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Full text: Berliner Leben Issue 29.1926

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(4. Fortsetzung) 
LIEBCHEN 
ROMAN VON WALTER ANGEL 
M arianne, der es wider 
strebte, sich der Mar 
quise anzuvertrauen, eilte 
davon. 
Und Du Barry ließ nicht auf sich 
warten. Am nächsten Abend schon 
erschien er. Man spielte an den 
warmen Frühlingsabenden in dem 
Gartenpavillon. Bevor der Lakai 
ihn noch hatte anmelden können, 
stand er vor Marianne. Sehnig und 
schwingend, in seiner verwegenen, 
selbstbewußten Haltung, mit seinen 
harten, kecken Augen, die sich an 
ihr festklammerten. 
Er fragte sie, ob sie sich seiner 
noch erinnere. Sie meinte, mit ab 
sichtlich zur Schau getragener 
Gleichgültigkeit: „Herr Graf Du 
Barry . . . gewiß.“ 
Er gab der Gesellschaft die 
Attacke der Clermonthusaren bei 
Patrimonio zum besten; er schob 
den Ärmel zurück und zeigte 
eine frisch verharschte Narbe — den 
Dolchstich eines Korsikaners. 
Als Marianne, einem Auftrag der 
Marquise gehorchend den Pavillon 
verließ, folgte er ihr. Gegen ihren 
Willen beinahe verlangsamte sie 
ihren Schritt, bis sie ihn an ihrer 
Seite spürte. Schon hielt er sie an 
der Hand — da trat aus dem Schat 
ten eines blühenden Eliederstrauchs 
auf den mondbeschienenen Weg hin 
aus der Baron von Humieres. 
Alle drei standen still. 
Marianne war’s einen Atemzug 
lang, als müßte sie hinüber zu ihm — 
und sie mochte eine Bewegung zum 
Baron hin getan haben, denn stärker, 
schmerzhaft schloß sich Du Barrys 
Hand um die ihre. — Humieres 
grüßte und verschwand in der Dun 
kelheit. 
Du Barry zog sie in die Schatten, 
mit einem Griff, fest und hart, aus 
dem es kein Entfliehen gab. Er riß 
sie an sich und küßte sie wild. Sie 
versuchte sich zu wehren. 
„Nützt dir nichts, mein Schatz! — 
Glaubst du, man sticht einen tot, 
damit die anderen sich dann gütlich 
tun?“ - . .. ’ 
Sie verabscheute ihn für diese 
Worte und fühlte doch an seiner 
Brust heiße Schauer. 
„Du bleibst nicht länger hier, als 
bis ich ein Nest für dich gefunden 
habe.“ 
Sie wollte etwas einwenden. 
„Ich frage dich nicht, meine 
Liebe“, lachte er sie aus. „Und um 
ein Uhr erwartest du mich in deinem 
Zimmer.“ 
Dann ging er zurück zum Spiel. 
Eine Stunde später hatte es sich 
bereits verbreitet, daß Graf Du 
Barry dem Chevalier von Auneuil 
sein kleines Palais in den Champs 
Elysees abzukaufen gedenke. Au 
neuil war gegen zehn Uhr erschie 
nen, und Du Barry hatte gleich mit 
ihm zu unterhandeln begonnen. 
„Armes Korsika —“, sagte 
Brancas. 
Aber Marianne zwang der Unge 
stüm und die bedenkenlose Sicher 
heit Du Barrys doch Bewunderung 
ab. Sie begann sich innerlich in ein 
Schicksal zu fügen, vor dem es keine 
Flucht gab. Wohin und mit wem 
hätte sie auch fliehen können? Zu 
ihrer Mutter etwa? Sie stand mit 
der alten Vaiibernier sehr gut, sie 
hatte ihrer und des Mautbedien 
steten Rancon im Glück nicht ver 
gessen, und manchen Abend, in der 
Dämmerung, bevor sie hochgebo 
rene Herren zu zerstreuen hatte, war 
sie in die Rue St. Anne geeilt und 
nie mit leeren Händen gekommen. 
Die Mutter würde sie aufnehmen; 
doch eines Tages müßte sie sich ja 
doch wieder herauswagen, und das 
Verstecken in engen, armseligen 
Verhältnissen wäre vergebliche 
Qual gewesen. — Und wem bedeu 
tete sie so viel, daß er sie geschützt 
und verteidigt hätte? . . . 
Als die festgesetzte Stunde heran 
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nahte, versuchte sie Vergessen zu 
heucheln. 
Du Barry peitschte sie mit unge 
duldigen, drohenden Blicken hinaus. 
Der Glockenschlag eins war in 
der windstillen Nacht noch nicht 
verklungen, da trat er bei ihr ein. 
Sie mußte sich ergeben und war 
willenlos glücklich in seiner Umar 
mung, beseligt von den glühenden 
Stürmen seiner Zärtlichkeit. 
❖ 
Marianne bezog das kleine Palais 
in den Champs-Elysees, das in 
mitten eines wohlgepflegten Gärt 
chens lag. Mit üppiger, weichlicher 
Pracht war es eingerichtet. Im 
Hochparterre die Gesellschafts 
räume, im ersten Stock die Ge 
mächer des intimen Lebens: das 
Schlafzimmer mit goldgepreßten 
Tapeten, daneben der Baderaum in 
weißem Marmor, das Ankleide 
zimmer, das blaue Boudoir. 
Die Livree erwartete sie am Tor, 
als sie, einer Fürstin gleich, in der 
grüngoldenen Galakalesche, die mit 
zum Besitz des Hauses gehörte, 
ihren Einzug hielt: ein Schweizer, 
dick un'd rot, wie er sein mußte, 
ein geschmeidiger, brünetter Ita 
liener als Haushofmeister, zwei La 
kaien, ein Läufer, alle in -den Farben 
der neuen Herrin, grün und gold„ 
ehemals die Farben des jüngeren 
Auneuil, jetzt die der Frau von Lan- 
con, wie sich Marianne auf Wunsch 
Du Barrys von nun an -zu nennen 
hatte. Die Kammerfrau und die Zofe 
erwarteten sie im Schlafzimmer. 
Mariannchen eilte entzückt durch 
die Räume und küßte dankbar ihren 
Freund. 
Sie hatte seinerzeit gehört, daß 
Du Barry just nicht zu den Begü 
tertsten seines Standes gehörte, ja 
schon oft dem Schuldgefängnis nur 
durch königliche Huld entgangen 
sei, und sie wagte -die scherzhaft 
vorgebrachte Frage: „Waren Sie 
immer so reich . . .?” 
Er lachte: „Nicht immer — aber 
schon oft.” 
Am Abend gab es bereits ein 
Fest. Regimentskameraden und alte 
Freunde und Zechkumpane Du 
Barrys. Es ging hoch her, man war 
sehr vergnügt und sehr laut. Um 
Mitternacht lagen einige unter dem 
Tisch, Das war Marianne nicht ge 
wohnt, denn bei der Marquise hatte 
man auf Anstand und gute Sitten 
gehalten. Sie nahm sich vor, mit Du 
Barry darüber zu sprechen, und als 
-einer von den Betrunkenen unterm 
Tisch sie ins Bein kniff, verschwand 
sie und legte sich zu Bett. 
Jemand zog den Vorhang weg. 
Sie wachte auf. Im unsicheren Licht
        
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