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Full text: Berliner Leben Issue 29.1926

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(IS. Fortsetzung) 
LIEBCHEN 
ROMAN VON WALTER ANGEL 
TT ber es blieb des Unbehaglichen 
und Beunruhigenden noch genug, 
/ \ solange Marianne über alles, was 
/ ""A ihre Zukunft anlangte, die Ge- 
JL- A. wißheit fehlte und sie über 
Herrn Le Bels rätselhaftes Vorgehen 
nicht im reinen war. 
Frau von Lancon ließ sich vom Gärtner 
durch den Park führen. Der dicke Chri 
stoph, der wie ein zufriedener Kloster 
bruder aussah, kahlköpfig, mit einem run 
den, rotglänzenden Gesicht und einem 
feisten Bäuchlein, hatte die Herrin gleich 
zu gewinnen gewußt, als er sich ihr am 
Morgen, einen Bund Spätrosen überrei 
chend, präsentiert und sich erboten hatte, 
ihr den Garten und die Treibhäuser zu 
zeigen. 
Gerade wollte er die Fontäne vor ihr 
springen lassen, da kam Sophie gelaufen 
und meldete, Balthasar, der frühere 
Kammerdiener, habe aus der Stadt ein 
Paket gebracht. Einige Kleidungsstücke 
seien es, die man in den Schränken ge 
funden und für vergessen gehalten hätte. 
„Aber wir haben doch nichts—“ war 
die redfertige Sophie eben im Begriff zu 
beginnen. 
Frau von Lancon jedoch gab ihr sofort 
verstohlen ein Zeichen. Denn gleich mut 
maßte sie: Da steckt Du Barry dahinter! 
Wie sollten sie im Palais Auneuil meinen 
Aufenthalt kennen? ... 
Geschwind kehrte sie ins Haus zurück. 
Im Hausflur traf sie Balthasar. Daneben 
standen argwöhnisch und wißbegierig der 
Schweizer und der Kammerdiener und 
beschnüffelten Balthasar und das ge 
heimnisvolle Paket von allen Seiten. 
Marianne hätte die beiden am liebsten 
zum Teufel gejagt. Aber sie hielt es für 
klüger, ein Alleinsein mit Balthasar zu 
vermeiden. 
,Das war brav von Euch. Mir haben 
die Sachen sehr gefehlt. Sophie hat sie in 
der Eile übersehen.“ 
Sie nahm ihm die Schachtel 
weg und reichte sie schnell 
der Zofe hin, bevor noch der 
Kammerdiener die Hand da 
nach hatte ausstrecken kön 
nen. Vielleicht war ein Brief 
verborgen .... 
(Oben in ihrem Zimmer, bei 
geschlossenen Türen, öffnete 
Marianne das Bündel. Zwei 
Fichus und ein Frisiermantel 
lagen darin, sonst nichts 
Neue Stücke, die gar nicht aus 
ihrem Besitz stammten. 
Marianne durchschaute Du 
Barrys Absicht: er hatte sie 
nur wissen lassen wollen, daß 
es ihm bekannt sei, wo sie 
sich befinde. Einen Brief mit 
zugeben, war er scheinbar zu 
vorsichtig gewesen. 
Marianne fühlte sich von 
einer ihrer drückendsten 
Sorgen befreit. Nun hatte sie 
die Sicherheit, daß sie wenig 
stens auf Du Barry rechnen 
könne, daß der Graf sozu 
sagen über sie wache. Ein 
wunderbarer Einfall, diese 
Sendung! Marianne fing an zu 
lachen. Ja, verschlagen und 
abgefeimt war er. 
Und daraufhin besserte sich Frau von 
Lancons Laune wieder um ein Erheb 
liches. 
„Christoph, Christoph“, rief sie aus 
dem Fenster, „ich komme. Spriqgt sie 
schon, die Fontäne?“ 
Die Kammerfrau und Francois, der 
Diener, schauten einander verwundert an, 
als Frau von Lancon an ihnen vorbei 
davonstürmte. Heute morgen war die 
gnädige Frau noch still und ernst ge 
wesen. 
Die Fontäne tanzte. Herrlich stieg der 
Strahl, so hoch beinahe, wie das Haus. 
Christoph hatte die Hände über dem 
Bäuchlein gefaltet und war stolz, als 
wäre er selber der Erfinder und Erbauer 
dieses Wasserkunstwerks. 
„Jetzt gehen wir in das Treibhaus“, 
sagte Marianne, nachdem sie sich hinläng- 
länglich an dem Farbenspiel der sprühen 
den Tropfen erfreut hatte. 
„Jetzt gehen wir in das Treibhaus“, 
nickte Christoph, der alles, was man ihm 
vorsprach, wiederholte. 
Dort nahm Marianne dankbar alle 
seine Erklärungen entgegen. Sie hatte 
Blumen ja so gern und sie wußte, wie 
sie nun erfahren mußte, eigentlich recht 
wenig von dem Dasein und den Lebens 
gewohnheiten ihrer Lieblinge. 
Er erklärte nur etwas zu gründlich, der 
gute Christoph, er holte zu weit aus; 
Marianne mußte ihn häufig unterbrechen, 
sonst wäre sie am Abend noch vor den 
Blumentöpfen gestanden. „Ich verstehe 
schon“, sagte sie. 
„Verstehen schon? ...“ meinte Chri 
stoph zufrieden. „Schön — nun, diese 
Tulpen sind auch der Beachtung von 
Euer Gnaden wert...“ 
Die Mittagsstunde nahte heran. Mari 
anne war der Kopf schon etwas benom 
men von der feuchtwarmen, düfte 
schwangeren Atmosphäre im Treibhaus, 
sie verspürte eine leichte Müdigkeit und 
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Hunger. „Genug für heute. Morgen 
wollen wir den Unterricht fortsetzen.“ 
Sie stieg die Stufen aus dem tiefer ge 
legenen Treibhaus in den Park hinauf. 
Der Gärtner folgte ihr. Marianne wandte 
sich nach rechts, sie wollte dieselbe 
Allee gehen, die sie auf dem Fierweg be 
nutzt hatte. Aber Christoph sagte: 
„Links, Euer Gnaden, links — kommt 
etwas Neues...“ 
Er schritt voran, zwischen Taxuswän 
den hin, durch einen vielfach gewundenen 
Laubgang. Er will mir ein Labyrinth zei 
gen, dachte Marianne. Nach der letzten 
Biegung jedoch bot sich ihr ein ganz un 
erwartetes entzückendes Bild: inmitten 
eines großen Rasenparterres, auf einem 
künstlichen Hügel, erhob sich ein kleiner 
offener Rundtempel mit einer marmor 
nen Venusstatue. 
Frau von Lancon blieb überrascht 
stehen. 
„Euer Gnaden müssen sich hinaufbe 
mühen“, sagte Christoph. 
Mit leichten Füßen sprang Marianne 
den Hügel hinan. Ein Ausblick, in der 
Tat lohnenswert. Man sah, zum Greifen 
nahe, das mächtige, prunkvolle Schloß 
des Königs, mit seinen grünen Dächern 
und goldenen Spitzen und tausend blan 
ken Fenstern, man sah den weiten, wei 
ten Park, mit seinen dunklen Gehölzen 
und weißen Pavillons und seinen Kanälen 
und spiegelnden Teichen und glitzernden 
Fontänen, sah die zwischen Gärten ge 
betteten Villen des Adels und die etwas 
tiefer liegenden, reinlichen Häuser der 
Ortschaft. Ringsum aber, von sanft ge 
schwungenen Hügelketten zum Teil um 
grenzt, durchquert von grauen Straßen 
und Wegen, die zahlreiche Fuhrwerke 
und Reiter belebten, dehnte sich die an 
mutigste Landschaft, Felder, Wiesen und 
Wälder, herbstlich kahl zwar, doch alles 
sonnenübergossen. 
Marianne drehte sich und schaute. Der 
Gärtner machte jede ihrer Be 
wegungen mit und begleitete 
ihre Ausrufe mit Wieder 
holungen und Nicken. Er 
lauerte geradezu darauf, ob 
auch ja kein bemerkenswerter 
Punkt ihr entginge, ob sie auch 
alle Schönheiten, die er mit 
kurzen Händbewegungen wies, 
zu würdigen wußte. Er be 
nahm sich wie ein erfahrener 
Führer. 
Und da fiel es Marianne 
plötzlich ein: von diesem 
Menschen, der offenbar zum 
Haus hier von alters her ge 
hörte und nicht gerade ein 
sonderlich heller Kopf zu sein 
schien, von dem waren viel 
leicht Aufschlüsse zu erhalten, 
die wichtige Rückfolgerungen 
auf ihre eigene Zukunft er 
laubten, Aufschlüsse nämlich 
über den früheren Besitzer 
und die Art, wie Le Bel die 
Villa an sich gebracht, ob er 
sie angekauft oder nur ge 
mietet hatte oder ob sie viel 
leicht seit je Eigentum des 
Königs war und zu ähnlichen 
Verwendungen gedient habe. 
Denn dieser Gedanke hatte 
sich Marianne im Lauf des
        
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