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Full text: Berliner Leben Issue 29.1926

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VON Iaszllo LAkatos ^ 
F rau Banner (tritt durchs 
Tor. Sie trägt einen Pelz, 
Schneeschuhe und Schleier. 
Ihre Handtasche ist für jede Schlech 
tigkeit eingerichtet. Sie macht sich 
mit kleinen, trippelnden, 
nervösen Schritten auf den 
Weg): Nein! Ich hätte 
dennoch vorher telepho 
nieren sollen. Vielleicht ist 
er . . . (Sie bleibt stehen.) 
Soll ich umkehren? Nein, 
das bedeutet Unglück und 
vielleicht würde man mich 
gar auch mit meinem 
Mann verbinden. (Sie geht 
wieder.) Zu Fuß? So? Ja, 
wenn ich aber mit dem 
Auto . . . Nein! Das wäre 
sehr auffallend. (Sie streift 
vom Handgelenk ein wenig 
den Handschuh ab, blickt 
auf ihre Armbanduhr. Sie 
zuckt die Achseln.) Er 
soll sich daran gewöhnen. 
Nicht einmal das erste 
Mal sollte ich ihn warten 
lassen? Wann denn, wenn 
nicht das erste Mal? 
Später wird ja ohnehin er 
es sein, der mich warten 
lassen wird. Jetzt wartet 
er natürlich, ist ungeduldig 
und stampft im Vorzim 
mer mit den Füßen ... Er 
stampft. Aber später?! Wir kennen 
das Man liest davon oft genug in 
den Romanen. Er wird sich ver 
leugnen lassen und wird mir vor der 
Nase die Tür zuschlagen. Hinaus 
werfen wird er mich wie einen 
Hund! Wie einen Hund! Einen 
Hund! (Sie möchte weinen, wagt es 
aber auf der Straße nicht.) Männer, 
Hunde! . . , 
Heiliger Gott! Ich vergaß dem 
Fräulein zu sagen, sie möge Tommy 
das Malz . . . Soll ich umkehren? 
Nein! Das bedeutet Unglück. Ich 
werde lieber telephonieren. Aber 
von wo? Von ihm aus? Nein, nein! 
nicht.) Du wirst es aber nie erfahren, 
denn du bist als Junge zur Welt ge 
kommen. Die Jungens . . (Sie ver 
zieht geringschätzend den Mund.) 
Richard! Du bist ja auch ein Junge, 
Richard! Mein großer 
Junge! Mein Papachen! 
Wie schön deine Zähne 
sind und wie blau dein 
Kinn. Du siehst aus wie 
ein Blaubart. Ich schwöre, 
wie ein rasierter Blaubart. 
Und sage, wie lange? 
Immer, nicht wahr, immer 
wirst du mich lieben, du 
sü . . . (Sie will die Straße 
überqueren, ein Chauffeur 
tutet und brüllt.) Heiliger 
Gott! Jetzt beinahe! Das 
ist ein Wink des Schick 
sals. Ich schwöre, dieses 
Auto ist ein Wink des 
Schicksals . . . (Sie schaut 
dem Auto nach.) Lancia. 
(Sie zuckt die Achseln.) 
Meine Marke ist Merce 
des. (Sie erblickt eine Apo 
theke.) Eine Flasche Sel 
ters hätte ich für meinen 
Mann bestellen sollen! Ich 
habe das ganz vergessen! 
Lieber Gott! Was wird es 
heute zu Hause geben! Wie 
wird der heute krächzen! 
Und was werde ich zu hören be 
kommen. Es geschieht ihm aber 
recht. Warum raucht er so viel 
Zigaretten. Richard raucht Zigarren. 
Mein Richard! Das ist ein Mann, ein 
wirklicher Engländer, ich schwöre, 
ein Lord, ein Derby, ein Vizekönig. 
Und was für Schuhe er hat und 
welch einen Händedruck! (Sie er 
blickt eine Firmentafel.) Mme. 
Thekla! Heiliger Gott! Meine Mo 
distin! Wenn ich jetzt hier hinauf 
ginge, anstatt daß ich . . . Auch 
diese Modistin ist ein Wink des 
Schicksals. Ein Wink. Und eine 
Bestie! Sie läßt mich immer warten 
und schmiert mich an und gibt die 
Das nicht! In Kinderangelegenheit 
mit seinem Telephon! Nie! Ein Kind 
ist heilig und ein Telephon ist ge 
fährlich. (Sie bleibt stehen. Sie geht 
wieder.) Mein armes Kind! Wenn du 
' V- 
Heiliger Gott! Jetzt beinahe! 
wüßtest, daß deine Mutter jetzt . . . 
Deine arme Mutter, die . . . Nein, 
nein! Du sollst das nie erfahren. Ich 
kann wohl meinen Gemahl verab 
scheuen (sie tut es auf der Stelle.), 
du liebe aber dennoch deinen Vater. 
Deinen Vater, der so schön für dich 
verdient. (Pause.) Und, Gott sei 
Dank, auch für mich . . . Mein armes 
Söhnchen, du kannst wirklich nichts 
dafür, daß dein Vater und deine 
Mutter . . . Aber einmal wirst auch 
du mir verzeihen, auch du, wenn du 
erfahren wirst, was ein enttäuschtes 
Frauenherz ist. Deine Mutter ist ein 
enttäuschtes Frauenherz. (Sie möchte 
weinen, wagt es aber auf der Straße
        
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