Path:

Full text: Berliner Leben Issue 29.1926

8 
DIE GEISEL 
B evor Frau Matthis fortging, 
ga>b sie der neuen Kinder 
gärtnerin noch alle möglichen 
Verhaltungsmaßregeln. 
„Nicht wahr, Fräulein Helene, Sie 
haben mich richtig verstanden? Ich 
verlange von Ihnen, daß Sie mein 
Kind aufs sorgfältigste überwachen. 
Ihre guten Zeugnisse und die war 
men Empfehlungen Frau Barths sind 
mir eine Garantie dafür, daß Sie, 
trotz Ihrer Jugend, doch eine Person 
sind, der man sein Kind in Ruhe an 
vertrauen kann. Im Tiergarten 
können Sie Liselotte mit ihren Cou 
sinen und den Kindern spielen 
lassen, deren Namen ich Ihnen auf 
geschrieben habe. Passen Sie vor 
allen Dingen darauf auf, daß sich das 
Kind nicht übermüdet, denn sie ist 
ungewöhnlich zart. Liselotte ist sehr 
artig und folgsam, sie wird Ihnen 
aufs Wort gehorchen . . . Also, ich 
kann mich auf Sie verlassen, nicht 
wahr? . . . 
„Das können Sie, gnädige Frau“ . . 
Helene, ein etwa 20jähriges, sehr 
korrekt aussehendes junges Mäd 
chen, hatte bescheiden und aufmerk 
sam zugehört, was Frau Matthis be- 
besonders gut zu gefallen schien. 
Zehn Minuten später strebte die 
Kindergärtnerin dem Tiergarten zu, 
während Frau Matthis ihren Be 
schäftigungen nachging. 
Liselotte, die für ihre neun Jahre 
schon sehr groß war, ging, vornehm, 
gesetzt, mit abweisendem Gesichts 
ausdruck neben ihrem neuen Fräu 
lein einher. Von Zeit zu Zeit sah 
Helene sie etwas scheu von der 
Seite an und schien etwas zu zögern. 
Plötzlich entschloß sie sich aber zum 
Reden und sagte: 
„Liselotte, wir werden jetzt die 
Hochbahn nehmen.“ 
Liselotte blickte etwas erstaunt auf. 
„Jawohl“, fuhr Helene schnell fort 
und gab sich den Anschein, ganz 
harmlos und frei von der Leber weg 
zu reden, „wir müssen noch etwas 
besorgen, ehe wir in den Tiergarten 
gehen.“ 
Liselotte war ans Gehorchen ge 
wöhnt und widersprach nicht. Die 
Fahrt, bei der man öfter umzusteigen 
hatte, war lang. Endlich kamen sie 
wieder an die Erdoberfläche, aber in 
einem Stadtviertel Berlins, dessen 
Anblick Liselotte überraschte. Noch 
nie in ihrem Leben hatte sie so 
schmutzige Straßen, so unsaubere 
Häuser gesehen! 
„Wir gehen zu meiner Schwester“, 
sagte Helene plötzlich. 
Die Schwester wohnte in einer 
Parterrewohnung, die zum Hof hin 
aus lag. Ein blaues Bächlein deutete 
darauf hin, daß man hier dem Beruf 
chemischer Reinigung oblag. 
Das Fräulein und Liselotte traten 
in einen kahlen Raum, in dem es 
nach großer Wäsche und Fett roch. 
Hier plättete eine Frau in einer 
Nachtjaoke. 
Helene begrüßte sie als Anna und 
fragte stürmisch: 
„Ist Alfred schon da?“ 
„Nein noch nicht, aber er wird 
wohl jede Minute kommen. Du hast 
also doch abkommen können?“ 
„Ja . . . ich mußte Alfred sehen.“ 
„Uhd deine Dame hat dir erlaubt 
zu kommen?“ 
„Mit dem Kinde? Du bist ver 
rückt Hoffentlich erfährt sie nichts 
davon. Das könnte nett werden, 
schon bei dem bloßen Gedanken 
wird mir heiß! Solche Stellen findet 
man nicht alle Tage und ich muß 
sparen, damit Alfred und ich eines 
Tages heiraten können. Ich werde 
die Kleine auf dem Nachhausewege 
bitten, nichts zu sagen . . . soweit 
ich sie beurteilen kann, ist es ein 
gutes, folgsames Kind . . . nur ein 
bißchen zimperlich . . . wie ihre 
Mutter. Aber das liegt an der Er 
ziehung. 
Sie rief Liselotte heran und hieß 
sie sich setzen. In diesem Augen* 
blick kam ein Mann über den Hof. 
„Alfred!“ schrie Helene und 
stürzte ihm entgegen. 
Ihre Schwester folgte ihr, und 
nachdem die erste stürmische Be 
grüßung vorüber war, führten die 
beiden Frauen den Mann, der nach 
einer längeren Abwesenheit wieder 
in seine Heimat zurückgekommen 
war, in ein Nebenzimmer, brachten 
ihm Wein und Kuchen und 
schwatzten, schwatzten ohne Ende. 
Unbeweglich, steif und vornehm 
blieb Liselotte allein in dem großen 
kahlen Zimmer auf dem Stuhl sitzen. 
Sie achtete zuerst gar nicht darauf, 
daß sich eine Tür gegenüber leise 
öffnete und ein paar struppige, 
kleine Köpfe in dem Spalt er 
schienen. Schließlich wurde die Tür 
jedoch ganz aufgestoßen und ein 
paar in Lumpen gehüllte, schmutzige, 
kleine Rangen stießen einander in 
das Zimmer hinein und umringten 
Liselotte mit einer Neugierde, die 
allmählich dreister wurde. 
„Donnerwetter, die ist aber 
knorke“, meinte schließlich ein rot 
haariger Junge, der Liselotte gegen 
überstand. „Ob sie ausgestopft ist?“ 
Und er berührte mit seiner vor 
Schmutz starrenden Hand die 
Schulter des kleinen Mädchens. 
* 
Als Alfred fort mußte, begleiteten 
ihn die beiden Frauen bis auf die 
Straße. Endlich kam Helene ins 
Zimmer zurück, um Liselotte abzu 
holen, die sie ganz vergessen hatte. 
Aber das Zimmer war leer. 
„Wo ist sie? Großer Gott, wo ist 
sie?“ schrie sie voller Entsetzen. 
Sie öffnete die Tür, die zu einem 
schmutzigen Schober führte und 
prallte vor dem entsetzlichen Ge 
schrei und Gestank, die ihr von 
dort entgagenkamen, zurück. Der 
stickige Raum lag im Dunklen, und 
es dauerte erst eine Weile, bis sie 
Liselotte entdeckte, um dann voller 
Entsetzen zurückzuweichen. 
Liselotte steckte, an Händen und 
Füßen geknebelt, in den Resten eines 
alten Kohlensackes. Ihr schöner Hut 
hing zerdrückt und schief von ihren 
feinen, blonden Haaren herab, die 
mit Schmutz besudelt waren. Sechs 
Jungen standen gerade im Begriff, 
das kleine Mädchen mit Hilfe einer 
Leiter auf das morsche Dach eines 
Schuppens hinaufzubugsieren, wäh 
rend ein zweiter Trupp, sich zum 
Ansturm rüstend, sic den Händen 
ihrer Henker zu entreißen suchten. 
Das kleine Mädchen hielt den 
schmerzverzerrten Mund weit ge 
öffnet, aber ihre Schreie wurden 
durch das furchtbare, ohrenbetäu 
bende Gebrüll um sie herum erstickt. 
Helene kam gerade noch zurecht, 
um das Kind in ihren Armen auf 
zufangen, es seinen Peinigern zu ent 
reißen und ins Haus zu tragen. 
Nach dreiviertelstündigem Be 
mühen war es Helene und ihrer 
Schwester gelungen, der Kleinen ein 
wieder ungefähr anständiges Aus 
sehen zu geben. 
„Na, so sehr viel sieht man nicht 
mehr“, meinte Anna und blickte 
Liselotte, die alles stillschweigend 
über sich ergehen ließ, prüfend an. 
„Ja, aber ich verliere meine 
Stelle“, sagte Helene leise. Wie soll 
ich es denn verhindern, daß sie 
ihrer Mutter nicht alles erzählt? Sie 
ist braun und blau geschlagen, das 
arme Ding . . . und daran ist sie 
nicht gewöhnt. 
Eine halbe Stunde später näherten 
sich das Fräulein und ihr kleiner 
Zögling der elterlichen Villa. 
Schweigend betrachtete Helene das 
Kind und wagte nicht einmal, ihm 
Verschwiegenheit anzuempfehlen. 
In diesem Augenblick faßte Lise 
lotte schüchtern Helene am Arm 
und flüsterte mit leidenschaftlicher, 
flehender Stimme: 
„Fräuli, liebstes, bestes Fräuli, ich 
will auch immer ganz, ganz artig 
sein, aber nicht wahr, wir gehen 
dann bald wieder einmal zu Ihrer 
Schwester? Es war zu herrlich! 
Denken Sie sich, ich war die Geisel, 
und alle Welt schlug und riß sich 
um mich! Jeder wollte mich allein 
für sich haben . . . Ach, Fräuli, 
könnten wir nicht schon morgen 
wieder hin?! . . .
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.