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Full text: Berliner Leben Issue 29.1926

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Lina 
Hassel 
Am Zoo unter 
der Uhr. Normal- 
uhr wäre durch 
aus übertrieben, 
denn erstens wäre 
sie das einzige, 
was hier normal 
ist und zweitens 
„Du wolltest 
zehn vor hier 
sein, jetzt ist es 
fünf!“ sagte sie. 
„Die Uhr geht 
falsch!“ sagte er. 
Ühren, unter 
denen sich Lie 
bespaare treffen, 
gehen schon aus reiner Bosheit falsch. 
Es ist gegen k>9 Uhr am Abend, also Hochbetrieb. 
Männlein und Weiblein und die dazwischenliegenden 
Geschlechter stehen herum, treten ungeduldig von 
einem Fuß auf den anderen und warten! — 
Da gibt es die zaghaften Anfänger in der Kunst des 
Rendezvous, die vorsichtshalber schon zwanzig Minuten 
vor der verabredeten Zeit gekommen sind, es kann ja 
nicht schaden; die Rou 
tiniers, die in der Hal 
tung eines Voribeischlen- 
dernden, den die ganze 
Sache nichts angeht.und 
die Berufsmäßigen, die 
hier stehen, weil sie 
wissen, daß nicht alle, 
die bestellt, auch abge- 
iholt werden. 
Die Luft ist mit 
Spannung geladen. Süße 
Gefahren — Nebel 
schweben um die Ecke. 
Nervös sind alle, denn 
wer ist schon seiner 
Sache sicher. Eine nied 
liche Kleine im Sonn 
tagsstaat. Ein blasser, 
hagerer Jüngling mit 
der permanent nach der 
Uhr fassenden Hand. 
Ein unternehmend mit 
dem Stock jonglieren 
der Gent, Gelassenheit 
markierend. Elegante 
Dämchen, nach allen 
Wohlgerüchen duftend. 
Keiner bleibt auf der 
Stelle stehen. „Kokain 
gefällig!“ 
Schon blinzelt 
mit einem, denn 
kann ja nicht wissen 
und Vorsicht ist besser, 
als den angebrochenen 
Abend allein verbringen 
zu müssen. 
Arm in Arm ziehen 
zwei ab, glücklich ver 
eint, obwohl sie schon 
eine gelinde Wut auf 
ihn hatte. 
eine 
man 
„Um 11 Uhr wolltest du kommen ... 
Ein Auto fährt vor: „Entschuldige, es ging nicht 
früher!“, und schon sitzt er drin. 
Die Minuten dehnen sich zu Ewigkeiten. 
„Weißt du, es ist eine Unverschämtheit, mich so 
lange warten zu lassen. Ich habe das gar nicht nötig, 
weißt du?“ sagte sie keifend. Und er weiß und schweigt. 
Dort begrüßt man sich mit einem Kuß. 
„Gerade bin ich gekommen. War auch verspätet! 
Gut, daß du nicht früher hier warst“, und dabei steht er 
schon seit einer guten halben Stunde hier. Leerer und 
stiller wird es. Oben pfeift ein Zug. Autos rasen vorbei. 
Von drüben klingen Töne einer Kapelle. Die letzten 
Unentwegten hoffen noch immer. Schon kreisen die Be 
rufsmäßigen wie Aasgeier um sie herum. 
Vor Josty am Potsdamer Platz. Die Uhr des Ver 
kehrsturmes leuchtet. Grün, gelb, rot blinzeln die Sig 
nale. Wie Monde hängen die Kugelschalen der Lampen 
darüber. Auf der Terrasse ist es bumvoll. Meseritz ge 
nießt nächtliches Berlin. 
„Natürlich kommt sie! Eine Rassefrau, sage ich dir. 
Mannekäng bei “ sagt ein Provinzonkel mit Juhu- 
hütchen, und sein Freund schlägt die Augen be 
wundernd auf. 
An der Ecke linst eine in die Menge. Er muß doch 
endlich kommen, denkt 
sie und entwirft den 
Plan für den heutigen 
Abend. Aber was sind 
Entwürfe, was Träume? 
Kleine Warenhaus 
mädchen, ältere Fräu 
leins, junge Lebejüng- 
linge von Portokontos 
Gnaden. Gedränge. — 
Schubsen. — Rufe, — 
„Na, endlich!“ ent 
ringt sich einem, und die 
Umstehenden lächeln. 
Glückselig ziehen sie 
ab, Richtung Tiergarten. 
Zeitungshändler rufen 
die Abendblätter aus. 
Skandalbroschüren wer 
den offeriert. 
„Weitergehen“, die 
Stimme eines Schupos. 
„Sind Sie vielleicht 
Herr Müller?“ fragt 
eine schlanke Blonde. 
„Nee, meine Guteste, 
aber vielleicht nehmen 
Sie mit mir Vorlieb.“ 
„Nicht doch, Frol- 
lein! Nicht doch so 
stürmisch!“ 
„Nachtaufnahmen ge 
fällig!“ flüstert eine 
heisere Kehle. 
„Natürlich zuerst 
Rheingold und dann 
„Erst wollte sie mich 
ja nicht weglassen. 
Sitzung habe ich ge 
sagt. —■
        
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