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Full text: Berliner Leben Issue 29.1926

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Seele schwankte, lenkte der Instinkt 
ihre Schritte wie eine sichere Hand, 
der eine Blinde leitet. Sich frei 
machen! — der Geliebte hatte es ihr 
geraten. Dies Wort, tonlos, aber 
geschwängert von fürchterlicher Be 
deutung hämmerte an ihre Schläfen 
mit dem dumpfen gleichmäßigen 
Takt einer Maschine. Sich frei 
machen! — vom Lebenden und vom 
noch Ungeborenen gleichzeitig. Sie 
schämte sich im Schoß, das Kind 
desjenigen zu tragen, der sie nicht 
mehr begehrte. 
Hinter der Schmiedegasse — ge 
rade am Eingang des Dorfes, be 
fand sich ein Klumpen aussätziger 
Häuser mit ausgehängten Fenstern 
und Galerien aus fauligem Holz in 
einem unerträglichen Gestank nach 
Stall und Trog, kletterte eine Stiege 
hinunter und befand sich in einem 
Zimmer, das unter der Straße lag. 
Nur ein Bett, eine Truhe und zwei 
Kommoden, sowie eine Unmenge von 
Heiligenbildern in lebhaftesten Far 
ben, waren da. Eine Greisin saß 
dort auf einer Bank, an dem einzigen 
Fenster und erhob sich nicht einmal, 
als die „Kaiserin erschien. Sie be 
gnügte sich damit, den kahlen Kopf 
nach ihr umzuwenden mit dem 
blicklosen Gesicht von gelbem Mar 
mor, das hundert Jahre alt zu sein 
schien. „Gelobt sei Gott, was willst 
du?“ Christine antwortete nicht, 
sondern lehnte sich an die Wand. 
„Schließ die Tür zu“, sagte die Alte, 
dann fragte sie ruhig: „Also?“ Müh 
sam, verwirrt begann Christine zu 
sprechen. Die Andere ließ sie aus- 
reden, als ob sie nicht einmal zu 
hörte. Als aber die Stimme in 
Schluchzen flehentlicher Angst um 
schlug, schüttelte sie den Kopf — 
„Nein — nein — nein“ machte sie. 
Es war ein langer Kampf zwischen 
der schluchzenden Bitte und der 
stummen Verneinung. Erschöpft 
ließ sich Christine zur Erde fallen, 
ein einziges zusammengekauertes 
Etwas mit dem langen Gewinsel 
einer Hündin. Erst dann erhob sich 
die Alte mühsam und sie war nicht 
größer gehend als sitzend und 
schlürfte auf den Pantinen bis zu 
einem Türchen, das sie hinter sich 
schloß. Für einige Zeit Schweigen. 
Das Türchen öffnete sich wieder. 
Die gichtigen Hände umklammerten 
ein Fläschchen voll dunklen, dicken 
Saftes. Das reichten sie der 
Christine, während der zahnlose 
Mund flüsterte: „Das mußt du in 
drei Malen austrinken. Gib wohl 
acht, in drei Malen — nüchtern 
beim Morgengrauen. — Dann 
arbeiten, essen, laufen, als ob nichts 
geschehen wäre. Was auch kommen 
möge, schweige. Ich tue e„ für dich, 
weil du mir leid tust. Verstehst 
du? 10 Lire.“ „Ich habe 5, den Rest 
werde ich dir bringen.“ Christine 
zog das Taschentuch heraus und 
löste einen geknoteten Zipfel davon, 
aus dem ein vergilbtes Papier her 
vorkam, das sie auf die Truhe legte. 
In dasselbe Taschentuch wickelte 
sie das Fläschchen und steckte es 
wieder fort. Dann mit einem 
schweigenden Nicken des Dankes 
und des Grußes fand sie wieder zur 
Tür hinaus. Die Greisin folgte ihr 
nicht einmal mit ihren weißen 
Augen. Unbeweglich kehrte sie zu 
ihrem Platze am Fenster zurück und 
steckte den Lireschein heimlich 
zwischen Hemd und Mieder. Aber 
anderen Augen mußte Christine ent 
gegentreten, auf der Schwelle des 
eigenen Hauses, forschenden, 
schlauen und feindlichen Augen, den 
Augen der Schwiegermutter. „Wo 
kommst du her? Gib acht, ich weiß, 
daß du bei der ersten Messe nicht 
in der Kirche warst, die Faletta hat 
es mir gesagt. Höre, Christine, sei 
auf der Hut!“ Häufig schon hatte 
sich der Eigensinn der beiden 
Frauen gekreuzt und sie hatten sich 
gegenseitig bekämpft, ohne daß die 
eine noch die andere die Oberhand 
behalten hätte. 
Aber an diesem Morgen hatte die 
„Kaiserin“ nicht mehr die Wider 
standskraft noch zu antworten. Die 
Mutter richtete sich hoch vor ihr 
auf an ihrem Platze als Hüterin des 
Hauses und der Ehre, unangreifbar, 
in dem abgeschlossenen Leben 
zwischen dem Herd und dem Altar. 
Und Christine schwieg und erklomm 
rasch die Stiege. In ihrem Zimmer 
riß sie das Fläschchen aus der 
Tasche. Der Riegel an der Tür 
schloß nicht gut. Die Mutter mit 
ihren leisen, durch die Pantoffeln 
mit Bindfadensohlen abgedämpften 
Schritten, hätte plötzlich herein 
kommen können. Was war zu tun? 
Der Kopf schwindelte ihr, das Rück 
grat schien ihr zu knicken, da über 
kam sie gänzliche Verwirrung. Sie 
entfernte den Stöpsel von der 
Flasche und stürzte mit großen 
Schlucken die gelbliche Flüssigkeit 
hinunter, die ihr den Gaumen und 
Hals verbrannte. Als kein Tropfen 
mehr übrig war, da erst erinnerte 
sie sich der Mahnung der weisen 
Frau. Eine marmorne Stille folgte 
der Angst. Die Sicherheit und Un 
widerruflichkeit der Tat, der Tat, die 
sie vom Geliebten loslöste und ihn 
Tausende von Meilen von ihr ent 
fernte, der Tat, die sie mit einem 
Schlage von ihm, von dem Urteil 
der Menschen, von allem befreite. 
Wenigstens glaubte sie dies. Ge 
wissensbisse? Weswegen hätte sie 
Gewissensbisse empfinden sollen? 
Wer hatte ihr geholfen? Sie konnte 
sterben, wer liebte sie? Die Schwie 
germutter nicht, und nicht einmal 
ihr Mann, der hagere Jakob, den sie 
den Langen nannten, und der, auf 
der Jagd nach dem Glück, 3 Jahre 
nach der Hochzeit nach Buenes 
Aires gegangen war, und sie hatte 
er zu Hause gelassen, um keinen 
Ärger mit Weibern unterwegs zu 
haben. Auch nicht der Geliebte der 
nur eine überflüssige Drohne war. 
Ein leichtes Klopfen an der Tür 
ließ sie aufspringen. Sie blieb einen 
Moment lauschend stehen, aber es 
war falscher Alarm. Da steckte sie 
das leere Fläschchen in einen Haufen 
Flicken in einer Truhe — ging hin 
aus, raffte auf dem Treppenabsatz 
ein schon bereit liegendes Bündel 
schmutziger Wäsche zusammen und 
eilte schnell zum Brunnen, um zu 
waschen, trotzdem es Sonntag war.— 
Am folgenden Morgen erwachte 
sie, fiebernd, nach einer Nacht, die 
sie im Halbschlaf verbracht hatte, 
unterbrochen von schrecklichen Alb 
träumen, jähem Erwachen und 
stundenweisem Stilliegen. Un 
gestüme Blutwallungen drangen ihr 
ins Gehirn und ließen ihr das Herz 
leer. Von Zeit zu Zeit durchbohrte 
ein zuckender Schmerz die Nieren, 
als ob er ihr ein Teil ihrer Ein 
geweide wegreißen wollte. Sie fühlte, 
daß in ihr der Todeskampf eines 
anderen in ihr lebenden Wesens 
vorging, und da sie es so in sich 
sterben fühlte, fing sie an, zu be 
greifen, es zu lieben und sich zu 
entsetzen über das, was sie getan 
hatte. Etwas Ungeheuerliches hatte 
ihr Wille geschehen lassen. Aus den 
Wurzeln des Leidens stieg in ihr 
ein elementarer Haß gegen den 
Mann auf, der in diesem Augenblick 
ruhig und ohne Gewissensbisse 
leben konnte. Ihm konnte niemals 
etwas zustoßen, während sie allein 
und das, was in ihr starb, die Last 
der Liebe, des Fehltritts und des 
Verbrechens trug 
Trotzdem erhob sie sich vom 
Bett, so gut wie es ging hakte sich 
die Kleider zu und stieß sich hier 
bei an den Ecken der Möbel. Der 
Spiegel zeigte ihr grünliches Ge 
sicht, tief gefurcht — ein Antlitz, 
das nicht ihr gehörte, und das aus 
einem Strudel an die Oberfläche 
tauchte. 
Sie ging wie gewöhnlich, um nach 
der Fabrik zu gehen, die tiefer unten 
im Tale lag. Freudige Begrüßung 
empfing sie schon auf der Straße. 
„Holla, die Christine vom langen 
Jakob! hast du Briefe aus Amerika 
bekommen?“ „Wie kommt es, daß 
wir dich gestern nicht auf der Kirch 
weih von Casa Pinta gesehen 
haben?“ „Guten Morgen, Kaiserin! 
gehen wir heute zusammen? — 
Martin Pero war gestern abend 
ganz außer sich, daß er dich nicht 
gesehen hat, er wollte so gern mit 
dir eine Runde tanzen“. — 
Paarweise, in Gruppen — im 
Gänsemarsch, pfeifend, scherzend 
und die neuesten Gassenhauer 
trillernd, schritten Arbeiter und 
Arbeiterinnen den Abhang hinab; 
einige die Landstraße entlang, an 
dere auf dem Fußwege. Die 
Mädchen noch schlaftrunken in 
reinen Hemden und geschnürtem 
Rock, schön aufgeputzt mit Locken 
und Bändern, gingen mit ihren Lieb
        
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