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Full text: Berliner Leben Issue 29.1926

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BARON 
Nun glitt seine 
Hand tastend in den 
Ausschnitt ihres 
Kleides. Heiß und 
röchelnd stieß sein 
Atem hervor. Sein 
nasser Mund saugte 
sich an ihrem Hals 
fest, die Hand fuhr 
nach dem Saum ihres 
Kleides. 
Jetzt aber — jetzt 
wehrte sie sich. Zu 
erst geschah es nur 
aus einem nicht zu 
überwindenden Ekel 
dann jedoch 
durchblitzte es sie: 
du mußt dich ihm ja 
noch versagen! . . . 
Er darf nicht gleich 
ans Ziel kommen, 
der ungewohnte 
Widerstand wird ihn 
reizen, ketten . . . 
Und dieser Ge 
danke gewann sofort 
solche Gewalt über 
sie, daß er sie die 
einzige Triebfeder 
ihres Vorgehens be- 
dünkte. 
Sie hatte sich ihm 
entwunden. Sie sagte 
mit niedergeschlage 
nen Augen, Scham 
haftigkeit heuchelnd, 
aber sehr bestimmt: 
„Heute nicht, Sire“ 
. . . Dann hob sie 
bittend die Augen 
zu ihm auf. 
Der König starrte 
sie schweigend an. 
Erst stumpf, ver 
blüfft, allmählich 
forschend und durch* 
dringend. 
Sie fühlte, daß sie ein Wort sprechen 
müsse. „Vielleicht ist es eine anmaßende 
Gnade, die ich mir ausbitte . . .“ 
Er sah sie an und nickte. „Wenn's 
nicht nur eine Laune ist “ und er 
seufzte, ganz, ganz leise. — 
Eine halbe Stunde später brach er auf. 
Sie hatten wieder im Salon gesessen 
— und eine Partie iL’Hombre gespielt. Er 
hatte auch noch eine Tasse jenes Tees 
getrunken, nach dem man so gut 
schlief . . . 
Zehntes Kapitel. 
Marianne saß in der tiefen Fenster 
nische des weißen Kabinetts, das ihr 
Lieblingsraum geworden war, und stickte. 
Als der König eintrat, stand sie höflich, 
doch keineswegs zu eilig auf und begrüßte 
ihn gebührend. Hierauf nahm sie die 
Stickerei wieder zur Hand und setzte 
stumm, mit gelangweilter Miene, ihre 
Arbeit fort. 
Es war nicht das erste 
Mal, daß dem König ein un 
liebenswürdiger Empfang zu 
teil ward. Mit solcher Gleich 
gültigkeit war Marianne ihm 
aber noch nie begegnet. Sie 
hatte sonst wenigstens die 
Arbeit beiseitegelegt . , . 
Anfangs war Ludwig ent 
schlossen, seinen Unmut nicht 
merken zu lassen. „Nun, wie 
haben Sie die beiden letzten 
Tage verbracht, mein Kind?“ 
fragte er freundlich. 
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Ohne aufzuschauen oder sich durch 
seine Anrede gar stören zu lassen, ent- 
gegnete sie: „Danke, Sire, recht ange 
nehm.“ 
„Sie haben einen hübschen Spazierritt 
heute gemacht, wie der Stallmeister Le 
Bel berichtete.“ 
„Nach St. Cloud. Es war sehr hübsch, 
ja.“ 
„Hat man Ihnen das Schloß und den 
Park gezeigt? Haben Ihnen die Wasser 
künste gefallen?“ fuhr der König fort, 
bestrebt, ein Gespräch in Gang zu brin 
gen und sie denn doch von ihrer Be 
schäftigung abzulenken. 
„Gewiß. Ich habe mich beinahe zwei 
Stunden aufgehalten. Der Kastellan hat 
mir Wein gereicht —“ Dann brach sie 
ab, als fiele ihr das Reden lästig. 
„Der alte Durand? Wissen Sie, wie 
lange er schon sein Amt verwaltet? An 
die vierzig Jahre, stets mit derselben 
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Treue. Das Muster 
eines Dieners. Von 
jener Sorte, die aus 
stirbt. Haben Sie 
seine Tochter ge 
sehen?“ 
„Nein.“ 
„Die blonde Marie, 
nicht? Sie war gut 
verheiratet, mit 
einem Bader in St. 
Germain. Aber sie 
ist jung Witwe ge 
worden, und der 
Alte hat auch einen 
braven Sohn, der ist 
Soldat. Er heißt — 
lassen Sie mich nach- 
Es war einige 
Augenblicke voll 
kommen still. Man 
hörte nur den fei 
nen, dumpfen Ton, 
den die Nadel 
erzeugt, wenn sie 
durch den im Stick 
rahmen gespannten 
Stoff gestoßen wird 
— wie die ganz leise 
Berührung einer 
Trommel klingt’s. 
Mariannes andau 
ernde Einsilbigkeit 
brachte Ludwig nach 
gerade aus seiner 
Ruhe. Ihm war, als 
spräche er mit sich 
allein. Doch hart 
näckig gab er’s noch 
nicht auf, ihr die 
Zunge zu lösen. 
Mit unveränderter 
Freundlichkeit hub 
er wieder an: „Und 
die Oper gestern, 
eine gute Auffüh 
rung? Hat Ihr Lieb 
ling Duberval ge 
tanzt?“ 
Jetzt öffnete Frau von Lancon über 
haupt nicht mehr den Mund, sondern 
nickte bloß. 
Der König rückte ungeduldig auf sei 
nem Platz. Er wartete noch eine Weile, 
ob sie sich nicht doch entschließen würde, 
ihm etwas mehr Aufmerksamkeit zu 
schenken. 
Endlich fragte er, mit einer ärgerlichen 
Geste auf ihre Arbeit weisend: „Was 
wird denn das Schönes?“ 
Marianne überhörte absichtlich den ge 
reizten Unterton seiner Frage. „Ein Fau 
teuilkissen“, antwortete sie und zeigte, 
als nähme sie sein Interesse ernst, das 
Muster. 
Ludwig warf einen flüchtigen Blick 
darauf und schwieg. Er betrachtete Mari 
anne, wie sie mit schweren, müden 
Armen die Nadel führte, tief über den 
Nähtisch geneigt, stumm und ernst. Er 
fand sie blaß und abgespannt. 
Sein Ärger wich der Sorge. Es 
lag etwas stumpf Duldendes 
in ihren Zügen, eine er 
schreckende Teilnahmslosig- 
keitkeit, die heute, bildete er 
sich ein, stärker in jeder 
Linie ihres Gesichtes sich aus 
prägte, als je zuvor; er hatte 
sie nämlich in ähnlicher 
Verfassung während der zwei 
letzten Wochen schon des 
öfteren antreffen müssen, 
hatte sie herzlich und heiter
        
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