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Full text: Berliner Leben Issue 29.1926

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Schönheit ist A4 Acht! 
Von Trude John 
Beim wunderbaren Gott. . . das Weib ist schön! 
(Schiller, Don Carlos 2. 8.) 
P lato hat gesagt, daß die Schönheit alles ist, und es 
gibt für eine Frau auch wirklich keine größere 
Freude, als das Bewußtsein, sich schön zu wissen und 
es sich von vielen — besonders männlichen! — Mündern 
bestätigen zu lassen. Schön sein — oder es werden — 
repräsentiert ein Ideal, das alle Frauen erreichen 
möchten, und da Schönheit bekanntlich durch Kunst 
gehoben wird, ist es nur allzu verständlich, daß das 
schwache Geschlecht die stärksten Anstrengungen 
macht, um dieses Ziel zu erreichen. 
Nun kommt in unserer heutigen Zeit die Schönheit 
eines Frauengesichts, das von den Männern gepriesen 
wurde, so lange sie ihre Gedanken in Worten, Male 
reien und Skulpturen ausdrücken können, erst in zweiter 
Linie, da eine andere Vision alle weiblichen Gemüter 
beherrscht und gefangen hält: die, einer schlanken Sil 
houette! Eine 42er Figur haben! Da liegt der springende 
Punkt! 
Und dieser springende hat sich zum Entzücken aller 
in einen rollenden Punkt verwandelt — wieviele Siege 
werden heute durch Punkte erreicht! — und hat den so 
begehrten und so beliebten Punktroller in sehn 
süchtig ausgestreckte männliche und weibliche Hände 
gelegt. (Es gehört nämlich in das Reich der Sage, daß 
Männer nicht eitel sind!) Alles überschüssige, durch 
Überernährung, Mangel an Bewegung oder zunehmendes 
Alter ansetzende Fett wird mit seiner mächtigen Hilfe 
in die Rumpelkammer der Vergangenheit gerollt, über 
der in großen Buchstaben steht: „In diesem Zeichen 
wirst du siegen!“ 
Ein französisches Boulevardblatt hielt an seine Leser 
und Leserinnen vor kurzem folgende Anfrage: „Würden 
Sie Ruhm, Liebe oder Schönheit wählen, wenn Ihnen 
die Wahl offen stünde?“ Die Männer antworteten 
meistens: „Ruhm“, die Frauen „Schönheit“. (Beide sind 
wahrscheinlich der Ansicht, daß sich die doch sonst 
auch ziemlich begehrte Liebe als Folge des einen oder 
anderen Besitzes von selber einstellen würde!). Immer- 
hin ist es schwieriger, Schönheit zu erreichen als Ruhm, 
denn wenn Ruhm einmal da ist, pflegt er länger zu 
halten! Handelt es sich jedoch für Frauen darum, die 
eigene Person zu pflegen, gibt es keine unüberwindlichen 
Schwierigkeiten mehr! 
Mit den Haaren fängt es an! Seitdem die Frauen keine 
mehr haben, machen die Friseure glänzende Geschäfte! 
Die Haare müssen zum mindesten alle drei Wochen ge 
waschen und mit einer Chininlösung eingerieben werden, 
um den Haarboden gesund zu erhalten. Man sollte sie 
viel und häufig mit einer konvexen Bürste bürsten und 
zwar — ganz gleich ob kurz oder lang — zuerst in 
natürlicher Richtung, nämlich von der Stirn zum Nacken 
zu und dann anders herum, d. h. vom Nacken aus 
gehend, so daß die Haare beim Bürsten über das Ge 
sicht fallen. Darauf wird dasselbe Verfahren erst nach 
der linken und dann nach der rechten Seite wiederholt. 
Auf diese Weise ist den Haaren die für ihren Boden so 
nötige Luft zugeführt und eine gewisse Massage erreicht 
worden, die die Wurzeln anregt und kräftigt. 
Geschickt angewandtes Schminken kann viel zur 
Verschönerung eines Gesichts beitragen, voraus 
gesetzt, daß es mit Maß geschieht und daß den ver- 
Der Gesundheitsball macht schlank und stark
        
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