Path:

Full text: Berliner Leben Issue 29.1926

11 
zum ersten Male küßte, wem be 
gegnete ich auf deinem Munde? In 
unserer Hochzeitsnacht — was für 
Erinnerungen umstanden unser 
Bett? Welche Vergleiche zogst du! 
— Sprich! sprich! — Aber nein, du 
lügst. - Du darfst nicht mehr über 
die Schwelle dieser Zimmer. Hier 
im Vorraum höre deine Schande 
und dann geh. Soll ich dich er 
innern? — Wozu! — Alles ist 
vorbei. Einmal waren wir glücklich. 
Auch du mit mir! Oder war 
nie etwas wahr? — Die Welt 
stürzt um mich zusammen . . 
Der Wagen 
glitt, für Augen 
blicke ruhiger, 
über die Brücke 
von Halensee. 
Beide Fenster 
waren herunter 
gefallen, Luft 
voll Würze blies 
durch das Ge 
fährt, und dann 
schickte eine Lo 
komotive vom 
Bahnhof in der 
Tiefe Rauch und 
Gestank herauf. 
Aus allen Häu 
sern quollen 
Menschen, die 
hellen, glänzen» 
den Straßen füll 
ten sich, festlich 
wurde die abend 
lich leuchtende 
Stadt nach dem 
trüben Tage. Da 
dehnte sich der 
Kurfürstendamm, 
auf dem nassen 
Asphalt schleu 
derte der Wagen. Der Chauffeur 
verlangsamte das Tempo. Oswald 
Berg warf sich aus dem Fenster und 
brüllte: „»Schneller! schneller!“ 
Es gab kein Tempo, das dem 
seines Herzens gleich kam. Es jagte 
jeder Schnelligkeit voraus; darum 
litt der Mensch so Unerträgliches. 
Nur Auge in Auge mit ihr, ihr ins 
Gesicht den Fluch schleudern: das 
würde Ruhe und Gelassenheit geben. 
Nach Haus! nach Haus! Die Kinder 
einsperren, das Personal nach hinten 
schicken, selbst ihr öffnen, der Ehe 
brecherin . . . 
„Ehebrecherin! — Verworfene 
Mutter! Vatermörderin! Wird dein 
alter Vater nicht an deiner Schande 
sterben? Sterben! Was mache ich 
mit Max Bertolsen? Duell — 
Lächerlich! Er ist nur einer! Und die 
anderen? Sie leben, die ich nicht 
kenne, und lachen mich aus. Wieviel 
Hörner wachsen mir? Hat alle Welt 
sie nicht vielleicht schon gesehen? 
Nur mein eigener Spiegel belog 
mich mitleidig? . . . Ehebrecherin!“ 
Er tobte. In seinem engen, rattern 
den Kasten raste er die große Szene 
seines zerstörten Lebens. Das Bit 
terste: seine fingierte Partnerin 
blieb stumm. Er hörte kein 
Schluchzen, keine Verteidigung, 
keinen Widerspruch, kein de 
mütiges Bekenntnis. Woran also war 
er? Wenn er sich selbst belog? 
Wenn sein Verdacht, sein Argwohn, 
mehr aus Gefühl als aus Tatsachen 
entstanden, Irrtum war? War es 
nicht gemein, einen Detektiv auf 
Helene zu hetzen? Gemein, sich 
zum Spion zu erniedrigen? Wenn ihr 
Besuch in der Hubertusallee sich 
harmlos erwies? Konnte eine Ehe 
brecherin, eine Mutter zweier Kin 
der ihren Liebhaber so heiter ver 
lassen, von gutem Gewissen gewiegt 
schlendern, heimkehren und sich an 
des Gatten Tisch lächelnd nieder 
lassen? Wie, wenn diese zwei Stun 
den unsäglicher Qual in nichts zu 
sammenfielen? . . . 
Aber konnten sie das noch? War 
dieses furchtbare Leid von fünf bis 
sieben umsonst gelitten? War diese 
Tragödie nur eine Posse? Nein! 
„Ehebrecherin!“ heulte er. 
Der Wagen sauste der Wilmers- 
dorfer Straße zu, mußte halten vor 
dem erhobenen Arm eines Verkehrs 
beamten, unter der rasch gezogenen 
Bremse schleuderte er, hob sich auf 
wie ein gewürgtes Tier, stieß an 
einen Wagen der Straßenbahn, es 
klirrte, krachte. — Der Insasse flog 
hinaus, fiel nieder, ein Omnibus, 
ein ratterndes bebendes Ungetüm, 
wälzte sich mit einem Vorderrade 
über seine Brust. Qual, die nicht 
mehr ins (Bewußtsein drang, löschte 
die andere Qual aus. . . 
In einem Saal des Krankenhauses 
lag er allein. Die übrigen neun 
Betten waren leer. Er starb und 
wußte es und wartete. Er konnte 
sprechen — er fühlte es —, aber 
er sprach nicht. Alles, was noch an 
Sprache in ihm war, mußte er auf- 
heben für sie, die kam. Es war nach 
ihr geschickt worden. Bald, bald, 
bald war sie da. Vom Liebesbett 
ihres Geliebten ans Sterbebett ihres 
Gatten . . . O, Weib! genug der Sen 
sationen für einen Sommertag, nicht 
wahr? Er konnte nicht sterben, ehe 
er es ihr ins Gesicht gerufen: Ehe 
brecherin! . . . 
Sie durfte ihn nicht überleben, 
ohne zu wissen, daß er es gewußt, 
daß er sie gehaßt, daß er sie ver 
achtet. Diesen letzten, kleinen, arm 
seligen Triumph 
war ihm das 
boshafte Schick 
sal schuldig. Er 
war wunderbar 
klar. Sterben 
konnte herrlich 
sein, dachte er, 
wenn . . . wenn 
. . . Im Glück 
müßte man ster 
ben. Aber in 
Jammer sterben 
... Von hoher 
Höhe sah er hin 
ab auf die, die 
sich um ihn müh 
ten. Sauerstoff, 
Kampfer. Zwei 
Ärzte, Schwe 
stern, die lautlos 
kamen, gingen, 
engelhaft sanft 
ihn berührten. 
Er spürte, wie er 
im Innern aus 
blutete. Er ver 
rann, selig, selig, 
— wenn nicht 
dieses einzige ge 
wesen wäre: Ehebrecherin! Dieser 
Fluch, der ihn belastete und hinaus- 
geschrien werden mußte! Er ant 
wortete auf nichts, er sparte jeden 
Atemzug. Für sie! Durch jene Tür 
würde sie kommen . . . 
O, wie schwer war die Erde! Er 
ahnte Erlösung. Hinaus mit dem 
Fluch! 
Und da war sie . . . 
Bleich, rasch, er hatte sie so nie 
gesehen, stand sie in jener Tür. Sie 
kam heran. Er schob, in Gedanken, 
alle und alles fort. Er war mit ihr 
allein auf der Welt, im All; auch 
Gott nur in ihnen beiden. Sein Herz 
hob sich gewaltig, er liebte ... Er 
liebte zum ersten Mal, nicht mehr 
irdisch. Was ging die Erde, das 
Menschliche ihn noch an! Sein Gott 
sog den Fluch auf, er lächelte der 
Geliebten zu. Sie beugte sich über 
ihn, in ihren Blick hinein ent 
schwebte er. 
Welche selige Wonne: sterben! 
Er öffnete den Mund — jeder 
Schmerz wurde Glück. Er hauchte 
sein letztes Wort, das letzte irdische 
Gefühl: „Hab Dank . .. “ 
,,Schnell!*‘ schrie er. „Schneller, schneller I‘ c
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.