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Full text: Berliner Leben Issue 29.1926

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F U 
Ein Drama in den Lüften. 
Ort der Handlung: Oberstes Restaurant des 
Funkturmes. Alle Tische sind voll besetzt. 
In einer Ecke gestikuliert ein aufgeregtes 
Paar. 
Er:... das ist alles nur dein 
Radiofimmel! Seit diese Bildungs 
strippe im Haus ist, ist es mit dir 
nicht mehr auszuhalten! 
Sie: . . . 
E r : Jetzt muß ich hier auf diesen 
blödsinnigen Turm herauffahren, 
statt meinen geschäftlichen Konfe 
renzen . . . 
Sie: (lächelt malitiös) . „ . 
E r : Wenn du nicht aufhörst, mich 
aufzuregen . . . 
Sie: (lächelt weiter). 
E r : Man könnte vom Turm 
springen, wenn man dich ansieht 
(sieht aus dem Fenster) . . . Wenn 
es nicht so hoch wäre . . . 
Sie: (wird ernst). 
E r (milder): Wenn du nur ein 
siehst, daß dieses Radio unsere 
ganze Ehe vergiftet. 
Sie: (lächelt schmerzlich). 
E r : Stell dir doch bitte vor, den 
ganzen Tag unterwegs, von einem 
Büro ins andere, dann kommt man 
abends nach Hause und will seine 
Ruhe haben, und dann speit dieser 
Kasten los: Das Leben des Wasser 
flohs. Was erkennt man aus der 
Beinstellung der Hohenzollern in der 
Siegesallee, die Miesmuschel in ihrer 
N K S T U 
kulturellen und volkswirtschaftli 
chen Bedeutung. 
Sie: (zieht die Augenbrauen 
hoch). 
Der Kellner serviert. 
E r (ihr in den halb geöffneten 
Mund fallend): Ich weiß schon, was 
du sagen willst. Manchmal gibt es 
auch Negermusik und Arien, bei 
denen man einschläft. Aber meist 
endet alles mit einem Gesumme, 
das einem noch im Schlaf in den 
Ohren dröhnt. 
Sie: (zuckt eine Achsel). 
. Er: Es ist ja früher auch ge 
gangen, als der Kasten noch nicht 
im Hause war. Denk’ doch an un 
sere netten Abende in der Kamin 
ecke, als wir jung verheiratet 
waren . . . 
Sie: (lächelt traumverloren). 
E r : Ich habe dir vorgelesen, du 
hast musiziert, wir haben Pläne für 
die Zukunft gemacht . . . Davon ist 
jetzt keine Rede mehr . . . 
Sie: (beginnt zu essen). 
E r (stirnrunzelnd): Heute hast du 
nur Sinn für materielle Genüsse, und 
dein einziges Interesse sind die 
neuen Charlestonschritte, die du am 
Radio lernst. 
Sie: (öffnet den Mund). 
E r : Ich weiß schon, was du sagen 
willst: Zehn praktische Winke für 
die Hausfrau sind auch dabei. Aber 
(auf den Tisch schlagend) das inter- 
N K 
essiert mich nicht, zum Donner 
wetter! 
Sie: (hat Tränen im Auge). 
Er (milder): Du brauchst nicht 
immer gleich zu weinen, wenn ich 
mich mit dir unterhalte. Ich habe 
ja gar nichts gegen dich, sondern 
nur gegen dieses verfluchte Radio, 
das mir die Hölle auf Erden macht. 
Sie: (legt Messer und Gabel zur 
Seite). 
E r : Da siehst du es ja . . . Du 
bist schon so nervös, daß du nicht 
mehr essen kannst. Alles von deinem 
geliebten Radio. 
Sie: (beginnt wieder zu essen). 
E r : Ich möchte dir einen Vor 
schlag machen. 
Sie: (zieht die Augenbrauen 
hoch). 
E r : Wenn du dich entschließen 
könntest, auf dein Radio zu ver 
zichten, würde ich dir monatlich . . . 
Sie: (zieht die Augenbrauen 
höher). 
E r : So viel natürlich nicht . . . 
Ich dachte an eine Kleinigkeit! Ich 
bin auch gern bereit, zum Ersatz in 
Kinos oder Revuen zu gehen, so oft 
du magst. 
Sie: Aber . . . 
Er: Nun laß mich mal auch zu 
Worte kommen . . . Ich habe etwas 
für dich, das das ganze Radio über 
flüssig macht. Ich werde dich auf 
das „Berliner Leben“ abonnieren . . 
Tanz auf der Terasse des Rot-Weiß-Klubs
        
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