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Full text: Berliner Leben Issue 29.1926

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WOHIN GEHEN WIR? 
% V / ir treffen uns am Zoo . . ! 
\ \ /hat er gesagt. In Wirklichkeit 
V Viat er noch viel mehr gesagt, 
eine Unzahl netter kleiner Schmei 
cheleien und hübscher, amüsanter, 
freundlicher Worte wie diese: „Ich 
möchte Sie so schrecklich gern 
kennen lernen, wie fange ich das 
an?“ Das ist doch gewiß komisch, 
und sie lacht, ihre ganze zierliche, 
nette Person mit dem schwarzen 
Etonscheitel -und den blauen Augen, 
den hübschen Beinen in den hellen 
Strümpfen und den fast fraise- 
farben geschminkten Lippen lacht, 
und drei Tage -später treffen sie sich 
wirklich am Zoo. 
„Sehen Sie“, sagt sie, unvernünftig 
heiter wie alle Frauen, wenn sie das 
erste Mal mit einem netten jungen 
Mann in Oxford-Hosen und Seiden 
hemd treffen, „nun stehen wir hier! 
Was wollen wir jetzt beginnen?“ 
Während er antwortet, faßt er 
schon ihren Arm an, führt -sie über 
den Damm, und sie gehen langsam 
und vergnügt die nachmittäglich 
helle Hardenbergstraße hinauf. „Ich 
werde Ihnen erzählen, was wir alles 
beginnen können. Sie dürfen sich 
aussuchen. Also zuerst müssen wir 
natürlich Kaffee trinken und ein 
bißchen tanzen. Das kann man 
neuerdings sehr hübsch hier in den 
„Wilhelmshallen“ oder auch dort 
am Kurfürstendamm in der „Kö 
nigin-Bar“, im „Kakadu“, „Atlantic“ 
oder im Cafe „Espagnol“, dem 
spanischen Lokal in der Kurfürsten 
straße. Auch bei „Rumpelmeyer“ ist 
jetzt Musik, bei „Jester“ großer Be 
trieb, und wenn wir gar in die Stadt 
hineinfahren wollen, können wir bei 
„Dobrin“ im Garten sitzen oder bis 
zum Spittelmarkt pilgern, wo sich 
seit kurzem die ganze Konfektion 
zum Tee trifft. Noch nicht genug?“ 
Sie schüttelt den hübschen Kopf, 
denn sie hört seine Stimme gern und 
ist so beschäftigt, von der Seite 
seinen beweglichen, jungen Mund 
und seine dunklen Augen zu -be 
trachten, daß sie stumm am Cafe am 
Zoo, an seinen vollbesetzten, weißen 
Tischchen und an der Terrasse des 
„Romanischen Cafes“ vorbeigeht. 
„Ja dann“, meint er und lächelt, 
„bleiben uns noch die Hallen der 
Hotels, in denen jetzt auch wieder 
zum Abend -sehr viel los ist. Die 
Gala-Soupers haben wieder be 
gonnen, im „Adlon“, „Esplanade“, 
„Bristol“, „Kaiserhof“; das „Eden“ 
hat sogar schon seinen Eröffnungs 
ball hinter sich. Da haben wir gleich 
zwei Kapellen, Fred Roß und die 
Tango-Kapelle Minari. Auch nicht? 
Ja, demnächst werden wir hier sogar 
noch ein Cafe haben. „Lido“, hier 
neben dem Cafe am Zoo, da wird 
Fuß spielen, der jetzt noch in Lon 
don und Paris ist. Aber das ist noch 
nichts für heute. Wie wäre es mit ein 
bißchen Natur? Das „Haus am 
Wannsee“ ist immer entzückend, 
sehenswert das des „Golfklubs“ und 
des „Klubs am Rupenhorn“. Wollen 
wir hinausfahren?“ 
„Nein“, sagt das reizende Mäd 
chen an seinem Ar-m, „das Wetter 
ist zwar sehr schön; wir gehen ja 
auch schon immerzu spazieren.“ 
(Das ist wahr, denn sie sind jetzt 
drei Mal um die Gedächtniskirche 
gewandert und schlendern nun lang 
sam den Kurfürstendamm herauf.) 
„Ich glaube sogar, es ist schon zu 
spät für den Kaffee, wir können an 
den Abend denken. Wohin da?“ 
„Nichts leichter als das. Zuerst 
gehen wir also essen. Wie wäre es 
-hier drüben mit „Tonndorf“, früher 
„Willys“? Auf dieser-Seite haben wir 
gleich ,,-Stoeckler“, ein gemütliches 
Lokal für Feinschmecker, auch 
„Heßler“ ist immer gut, oder wenn 
wir was besonderes wollen, essen wir 
chinesisch im „Chinesischen Restau 
rant“ in der Kantstraße. Nachdem 
natürlich Revue, hier bei „Nelson“ 
oder im „Theater des Westens“, in 
der -Stadt bei „Haller“ oder im 
Großen Schauspielhaus „Mund an 
Mund“ — (hier lächelt sie, und er 
sieht es, trotzdem eine leichte und 
zarte Dämmerung über die Straßen 
gesunken ist). — Im Großen Schau 
spielhaus, dessen Foyers und Gänge 
übrigens jetzt reizend ausgestattet 
sind, können wir nachher bleiben. 
Bei der Premiere ist ein neues Lokal 
dort eröffnet worden, die „Plantage“, 
in der Ette -mit 40 Mann spielt. Eben 
so neu ist „Valencia“, das frühere 
Heinrot-h, ä la Perroquet in Paris 
auf gemacht, -mit erleuchteter Tanz 
diele usw. Doch dahin kommen wir 
später. Erst müssen Sie sich ent 
scheiden, ob wir ins „Kabarett der 
Komiker“ zu Ilse Bois, ins „Char- 
lott“, „Faun“, „-Skala“, „Winter 
garten“ oder „Wien-Berlin“ gehen 
wollen. „Alt-Bayern“ hat immer ein 
ausgezeichnetes Programm, die „Bar- 
berina“ ist näher und zeigt auch 
Variete und Kabarett. Neuerdings 
ist im „Ufa am Zoo“ jede Woche 
Programmwechsel, also wie ist es 
mit Kino?“ 
„Nein“, sagt sie, „nein!“ Denn ist 
es nicht auch hier auf der Straße 
schon ganz hübsch dunkel geworden, 
dunkel genug, daß ihre Hände -sich 
finden können und ihre Schultern 
sich mit jener leichten Zärtlichkeit 
berühren, die sie immer gedanken 
loser einen langen Weg durch 
fremde Straßen führt? Sie ist 
glücklich, aber er spricht noch 
immer. 
„Theater, ja Theater“, sagt er, 
„später wollen wir unbedingt zur 
Massary-Pallenber-g-Revue „Unter 
gang des Abendlandes“ und zu dem 
lesbischen Stück „Die Gefangene“, 
mit der Thimig. Auch „Wieder Me 
tropol!“ im Metropol -muß man 
sehen und i-m Renaissance-Theater 
„Es lebe die Republik!“ — Aber 
heute? Ich glaube, -heute bleiben uns 
nur noch die Tanzlokale: „Luna 
palais“ mit dem Charleston-Wett 
bewerb, die „Libelle“, die sich jetzt 
auf Kaffee und solideres, größeres 
Publikum eingestellt hat, „Nelson", 
nach der Vorstellung, das wieder- 
eröffnete „Majowsky“ oder eine von 
den netten kleinen Buden, in denen 
man in Ruhe seinen Schnaps trinken 
kann, „Mampe“, „Kahlbaum“, „Bar- 
dinet“. — Sie wollen nicht? — (Leise, 
sanft) — „Du willst nicht?“ 
Jetzt stehen sie in einer dunklen 
Straße, die ihr fremd und ihm sehr 
bekannt ist. Ihr Kopf lehnt an seiner 
Schulter, wie der Kopf einer lieben 
den Frau an der Schulter eines ge 
liebten Mannes ruht, und er blickt 
mit uferloser Rührung auf diesen 
schwachen, hingebenden Kopf hin 
ab. Aber da er ein gewissenhafter 
Mensch ist, flüstert er noch immer: 
„Dann willst du vielleicht in 
irgend so ein Lokal wie Como oder 
so, hm? Da gibt’s was neues in der 
Kleiststraße, „Verono“, Riesenbe 
trieb. lauter Frauen . . .“ 
Indem bermerkt er ihre Hand an 
seiner Wange. Er lächelt nicht mehr, 
blickt stumm an ihrem abgewandten 
Gesicht vorbei und steht wie ange 
wachsen inmitten dieser halbdunklen 
wohlbekannten Straße. Doch plötz 
lich packt er ihren Arm, drückt ihn 
wie ein Verrückter und führt sie 1m 
Eilschritt bis an ein Haus, das er mit 
seinem Hausschlüssel aufschließt. 
Dabei sagt er mit leiser, leiden 
schaftlicher Stimme: 
„Hier wohne ich. - Ist es hier 
richtig?“ 
Und sie antwortet zum ersten 
Male deutlich, laut und zufrieden: 
„Ja“. 
Dinah Nelken-
        
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