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Full text: Berliner Leben Issue 29.1926

Marianne, die Hände unter dem Kopf 
verschränkt — aus dem Schlafrock lugten 
die weißen gepflegten Füße hervor — 
überlegte: „Das blaue? Zeig’s einmal 
her.“ 
Sophie holte die Robe. Sie war noch 
wie neu. In elfenbeinfarbenen, goldig 
schimmernden Atlasgrund waren korn 
blumenblaue langgestielte Blüten einge 
wirkt, rings um den Halsausschnitt und 
um den Rocksaum zogen sich appli 
zierte Girlanden von kleinen blassen Ro 
sen aus matter Seide; weiße Spitzenfal 
beln bis zum Ellbogen bildeten die Ärmel. 
Es wirkte vornehm bescheiden. Und 
Marianne erinnerte sich, sehr jugendlich, 
sehr unschuldig darin ausgesehen zu 
haben. Der König, der zu der Witwe des 
Zolleinnehmers Lancon ging und immer 
hin mehr Frauenhaftigkeit erwarten 
durfte, würde vielleicht erstaunt sein, ein 
junges Mädchen anzutreffen — aber an 
genehm erstaunt... 
„Gut, Sophie, gut, wir bleiben dabei. 
Dazu die blauen Atlasschuhe und die 
blauen Strümpfe.“ 
Mariannens Selbstbeherrschung hatte 
aber doch allmählich ihre Grenze er 
reicht: es duldete sie nicht länger im Zu 
stand der Ruhe. Sie stand auf, dehnte 
sich und gähnte und begann, in den Ge 
mächern umherzuwandeln, von einem ins 
andere. Dabei befiel sie wieder diese 
unglückselige Neugier, und wieder hub 
die Suche an nach irgendeinem Merkmal, 
das auf die Vergangenheit des Hauses 
hinwiese. Sie stöberte in allen Schränken, 
Kommoden und Laden, die Schreibtische 
wurden auseinandergelegt und nach Ge 
heimfächern abgeklopft, die Bilder von 
den Wänden genommen, etwaiger Ver 
stecke wegen. Alles vergeblich. 
In einem Glasschrank standen Bücher, 
die Marianne bis jetzt übersehen hatte. 
Darauf stürzte sie sich nun, riß sie alle 
der Reihe nach heraus, durchblätterte sie 
— schleuderte sie zornig zu Boden. 
Nichts, was verraten hätte, in wessen Be 
sitz sich vormals diese Bücher — insge 
samt Damenlektüre, soviel verstand 
Frau von Lancon bereits von Literatur — 
befunden hätten, weder ein Name, noch 
ein Wappen oder gar ein vergessener 
Brief. 
Sie stieß mit dem Fuß in die Bücher. 
„Räum das weg!“ befahl sie Sophie. 
„O, wie das an ihr fraß, sie ganz rasend 
machte, so im Dunkeln zu tappen, Ver 
mutungen überlassen zu sein! 
Aber wozu eigentlich diese unnötigen 
Erschütterungen? Warum der zwecklose 
Ärger? Das schadete nur ihrem Aus 
sehen, das verzerrte die Züge, entstellte 
den Teint, brachte die Säfte in schädliche 
Wallung... und sie mußte sich doch 
schonen — der König kam. 
Also fort mit diesen Gedanken! Was 
ging es sie an, wer vorher hier gehaust 
hatte? Ja, was ging das sie an? ... Mußte 
ihr Schicksal sich denn notwendig nach 
dem der früheren Bewohnerinnen dieses 
Hauses richten? 
Zerstreuen sollte sie "sich, lachen sollte 
sie. 
Sie ließ Jaquot, den Papagei, bringen . 
Jaquot konnte eine Menge Worte 
sprechen, ganze Sätze, er konnte singen 
und pfeifen. Wenn er bei seiner Herrin 
war, fing er sofort zu plappern an. Er 
sagte nicht gerade immer das, was man 
von ihm verlangte, aber um so drolliger 
fielen darum mitunter seine Antworten 
aus. 
Frau von Lancon fragte: „Sag, Jaquot, 
wie kommandiert der Offizier? Nun, sag, 
sag,...“ 
Und Jaquot rief: „Sophie — komm her! 
—Sophie — komm her!“ 
Marianne lachte aus vollem Hals. „Du 
bist ein Dummrian, Jaquot.“ 
Sie nahm den Vogel aus seinem 
Messingbauer, setzte ihn auf ihren Zeige 
finger und plauderte mit ihm. 
Zwischendurch sagte sie: „Man soll 
darauf achten, daß das Feuer nicht ver 
glimmt“, oder: „Laß die Räucherkerzen 
anbrennen, Sophie, im Salon und im 
weißen Kabinett und — in meinem 
Schlafzimmer. Die Türen offen, damit der 
Rauch durchzieht.“ 
Acht Uhr. Frau von Lancon sperrte 
Jaquot wieder ein. 
Man stellte das Abendbrot vor sie hin; 
getrüffelten Fasan und Sorbet. Sie ver 
suchte das Wild, aber sie brachte keinen 
Bissen herunter. Sie naschte etwas Sor 
bet und schob geekelt die Speisen weg. 
Kalte Hände hatte sie und heiße Wan 
gen. Ihre Hände waren nicht ganz sicher, 
sie zitterten leicht. 
Sie sagte sich, um sich selbst Mut zu 
machen: Ich erwarte einen Liebhaber, 
den ich nicht kenne, bei dem ich des Er 
folges aber ziemlich sicher sein darf, der 
mich sehr verwöhnen, mir alles bieten 
wird, was ich mir nur ersinnen mag. 
Warum bangt mir also ... 
Aber der, den sie erwartete, war der 
König — der König von Frankreich. 
Es wollte ihr trotz aller Anstrengungen 
nun einmal nicht gelingen, ihren Besucher 
seines Ranges zu entkleiden, ihn bloß in 
seiner Menschlichkeit sich vorzustellen. 
Als sich Frau von Lancon ankleiden 
ließ, fröstelte es sie derart, daß eine 
Gänsehaut ihr die Arme und den 
Nacken hinablief. 
Sie hub verzweifelt zu jammern an: „O 
Gott, ich werde häßlich aussehen, rot wie 
eine Dienstmagd. Es ist zu wenig geheizt 
— man muß ja erfrieren! Schür nach, 
Sophie, schür nach!“ — Aber während 
Sophie vor dem Kamin kniete, fiel Mari 
annens Blick wieder auf die Uhr, und 
ängstlich rief sie die Zofe zurück: „Laß 
das, Sophie, sofort komm her, ich werde 
ja sonst nicht fertig!... Ihr macht mich 
noch alle toll!“ 
Und Sophie, von der Aufregung der 
Herrin angesteckt, vergreift sich in den 
Knöpfen und Schließen, reißt eine 
Schleife ab und beginnt schließlich zu 
weinen. Unter dem Schreien und Drohen 
Mariannens und dem erstickten Schluch 
zen Sophies wird die Toilette endlich 
fertig, einige Minuten vor neun, im letz 
ten Augenblick. 
Marianne schaut zum Fenster hinaus: 
Halbmond und Sternenhimmel. Daher 
kein Lakai an der Gartenpforte. 
„Seht nach, ob der Tee hergerichtet 
ist.“ Marianne schickt die Kammerfrau 
fort. Sie will nicht in Anwesenheit der 
Alten die Knickse üben. Vor dem hohen 
Spiegel stehend, macht sie ein Dutzend 
tiefer Verbeugungen —den linken Fuß 
nach rückwärts schiebend eine Senkung 
der Knie, den Kopf gebeugt, den Rock 
graziös an beiden Seiten leicht gehoben. 
Sie legt den Schmuck an. Nicht zu viel, 
das wäre für die Gelegenheit nicht 
passend. Einen Anhänger aus hellen 
Saphiren um den Hals — von wem 
stammte das doch...? richtig, von Bran- 
cas ... vorn die Spange Richelieus, um 
die Busenschleife zu halten, ein unauf 
dringliches kleines Stück ... und den 
Ring Lauzuns, den sie immer trägt, nicht 
seiner Kostbarkeit wegen —, aber es 
knüpfen sich so hübsche Erinnerungen 
daran. Und weil ihr bei dieser Gelegen 
heit das Kreuzchen des Herrn von Bon- 
nac in die Hände fällt, so hängt sie sich 
auch dieses um, denn, wenn man’s genau 
nimmt, es hatte ihr doch seinerzeit Glück 
gebracht... 
Ein Buch in der Hand setzt sie sich in 
den Salon neben den Kamin, der )Ein- 
gangstür gegenüber. Die Blicke auf die 
Uhr gerichtet, wartet sie mit angehalte 
nem Atem. 
Neun. Das ganze Haus lag in lautloser 
Erwartung. Nur im Vorzimmer schritt 
Francois auf und nieder. 
Im Garten schlug der Hund an. Erst 
scharfes Gebell, dann freudiges Winseln 
und Heulen. 
Marianne klappte das Buch auf. Sie 
hätte aber kaum angeben können, was 
für ein Werk es war. 
Die Haustür knarrte. Franqois stand 
still. Schritte die Treppe herauf. Mit 
einer fast übersinnlichen Deutlichkeit 
hörte Marianne alle Geräusche, sie 
schaute alle Bewegungen draußen, so ge 
nau, als sähe sie durch Wände und 
Türen. Francois verbeugte sich stumm ... 
ein mittelgroßer, beleibter Herr von 
Jahren — sein scharfes Profil mit ge 
schwungener Nase, fliehender Stirn, 
fleischigen Wangen, kurzem dicken Kinn 
war ihr vertraut von Bildern und Mün 
zen her— ließ seinen dunklen Mantel in 
die Hände des Dieners gleiten, reichte 
ihm den Hut, schob sich die Perücke 
zurecht... 
Jetzt flog die weiße Türe auf: 
„Seine Gräfliche Gnaden, der Herr 
Graf von Marly.“ 
Und gemächlichen Schrittes, den einen 
Fuß leicht nachschleifend, trat der König 
auf sie zu und streckte ihr, ohne ein 
Wort der Begrüßung, die Hand hin, 
mitten in den schönen Knicks hinein. 
Er nickte nur, leise und freundlich 
lächelnd. 
Er lehnte den Krückstock an einen 
Stuhl, und nun erst, indem er sich, die 
Hände reibend, mit Wohlbehagen vom 
Feuer bestrahlen ließ, nun erst redet© 
er sie an. 
„Sind Sie zufrieden hier?“ fragte er 
mit einer feinen, eigentümlich näselnden 
Stimme, „entbehren Sie nichts? — Ein 
wenig einsam ...“ 
Wie ein reicher, neugeadelter Finanz 
pächter sah er aus in seiner etwas plum 
pen, scheinbar so satten Behäbigkeit, an 
getan heute in ein prächtiges, goldüber 
ladenes Staatsgewand aus stahlblauem 
Brokat mit einer weißen gestickten 
Atlasweste, den edelsteinfunkelnden 
Degen an der Seite. 
Frau von Lancon, die sich in ehrer 
bietigem Abstand hielt, erwiderte, ihrer 
vornehmsten Aussprache sich bedienend: 
„Man hätte nicht besser für mich sorgen 
können“ — und dann kam das erstemal 
das Wort voll Hoheit und scheueinflö- 
ßender Würde als persönliche Anrede 
über ihre Lippen — „Majestät“. 
Es fiel aber, darüber konnte sie sich 
nicht hinwegtäuschen, recht unfeierlich. 
Es fehlte der Szene völlig jene Gehoben- 
heit, die sie sich erwartet hatte. 
(Fortsetzung folgt.) 
Die Buchausgabe dieses Romans erscheint 
bei der Deutschen Verlagsanstalt, 
Stuttgart-Berlin. 
Verlag und Schriftleitung: Berliner Leben Verlags-G m. b. H.,Berlin W 35, Potsdamer Straße 122c/123. / Für den künstlerischen u. redaktionellen Teil verantwortlich: 
Trude John und Kurt Labisch, Berlin. / Für die Inserate: Fritz Krüger, Berlin. , Auslieferung: Die Deutsche Illustrierte Verlagsgesellschaft m. b.H., Berlin W 35 Potsdamer 
Str. 122c/123 / Fernspr.: Oliva 6800*01. / Klischees und Offsetdruck: Dr. Seile "3D CoA.»G. Berlin SW29, Zossener Str. 55. Manuskripte und Bilder können nur dann zurück« 
gesandt werden, wenn Rückporto beigefügt ist, / Man abonniere durch alle Buchhandlungen oder direkt beim Verlag./Copyright 1926byBerliner LebenVerlagsges.m.b.rL
        
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