Path:

Full text: Berliner Leben Issue 29.1926

8 
PAUL UND PAULA 
%/ I enn ich nur nicht zu spät 
\ I komme! 
j\/ Das war Fräulein Paulas einziger 
' V Gedanke in dem Zuge, der sie 
nach B. bringen sollte. Niemals hätte sie 
gedacht, daß es zwischen B. und C. so 
viele Stationen gäbe. Und doch hatte sie 
die Fahrt früher fast täglich gemacht. 
Dieses „früher“ war allerdings schon 
lange her . . . Mindestens zwanzig 
Jahre.. . . 
„Großer Gott“, murmelte sie, „großer 
Gott, wie weit es ist! Wenn er nur noch 
lebt!“ 
Seitdem sie auf dem Bahnhof in den 
Zug gestiegen war, gingen dem altern 
den mürrischen Mädchen die tollsten 
Gedanken durch den Kopf. 
Sie war heute früh gerade dabei, auf 
einem kleinen Spirituskocher ihr Früh 
stück zu machen, als sie eine Depesche 
folgenden Inhalts erhielt: 
„Paul will Sie sehen. Kommen Sie 
schnell. Hans.“ 
In dem Zuge, der sie langsam nach 
B. führte, las Paula immer wieder und 
wieder das Telegramm: „Kommen Sie 
schnell.“ 
„Armer Paul, flüsterte sie. Das mußte 
ja eines Tages so kommen.“ 
Sie wunderte sich, daß sie nicht be 
wegter war. 
Im Grunde genommen lebte Paul ja 
immer wie ein Bär, wie ein wilder, bös 
artiger Geizhals, dachte sie. Aber ange 
sichts des Todes muß man alles ver 
gessen. Die Vergangenheit besteht nicht 
mehr. 
Die Vergangenheit! Die Vergangen 
heit! Eingewiegt durch das sanfte Räder 
rollen des dahinschleichenden Zuges, 
durchlebte sie alles noch einmal. 
Paul war reich. Mit dreißig Jahren war 
er ganz allein mit einer schönen Rente 
und zwei entfernten Vettern auf der 
Erde zurückgeblieben, Vettern, mit 
denen er schon seit einer Ewigkeit in 
folge verschiedener Geldfragen entweit 
war. 
Er hatte sich in B. auf dem alten 
Familiensitz niedergelassen und sich 
nicht mehr vom Fleck gerührt. Seine 
einzige Leidenschaft war das Angeln. 
Am Abend ging er dann in das Bahn 
hofscafe und spielte mit den Eisenbahn 
beamten, Reisenden oder auch dem 
Kellner Karten. Um 9 Uhr kam er nach 
Hause und aß mit Paula und seinem 
Gärtner Hans zu Abend. Dann gähnte 
er, gab seinem Hund ein paar Fußtritte 
und ging ins Bett. 
Paula war ein Familienmöbel, das Paul 
von seiner Mutter vermacht bekommen 
hatte, im gleichen Alter wie Paul, war sie 
zusammen mit ihm aufgewachsen, ohne 
daß irgend etwas die beiden Wesen ein 
ander näher gebracht hätte, von denen 
das eine, obwohl Weib, nichts Weib 
liches an sich hatte, und das andere ein 
banaler Kerl war. 
Viele Jahre hindurch stand Paula miß 
mutig und übelgelaunt, dem regelmäßigen 
Gang des Hausstandes vor. Sehr genau, 
was das Kapital der Ausgaben anbetraf, 
fuhr sie jeden Tag nach der Stadt, um 
die notwendigen Einkäufe zu machen. 
Auf diesen täglichen Reisen hatte sie 
sich eine etwas zweifelhafte Eleganz und 
Haltung angewöhnt, von deren Wirkung 
sie sich viel zur Ausführung eines Planes, 
den sie schon seit langem hegte, ver 
sprach: sie träumte davon, dort Herrin 
zu sein, wo sie nur Dienerin war. 
Aber alle ihre Bemühungen waren 
vergeblich. Niemals hatte ihr ihr Herr 
auch nur das Almosen eines Blickes oder 
die Barmherzigkeit eines Gedankens ge 
schenkt. Er schien gegen jedes Gefühl, 
welcher Art es auch sei, gewappnet. Er 
kannte weder Mitleid noch Hingabe, 
weder Heiterkeit, noch Liebe. Paula 
hatte sich darüber so geärgert, daß sie 
ihn — es waren das nun zwanzig Jahre 
her — verließ, um nach der Stadt zu 
ziehen. Er gab ihr ihren Lohn und sagte: 
„Glückliche Reise!“ 
Seitdem hatten sie sich nie mehr • 
wiedergesehen. 
Lange hatte sie auf einen Brief ge 
wartet, der sie zu ihm zurückgerufen 
hatte. Aber Paul schrieb nie. Von den 
Lieferanten, bei denen sie manchmal 
unter irgendeinem Vorwände anfragte, 
erfuhr sie, daß er noch am Leben war. 
„Ich bin neugierig, ob Krankheit oder 
Tod ihn verändert haben“, dachte Paula. 
In der Nähe des kleinen Hauses, das 
sie so gut kannte und dessen Umgebung 
ihr nichts Neues verriet, wurde sie von 
einer eigentümlichen Erregung erfaßt. 
Endlich klingelte sie und hätte fast 
einen Schrei ausgestoßen, als Paul ihr 
selber die kleine Gittertüre öffnete. 
„So, da bist du ja, Paula. Ich erwartete 
dich.“ 
Er sagte das in einem Ton, als hätte 
sie ihn den vorhergehenden Abend ver 
lassen. 
-Noch ganz benommen, versuchte das 
alte Fräulein sich etwas Haltung zu 
geben. Aber Paul ließ ihr gar keine Zeit 
dazu. 
„Geh nur hinein, ich habe mit dir zu 
sprechen.“ 
Er ging vor ihr her und Paula fand 
ihn unverändert. Das war immer noch 
derselbe breite, vierschrötige Mann. Sein 
rotes Gesicht wurde von einem schmutzi 
gen, ungepflegten, grauen Bart umrahmt, 
die wirren, ungekämmten Haare guckten 
unter einer Jagdmütze hervor und auch 
die Augen waren immer noch dieselben: 
starr und boshaft. 
Um nur irgend etwas zu sagen, fragte 
Paula: „Und Hans ist noch immer bei 
dir?“ 
Worauf er barsch erwiderte: „Das hast 
du ja gesehen, da er dir die Depesche 
geschickt hat.“ 
Im Zimmer angelangt, hieß er sie sich 
am Tisch niedersetzen, auf dem eine 
Flasche Weißwein und zwei Gläser 
standen. „Du trinkst doch etwas?“ fragte 
er, worauf sie etwas feierlich mit den 
Worten: „Nein danke, Paul, ich trinke 
vormittags nie Wein!“ ablehnte. 
Er goß sich ein Glas bis zum Rande 
voll, trank, hustete und fing dann, auf 
seine schmutzigen Stiefel blickend, zu 
reden an: 
„Du wirst dir wohl vorstellen können, 
daß ich dir etwas Wichtiges zu sagen 
habe, wenn ich dich extra dazu herkom- 
men ließ. Du bist ein vernünftiges Ge 
schöpf, kennst mich gut, und wenn du 
nicht mehr bei mir bist, so hat es dir 
eben besser gefallen, anderswo hinzu 
gehen . . . .“ 
Paula wollte widersprechen, aber Paul 
ließ ihr keine Zeit dazu. 
„Ich weiß, was ich sage. Du wolltest 
fort und ich habe dich nicht zurückge 
halten. Aber ich widerhole dir, ich halte 
dich für eine vernünftige Frau und da 
ich Angst habe, eine Dummheit zu 
machen, wollte ich erst deinen Rat ein 
holen. Es handelt sich nämlich um 
folgendes: ich bin alt und reich. Hans 
wird taub und ich langweile mich. Des 
wegen habe ich daran gedacht, mich zu 
verheiraten. Wie denkst du darüber?“ 
„Ich denke, das du verrückt bist“, 
erwiderte Paula. „Dich verheiraten! In 
deinem Alter! Dich an irgend so ein 
leichtsinniges Ding oder gar an eine 
Witwe zu hängen, die es nur auf dein 
Geld abgesehen haben! Du wärst ja 
nicht der erste, dem das passierte 1 . . .“ 
Paul schüttelte den Kopf. 
„Es ist weder ein leichtfertiges Ding, 
noch eine Witwe.“ 
Doch Paula war im Zug. 
„Du wirst mich doch nicht glauben 
machen wollen, daß sie dich deiner 
schönen Augen wegen liebt. Davor will 
ich dich nur gleich warnen. Du willst 
meinen Rat, so gebe ich ihn dir. Außer 
dem wirst du dir wohl nicht überlegt 
haben, daß du deine Neffen enterbst, 
wenn du dich verheiratest . . . Die haben 
doch, weiß der Himmel, einen Anspruch 
auf deine Erbschaft und dein Vermögen. 
Dich verheiraten! . . . Du und dich ver 
heiraten! ! . . .“ 
Jetzt wurde Paula vom Zorn über 
mannt. Sie war wütend auf diesen Töl 
pel, der sie nie gewollt hatte und sich 
jetzt von irgendeinem hergelaufenen 
Weibe seines Geldes wegen einfangen 
ließ! 
„Wenn du dich verheiratest, begehst 
du geradezu eine schlechte Handlung, 
schloß sie endlich. 
„So, das ist deine Meinung?“ fragte 
er und sah sie kalt an. 
„Jawohl“, erwiderte sie kurz. 
Paul zuckte mit keiner Wimper. 
„Schön“, meinte er. „Du kannst dir 
denken, daß ich auf deine Ansicht Wert 
lege, da ich dich habe kommen lassen, 
um sie zu hören . . . Aber im Grunde 
genommen hast du vielleicht recht . . . 
Ich hätte da womöglich eine kapitale 
Dummheit begangen . . . Vielleicht lebe 
ich noch fünfzehn Jahre und dann kann 
ich die wenigstens in Ruhe verbringen.“ 
„Sicher, denn mehr langweilen als 
bisher wirst du dich in Zukunft wohl 
auch nicht.“ 
Die Freude, einer unbekannten Frau 
ein eventuelles Glück zerstört zu haben, 
ließ ein triumphierendes Lächeln auf dem 
hageren Gesicht des alternden Fräuleins 
erscheinen. 
„Gut, dann bleibe ich eben Jung 
geselle. Und Paul stärkte seinen Ent 
schluß durch einen kräftigen Faustschlafi 
auf den Tisch. Dann stand er auf und 
reichte Paula die Hand. 
„Ich danke dir, daß du gekommen 
bist und . . . auf Wiedersehen!“ 
Aber das alte Mädchen wurde plötz 
lich von einer fieberhaften Neugierde 
geplagt: um ihren Sieg vollkommen zu 
gestalten, wollte sie den Namen ihres 
Opfers noch wissen. 
„Es würde mich doch interessieren die 
zu kennen, die den Weg zu deinem Her 
zen gefunden hat, meinte sie fragend. 
Worauf Paul erwiderte: 
„Du kennst sie sehr gut. Ich hatte an 
dich gedacht.
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.