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Full text: Berliner Leben Issue 29.1926

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habern mit der vollen und stolzen 
Freiheit der Bäuerin, für die die 
Liebe eine rote Nelke ist, die sie 
triumphierend ins Haar steckt 
Das fröstelnde Morgengrauen 
stand in langen, gelben und röt 
lichen Streifen am Himmel, flatterte 
in Nebelschleiern an den Abhängen 
der Berge entlang, weckte den Fluß, 
raschelte in dem welken Laub, 
rauchte aus den Kaminen der zer 
streuten Hütten und wartete da 
rauf in kurzem aus dem Fabrik 
schornstein zu rauchen. Der Ar 
beitsmorgen blies sein Reveille mit 
den Sirenen der Fabriken und ließ 
mit dem allmählichen Erwachen des 
Lichts die schneeigen Berghäupter 
mit den waldigen Mähnen hervor 
treten. Profile von himmelstreben 
den Schornsteinen, wuchtige Glas 
dächer von amerikanischen Pa 
villons, die die ersten Strahlen der 
Sonne widerspiegelten. 
Aber Christine sah es nicht. Sie 
sah nichts mit ihren Augen, die nach 
Innen schauten. Sie durchschritt mit 
ihren Gefährten das Portal und den 
Hof, betrat ihren Arbeitssaal und 
befand sich vor ihrem Webstuhl 
ohne daß sie es merkte. Der 
massive, eiserne Anlasser begann 
auf Kommando des Werkführers, 
der auch aus Eisen zu sein schien 
— und der Puls des Werkes begann 
zu arbeiten. . . abgestimmte Harmo 
nien aus verschiedenen Harmonien 
geformt — Ablaufen von Treib 
riemen, Stampfen und Schleifen von 
Getrieben, Geschnurr von Web 
stühlen, auf denen die Fäden von 
den Stahlschiffchen angeschlagen hin 
und her eilten. Rotieren von Zylin 
dern und schwindelhaftes Tanzen 
von Spindeln jeder Farbe. Das 
Rasen zweier Hechelmaschinen, der 
kleine und der große Teufel ge 
nannt, aus denen die Wolle schaumig 
hervorquoll wie Wasser aus einem 
Sturzbach, wenn es vom Gletscher 
herunterfällt, die sonore Musik, auf 
gegangen in Tönen von unzähligen 
Instrumenten, wiederholte einen me 
lodischen Satz, ein charakteristisches 
Leitmotiv von höchstem Adel. Und 
Arbeiter und Arbeiterinnen von der 
unbewußten Freude des Rhythmus 
bezwungen vereinten ihre Stimmen 
der Orchestersinfonie mit weiten 
frommen Noten im Chor. Durch 
die offenen Fenster fiel die Sonne 
und tönte das Rauschen des 
Stromes. Im Hofe neben der 
Färberei arbeiteten einige Maurer 
daran, einen neuen Pavillon aufzu 
bauen. Zwischen Kalktrögen, Ziegel 
haufen, Eimern, Spachteln,, Leitern 
und Töpfen eilten sie geschäftig hin 
und her: Leben auf Leben, Kraft auf 
Kraft fügend, mit dem gespannten 
Anblick von Schönheit und Hoff 
nung, den die Menschen stets beim 
Bauen haben. 
Christine schien es, als ob sie sich 
in der Woge von Tönen auf lösen 
sollte, als ob sie den Zusammenhang 
einer menschlichen Form verlöre. 
Nicht die Treibriemen und die 
Zylinder drehten sich, sondern ihr 
Gehirn raste mit den Spulen, mit 
den Scheiben, mit den Wänden und 
mit den Ecken. Irgend etwas zerriß 
sie. — Endlich hatte sie Ruhe und 
wußte nichts mehr. 
Zwei Weber trugen sie auf den 
Armen in das Zimmer des Pförtners 
und legten sie auf den Strohsack 
unter den Seufzern und Wehklagen 
der Frauen. Die Frau des Direktors 
lief mit der Samariterkiste herbei, 
und der schnellste unter den Spin 
nern stürzte davon, um einen Arzt 
zu holen. Aber der Arzt war schon 
seit dem Morgengrauen fortge 
fahren, um seine mühevolle Tour 
über die Berge anzutreten. Nicht 
vor Sonnenuntergang würde er 
wiederkommen. 
„Secondina — oh Secondina!“ Sie 
war eine Frau in den 50er Jahren, 
ziemlich fettleibig, mit großem, aber 
gutmütigem Gesicht und noch 
dunkelblondem Haar und einem 
sonderbaren Ausdruck von Ruhe 
und Sanftmut. Sie hob den Kopf, 
als sie sich rufen hörte. Sie tat 
einige Fragen — vernahm einige 
Worte — verstand, seufzte und lief 
herbei. Sehr erfahren in allen 
Frauenkrankheiten, und durch ihre 
lange Praxis manchmal scharf 
blickender als ein Arzt, gab es keine 
Kranke im Lande, der sie nicht bei 
gestanden hätte. Sie sah sofort, wo 
rum es sich handelte. 
Secondina Cappio hatte am 
Morgen vorher die Christine aus der 
Höhle der Alten herauskommen 
sehen und bei Gott geschworen, daß 
der Mord von dort herkäme. Sie 
und andere mit ihr kannten wohl 
das schmutzige Gewerbe der Alten, 
aber Niemand in diesem Fabrikdorf, 
wo Männer und Frauen Tag und 
Nacht in engster Gemeinschaft in 
den Fabriken lebten, hatte den Mut 
sie anzuzeigen. „Christine — Chri 
stine — mein Kind, was hast Du 
gemacht?“ 
Christine öffnete in diesem Augen 
blick die entsetzten Augen. Ihr 
Antlitz war weißer wie das Laken. 
Ein violetter Schatten zog sich von 
den Augen zu den Nasenlöchern — 
die Lippen waren verschwunden. 
„Es ist recht so“ murmelte sie in 
einem Hauch. So erlangte sie das 
Bewußtsein nur wieder, um [noch 
einmal zur Erkenntnis der Wahrheit 
zu kommen. Ein rythmisches Ge 
räusch drang an ihr Ohr, manchmal 
unterdrückt wie ein Summen, manch 
mal voll und laut wie ein Kirchen 
chor. Es war das Lied der Web 
stühle, in dessen Rhythmus sie in 
Freude und Kraft gewebt und ge 
wirkt hatte. Auch dies ging mit ihr 
hinüber — die alte Melodie in die 
Dunkelheit ohne Grenzen. „Es ist 
recht so“ hauchte sie noch und ver 
suchte mühsam der Cappio zu 
zulächeln. 
Die Zeit verging, die Dämmerung 
kam herauf, schweigend gingen die 
Maurer fort, knarrend zogen die 
Karren mit den Stoffballen davon. 
Die Maschinen liefen langsamer, 
— dann war es ganz still. Einer 
nach dem anderen erschien, in der 
Tür der Pförtnerwohnung. Sie 
wechselten einige leise Worte unter 
einander, schüttelten den Kopf, 
dann gingen sie traurig davon. Auch 
der Arzt, der in Eile gegen 8 Uhr 
abends herbeikam, war fortgegan 
gen, nachdem er vergeblich noch 
versucht hatte, eine Injektion zu 
machen. 
Die Schwiegermutter, seit dem 
Morgen vom Unglück benach 
richtigt, hatte nicht ins Tal herab 
steigen wollen. Steil, aufrecht — mit 
zitternden Händen — hatte sie ge 
stammelt „das geschieht ihr ganz 
recht — Gott möge ihr verzeihen — 
schickt ihr einen Priester!“ Und sie 
hatte sich in die Küche geschlossen 
und ließ den Rosenkranz über dem 
verlöschten Feuer durch die Finger 
gleiten. 
Die Zeit verging, der Mond ging 
auf. Mit der Cappio und der Mina 
waren noch zwei andere Frauen bei 
der Sterbenden geblieben. Romu 
Aida, die keine Kinder hatte und 
Barbarelia, die niemand hatte. Jetzt 
lebte nichts mehr in Christina außer 
einem kaum fühlbaren Herzschlag. 
Als Secondina bemerkte, daß 
Christines Hände steif geworden 
waren und auch der leiseste Atem 
zug verlöscht war, schloß sie ihr 
fromm die Augen, und erhob sich, 
um die Tür zu öffnen. Da wurde sie 
von einer seltsamen Empfindung be 
troffen. In der klaren Nacht 
schauten die Sterne, der Himmel 
und die Berge nur Christine fragend 
an — nur sie. Das dreistöckige Ge 
bäude, dessen Fenster offen waren, 
wie Augen von einer weißen Ter 
rasse wie von einer Stirn über 
dacht, hatten denselben gespannten 
Ausdruck wie der Berg, an den es 
sich anlehnte. Der Schornstein 
schnitt den ausgestirnten Himmel 
in zwei Hälften. Hier ist eine Tote! 
Hier ist eine Tote, sagte die zu 
Füßen des Schornsteins angezündete 
Nachtlampe. — Hier ist eine Tote — 
hier ist eine Tote! wiederholten die 
fernen Feuer der Hirten. Wie ging 
es zu — wie ging es zu — fragten 
die schwarzen, auf gerissenen F enster- 
augen. 
Aber Secondina Cappio in ihrer 
eigenen bescheidenen Erfahrung 
wußte wohl, daß es für Menschen 
und Dinge viele Fragen gibt, die 
unbeantwortet bleiben. Sie kehrte an 
die Seite der erstarrten Frau auf 
dem fremden Lager zurück, hüllte 
sich in ihr Tuch, weil sie fror und 
betete bis zum Morgengrauen 
(Aus dem Italienischen von Werner Wolff.J
        
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