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Full text: Berliner Leben Issue 29.1926

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schiedenen Bedingungen, unter 
denen man lebt, Rechnung ge 
tragen wird. Die Kunst des 
Schminkens ist schwieriger, als es 
zuerst den Anschein hat, und um 
richtig handeln zu können, muß 
man sich ganz genau kennen. 
Form und Proportionen des Ge 
sichts und der Züge, Hautfarbe, 
Persönlichkeit, Tages- oder 
Abendstunde, Kostümnuance und 
so weiter, alles muß berück 
sichtigt werden. Genau wie jede 
Gestalt, hat auch jedes Gesicht 
seine Gesetze. 
Hygiene ist die Basis zu jeder 
Schönheitspflege. Bevor man ver 
schiedene Produkte anwendet 
(natürlich müssen diese sorgfältig 
und ersten Häusern entstammend 
ausgewählt werden!), muß man 
die Haut von jeder Unsauberkeit 
befreien. Es gibt kleine Dampf 
stäuber, mit denen sich das leicht 
bewerkstelligen läßt. Bei fetter 
Haut wirkt Zitronensaft aus 
gezeichnet, bei anderer Rosen 
wasser. Puder darf immer nur auf 
Oh roll’, so lang’ du rollen kannst! 
die Haut gelegt werden, wenn sie 
zuvor mit einer guten Gesichts 
creme eingerieben wurde. Flüs 
siges Rot hält vorzüglich und 
wird für den Abend von vielen 
Frauen gebraucht. Man trägt es 
mittels eines Pinsels oder Fla 
konpfropfens auf Lippen und 
Wangen. 
Das Schminken um die Augen 
muß sehr raffiniert gemacht wer 
den. Ein kleiner, schwarzer Punkt 
im äußeren und inneren Winkel 
gibt hier schon oft eine ausge 
zeichnete Wirkung, und zu den 
Strichen unterhalb der Augen, die 
man in früheren Jahrhunderten 
„Fatalität“ nannte, genügt nicht 
der erste beste, in irgendeinem 
Geschäft erstandene, dunkle Stift, 
sondern ein eingehendes Studium 
der breiten oder schmalen Augen 
lider, der Stellung der Augen usw. 
Über Schönheit ließe sich noch 
sehr viel sagen, aber man soll nie 
eine Macht, in deren Besitz man 
ist, mißbrauchen, weil sie sonst 
leicht an Wirkung verliert! 
WIEN IN BERLIN 
Von ERICH BOYER 
ien in Berlin — das ist eine Ko- bestellen, Und dann war Ruhe. Das 
lonie des Geistes. Nicht wörtlich Geschirr verschwand diskret. Nie 
genommen, kein Betätigungsfeld für mand verlangte, daß man sechs 
Okkultisten; aber jedenfalls etwas Kaffees hintereinander trinke, nie- 
anders, als etwa „London in Berlin“, mand sah einen mit scheelen Blicken 
ein bayrischer Stammtisch oder die an, wenn man länger als eine Stunde 
gesellige Vereinigung der drei hier beim „Schwarzen“ saß. Man konnte 
ansässigen Papua-Neger. Wien in sich heimisch fühlen, man war da zu 
Berlin ist eine Geistesrichtung, 
ein menschlich-allzumenschliches 
Programm, das alles durchdringt, 
das schmeichelnd und werbend 
jeden umgibt, ob er’s nun will 
oder nicht. 
Da gibt es am Kurfürstendamm 
ein Lokal — „Konditorei Wien“. 
Allabendlich patzvoll — wie der 
Wiener sagt. Warum? Weil es 
elegant ist? Es gibt ebenso ele 
gante, die nicht patzvoll sind. 
Aber es führt ein Versprechen 
als Aushängeschild. Dieses Ver 
sprechen heißt Wien! — Vor 
einigen Jahrzehnten kam einer 
her und gründete Unter den Lin 
den das „Cafe Bauer“. Mit dem 
Programm: Wiener Cafe. Es 
wurde berühmt und schlagerum- 
kränzt. Das will etwas heißen. 
Man kam herein und hatte auch 
schon einen Stoß von zwanzig 
verschiedenen Zeitungen und 
Zeitschriften sämtlicher verfüg 
baren Richtungen auf dem Tisch. 
Nebenbei konnte man auch etwas 
Im Wiener Cafehaus 
Hause. Nach zwei Tagen Stamm 
gastseins frug der Ober nicht mehr 
nach dem Begehr. Er las dem Gast 
den Wunsch an der Nase ab. Und 
fühlte sich als Hausmutter. 
Überhaupt der „Ober“. Er ist ein 
Kind wienerischen Geistes. Früher 
hieß er „Kellner“, bis Wien nach 
Berlin kam. Der Wiener Kellner 
sprach jeden Gast mit „Herr 
Baron“ an. Man mußte sich doch 
revanchieren — und nannte ihn 
„Ober“. Sehr zum Leidwesen der 
Ober-Kellner, denen der Titel ge 
bührte. Aber Wien ist demo 
kratisch. 
So ward der Berliner Boden be 
ackert. Und die Saat sproß. Es 
kam die Zeit, da jeder Berliner 
Gastwirt von den Schenkstuben 
aufwärts das Schild mit der 
„Wiener Küche“ vor den Laden 
hing. Und bald darauf schaffte 
man sich einen Wiener Koch an, 
da das liebe Publikum Blut- und 
Bratensauce roch und nach mehr 
verlangte, als nach dem Namen. 
Da hielt das Wiener Schnitzel, 
das Unsterbliche, seinen Einzug 
und Zwetschgenknödel und Kai- 
serschmarn folgten hinterdrein. 
Ja, das waren Zeiten! Auch die 
Wiener Würstchen kamen hoch, 
aber man taufte sie dann in 
Frankfurter um.
        
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