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Full text: Berliner Leben Issue 29.1926

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< 3erttner §ünf^U()r-See 
Fünf-Uhr-Tee im Garten des Esplanade 
N och vor wenigen Jahren 
sagte ein bekannter Hotel 
besitzer zu einigen Töch 
tern Dollariens: „in Berlin is tea 
dancing impossible“. Die Tanz 
lustigen arrangierten nun selbst 
ihren five o’clock tea mit Tanz. Be 
reitwilligst wurden von den ver 
schiedenen Hoteldirektoren kleine 
Säle zur Verfügung gestellt, und dort 
trafen sich die jugendlichen Mitglie 
der der Berliner Gesellschaft und 
des diplomatischen Corps zum 
Tango und den modernen Tänzen. 
Heute ist ein Fünf-Uhr-Tee im 
Hotel ohne Tanz nicht mehr denk 
bar. Ist es der Einfluß der fashion- 
ablen american girls oder der Sie* 
geszug des Tanzes überhaupt? Nie 
mand weiß es. Es wird eben getanzt. 
Vielleicht wird in Berlin auch bald 
breakfast mit Tanz serviert, wie es 
heute schon in vielen Badeorten der 
Fall ist. Angenehme Situation für 
Langschläfer, wenn morgens plötz 
lich die Jazzband ihre lieblichen 
Weisen ertönen läßt. 
Das mondäne Leben einer Me 
tropole zeigt sich beim Tanztee. Die 
gute berliner, sowie die kosmopo* 
litische Gesellschaft, treffen sich 
beim open air dancing. Trotz Jazz 
band und Gliederverrenkungen be 
deutet der Tanz eben immer eine 
grazile Kultur. Gymnastik, Sport, 
Körperpflege treibt heute jede Dame 
zwischen 16 und 60. Die immer 
kürzer werdenden Kleidchen, die 
stets sich mehr zeigenden, schlanken 
unteren Stützen verlangen eine an 
dere Lebensführung. Der Tee im 
eigenen Heim ist letzthin stark be 
einträchtigt worden durch den 
Tanztee im Hotel. Hierher ladet 
man seine Gäste, man sieht und 
wird gesehen. Die vorbildlichen 
Hotelpaläste Berlins besitzen herr 
liche Freiluft-Restaurants mit Tanz 
flächen. An schönen Sommernach 
mittagen bietet sich hier ein En 
semble von schönen Frauen, gra 
ziösen jungen Mädchen und, last 
but not least — Herren der 
Schöpfung. Der Herr darf jede 
Dame, ohne ihr weiter vorgestellt 
zu sein, zum Tanz auffordern. Das 
junge Mädchen von 1926 ist selb 
ständig genug, um es zu wissen, wen es 
anzunehmen undwen abzulehnen hat. 
Im Garten des Hotel Esplanade, 
mit seiner herrlichen Blumenanlage 
trifft sich bei den Klängen der 
Hauskapelle tout Berlin. Wie im 
Winter in der Hotelhalle, schwirren 
die verschiedenartigsten Idiome 
durcheinander. Amerikanische Ko 
lonie stark vertreten. Mancher harm 
lose Flirt, hier begonnen, endet 
beim Standesbeamten in Cityhall, 
New-York oder Boston. On dit, 
daß die junge Gladys M., deren 
„Dad“ der Besitzer der berühmten 
Baumwollplantagen am Mississippi 
ist, ihren jungen Gatten hier beim 
Charleston kennenlernte. 
Hotel Adlon bedeutet für viele 
Ausländer eine zweite Heimat. Auch 
für das gesellschaftliche Leben der 
Großstadt ist der Tanztee auf der 
Hotelterrasse ein beliebter Treff 
punkt. Eine interessante Neuerung 
sind bewegliches Dach und Vorder* 
Tanz-Tee auf der Glasveranda des Hotel Adlon
        
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