ungefähr so groß wie Sie.“ 
Auf der Liste steht ,ein kleiner 
Glockenhut aus Stroh . . .' 
„Ist sie blond oder braun?“ 
„Blond wie Sie.“ 
Schließlich kauft die Dame alles wie 
für sich selbst ein. Sie schwankt noch 
zwischen einem jadegrünen und einem 
rosenholzfarbenen Hut. „Einen Hut kann 
man nur auf dem Kopf beurteilen“, sagt 
die Verkäuferin, „Madame muß ihn pro 
bieren.“ Und sie probiert, sie ist unter 
dem rosenholzfarbenen fast noch hüb 
scher als unter dem jadegrünen. 
„Nehmen wir den rosenholzfarbenen“, 
sagt Monsieur Cazenave. Er kauft eine 
Handtasche aus rotem Leder, die Dame 
hat mit solcher Überzeugung gesagt: 
„Sehen Sie doch, wie reizend diese ist!“, 
so daß sich Monsieur Cazenave zweifel 
los gar nicht mehr daran erinnert, daß 
Madame von jeher eine Abneigung gegen 
rot hat . . . Auf der Liste steht noch: 
„Drei Nachthemden aus Leinen mit 
Languetten.“ 
£ 
„Ach, wohl für das Mädchen?“ sagt 
sie. 
„Ja, ja“, antwortet Monsieur Cazenave, 
„für das Mädchen!“ 
Und die siebehundvierzig Artikel von 
der kleinen Liste sind schon, bevor die 
Minuten nahen, in denen die Verkäufer 
nicht mehr ganz so liebenswürdig zu den 
Kunden sind, eingekauft. Wie rasch ge 
kauft sind isiebenundvierzig Gegenstände, 
wenn man eine junge, gewandte Pari 
serin zur Seite hat! So rasch! Fast zu 
rasch . . . Monsieur Cazenave steht vor 
der jungen Frau, als er sich ver 
abschiedet, plötzlich linkisch da. . , . 
Vielleicht, weil er so viele Pakete im 
Arm hat? Ja, vielleicht. Vielleicht auch 
nicht nur deswegen. 
„Gnädige Frau, ich weiß nicht, wie ich 
Ihnen danken soll ... es war so reizend 
von Ihnen, was Sie für mich getan haben, 
das sehe ich jetzt erst so richtig . . . Sie 
kennen mich doch gar nicht und Sie 
waren so gut, mich zu begleiten und mir 
zu helfen. Hier ist meine Karte, gnädige 
F'rau, wenn Sie einmal auf dem Wege 
nach Biarritz, vielleicht in Castellex Halt 
machen, werden Sie mir das Vergnügen 
machen? Meine Frau wird sich doch auch 
gern selbst bei Ihnen bedanken.“ 
Er stottert ein wenig. Er hält ihr seine 
biedere Männerhand hin und einige 
Augenblicke ruht ihre kleine weiche 
Frauenhand in der seinen . . . und dann, 
es gibt so viele Leute auf den Trottoirs 
von Paris, nicht einmal mit den Augen 
kann er ihr folgen, sie ist sofort in der 
Menge verschwunden . . . 
Am nächsten Morgen, als Monsieur 
Cazenave in Castellex ankommt, ist 
Madame Cazenave in der Kirche, er ist 
allein im Zimmer, als er seinen Koffer 
auspackt, er hat die vielen Pakete darin, 
er betrachtet sie wehmütig, die sieben 
undvierzig Gegenstände, die er seiner 
Frau gekauft hat, nein, nicht seiner Frau 
. . . während der Stunden neben dieser 
hübschen Unbekannten, war es ihm, als 
kaufe er alles für sie, war es ihm, als 
wenn diese hübsche Frau zu ihm gehöre 
. . . . Unter dem rosenholzfarbenen 
Hütchen hat er ihr Köpfchen gesehen, 
unter dem Brusthalter hat er sich nicht 
Madame Cazenaves Büste vorgestellt. 
Durch das offene Fenster sicht er seine 
Frau, die aus der Kirche zurückkommt, 
groß wie sie, blond wie sie .... aber 
es gibt so verschiedene Arten von blond 
und groß! 
Er geht ihr entgegen und sagt zu ihr, 
als sie ihn begrüßt: 
„Ich konnte dir aus Paris natürlich 
nicht alles mitbringen, was du mir auf 
gegeben hast, ich hatte nur gerade Zeit, 
dir die Wirtschaftsartikel und deine 
Nachthemden zu besorgen .... Drei 
leinene Nachthemden mit Languetten. 
Und das übrige? Das übrige behält er 
für sich. Er versteckt es in seinem 
Geldschrank, nur manchmal, wenn er 
allein zu Haus unbeobachtet ist, faltet 
er die Pakete auseinander, behutsam, — 
zärtlich — und er träumt lange, lange 
vor einem Handtäschchen aus rotem 
Leder, einem fliederfarbenen Unterkleid, 
einem Büstenhalter und einem rosenholz 
farbenen Hütchen.
        
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