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Full text: Berliner Leben Issue 29.1926

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Hast Berliner du 
Heut’ ein rendez=vous 
Triff dich ja am rechten Platz 
Mit deinem Schatz! 
Gehst verkehrt du im Verkehr 
Straft dich unser Fiskus schwer, 
Ordnung: erste und die zweite — 
Umgekehrt, macht dich schnell pleite. 
Schreit nicht hin und her ~ 
Gehst an Ecken quer 
Halt dich schon ein Blauer an, 
Bist ein ruinierter Mann. 
Drum Berliner, sei gelehrig, 
Stell’ dich nicht so minderjährig, 
Mach ein rendez*vous nicht schon 
2,u einer Staats*Aktion ! m. v. P. 
Kichern, Autohupen. Zerlumpte Gestalten betteln. 
„Warten Sie auch schon so lange? Ich geb’s auf.“ 
„Natürlich, eigentlich haben Sie recht!“ 
„Bei uns in ich sage Ihnen, einfach fabelhaft!“ 
Solide wickelt sich die Trefferei hier ab. Solide die 
Menschen, solide das Vergnügen, solide die Kleider. 
„Was denken Sie von mir, mein Herr!“ flötet eine 
hohe Stimme. 
„Regen Sie sich man bloß nicht uff!“ tönt es zurück. 
Der Verkehrsbeamte macht Schluß. Der Verkehr 
ebbt ab. Berlin bei Nacht ist schon früh zu Ende. 
„Ich hab’s doch gleich gesagt! Kommen Sie Maier! 
Eigentlich ist mir’s auch so lieber. Was soll mir das!“ 
Und er hat recht, denn was bleibt ihm auch weiter 
übrig, wenn sie nicht gekommen ist, als still zu re 
signieren. 
* 
Am Alexanderplatz. Hoch thront die Berolina über 
allen, dick, gemütlich und abweisend. Gott sei Dank ist 
die Menge nicht auch so. Hier ist der Betrieb volks 
tümlicher, urwüchsig und um einige Nuancen deut 
licher. Das Getue fehlt. Keine Pseudo-Eleganz und 
keine Lebemann-Allüren. Man liebt so wie man ist und 
damit basta. Wem’s nicht paßt, der soll uns den Buckel 
langrutschen. 
Von allen Seiten treffen sie sich hier. Die Don Juans 
des Ostens mit den rotznäsigen Prinzessinnen des Nor 
dens. Modelle Zilles und der Kollwitz, ab und izu auch 
eine Grosz-Visage dazwischen. Würstchenhändler 
preisen ihre Waren an. Reklame-Affichen sausen an den 
Häuserwänden entlang. Das Pflaster dröhnt und zittert. 
Ohne Hut zum Teil die Mädels, so als wären sie nur 
mal auf eine Sekunde von Hause entwetzt. Die Jungens 
mit in den Nacken gezogenen Mützen, verwegenen 
Augen und kessen Redensarten. 
„Dir soll ick wohl mal vorn Hunderter vernaschen?“ 
„Willste valleicht pampich werd’n?“ 
„Haut euch nicht!“ 
„Is det valleicht ’ne Art? Erst bestellt se mer her und 
dann läßt sie mir warten, und nu jeht se mit ’nem An 
deren?“ Ansammlung um Streitende. Hetzrufe. Eng an 
einandergepreßt trudeln Paare zum Rummelplatz in der 
Königstraße. Die Berolina schaut wohlgefällig auf alle 
herab. Autobusse rattern dröhnend vorbei. Frierend 
steht ein kleines schwarzhaariges Pudelköpfchen an der 
Rotunde. 
„Wieder kommt er nicht! Wenn er wieder mit die 
Mieze jeht, dann tu ick mir wat an!“ 
Über dem roten Kasten des Polizeipräsidiums scheint 
der Mond. 
„Nu aber los, haste mir verstanden, du olle Ta 
blettenpenne!“ 
„Dir hab’n se woll mit ’nem Klammerbeutel gepudert, 
wat?“ 
Manch hartes Wort fällt. Manchmal suchen die Augen 
der Mädchen ängstlich umher. Wer weiß, wie er heute 
gelaunt sein mag. 
Aus der Mulackstraße strömen finstere Gesellen, 
„wackeln die Spinde ab“. 
„Na is man jut! Weene nich. Ick kann det nich sehn!“ 
„Wat woll’n Se von meine Nähse?“ 
Grelle Pfiffe in den Seitengassen. Das ist der Rende- 
vousplatz des echtesten Berlins. — 
Für jeden Geschmack ist gesorgt. Sucht euch aus, was 
euch paßt. Berliner Rummel, Berliner Liebe, Berliner 
Betrieb — und nach zwölf ist alles aus. 
P. M. 
BERLINER WEEKEND 
Wirklich, gnädige Frau, 
Buckow hat sich in den 
letzten Jahren zu einem 
Weekend-Aufenthalt ent 
wickelt, Sie müßten nur 
mal die unglaubliche 
Menge von Autos sehen, 
die sich über Sonnabend 
und Sonntag dort auf 
halten, dann wüßten Sie, 
daß Sie auch in Buckow 
Charleston tanzen können, 
so viel Sie wollen. Aber 
wir wollen mit der Eisen 
bahn fahren. Zuerst 
mit dem Personenzug bis 
Dahmsdorf - Müncheberg 
und dort sehen Sie schon 
auf dem andern Gleis ein 
Spielzeug stehen. Dieses 
V. BUCKOW (MARK) 
Buckow i. M. 
Spielzeug behauptet, eine 
Eisenbahn zu sein und 
wirklich, nachdem wir 
einige Zeit gewartet haben, 
springt der Schaffner auf 
die Plattform des Wagens, 
dreht die Bremse auf und 
psch, psch, psch, fängt das 
Lokomotivchen an, die 
Wagen hinter sich her zu 
ruckein. Aber schon nach 
wenigen Metern ertönen 
gellende Pfeifen-Signale, 
das Zügele bleibt stehen 
und fährt schnaufend 
wieder in den Bahnhof zu 
rück. „Was ist los?“ Herr 
Meier aus Buckow hatte in 
Dahmsdorf zu tun, hat den 
Zug verpaßt und da das
        
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