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Full text: Berliner Leben Issue 29.1926

Ser ©tearinflec? 
S gibt 2fugenbliße im Men, meinie 
ber berühmte Scffor JP>cinrtd^, in 
benen bie aBernunft gerabeju einge« 
fßlafen ;u fein fßeinf unb in benen 
mir ben unqlaubltdgfien J^aHujinationen unter» 
morfen ftnb. 
3ß befanb miß eine« $ageS in einem fol» 
ßen Suftanb unb munbere mtd) noß ßeute bar» 
über, benn bamals mar tß nod) feßr jung unb 
uttgcmößnliß fräffig. 
(Es mar jur Seil, ba iß EDlebijin flubierfe. 
3ß mußte in bie -fpauptftabt jurücf, nod) 
eße meine gerien abgelaufen maren. 
(Es mar (Enbe 2lugufl. Ser 3«9 ßafte miß 
auf bem 93aßnßof einer fleinen ©tabt ab» 
gefeßf, mo id) mitten in ber Sftaßt jmei ge» 
fßlagene ©funben auf ben ©ßnettjug, ber 
mid) nad) S3erlin führen follte, märten mußte. 
(Es mar ßeiß, enffeßliß ßeiß. 2(uf bem 
(bitten unb feßt ganj berlaffen baliegenben 
93«ßnfleig mar id) ber einjige Dieifettbe in bie» 
fer fpäten ©tunbe. 
3n bem SGBärferßäitSßen auf ber anberen 
©eite ber ©ßienen gäßnfe etn Beamter 
jum ©otterbarmen beim trüben ©d)ein einer 
alten Öllampe. 
üla, bie 2luSfißf auf biefeS einfame SBarfcn 
erfßrecfte mid). ÜJteßanifß jünbete id) eine 
Sigarette an unb magfe mid) in bie ißlafenbe 
©tabt. 
SOlan weiß, mie ber ©ßlaf in ben erflen 
©funben nad) SBlitternaßt feine Ütcdjfe gel» 
tenb macßt. 
3ß fonnte nod) fobiel unter bem fßönen 
©ommerßimmel einßerfpajieren, nad) ein paar 
ffflinuten gelang eS mir nur, miß babon ju 
überjeugen, baß iß bor SDlübigfeit utnfanf unb 
bor Surfl umfam. 
2ld), unb maö für ein Surfl, ber bon EDli» 
nute ju üftinufe unerträglicher mürbe. 
2tber mo fottte man in biefern berflußfen 
Sanbe, bas mit ©onnenuntergang fßlafen 
ging, etmaS JU trinfen befommen? 
3ß baßte fßon baran, mieber jutn 23aßn» 
ßof jurücfjugeßen, bon bem id) mich unbemußt 
ein ganzes ©tuet entfernt baffe, meit ich ba 
bietteidjt SBaffer finben mürbe, um meinen 
Surfl ju löfßen. 
2lber bie berbammten, ineinanber geßenben, 
bunflcn ©fraßen baffen mid), cßne baß id) 
beffen gemaßr gemorben märe, fcßon jiemlid) 
meit in bie ©tabt ßineingefüßrt. 
„Sas <Peß!" murmelte id), „jeßf ßabe id) 
eine gute 2Biertelftunbe 2BegS!" Unb im 
(bitten fanbte id) jum 2lttmüßfigen baS ßeiße 
@ebef ber in ber 5ßü|te Söerirrfen empor. 
^Plößlid) — ober mar baS nur eine £äu» 
fd)ung beS Sttonbes? — bemerfte id) ein paar 
©cßritte bor mir einen feinen Sißtftreifen, ber 
unter einem “Jürfpalt ßerborlief. 
3m feiben 2lugenblicf ftörfe id) ben bumpfen 
jvlang bon ©timmen. 
3<b näßerte mid) fd)nett. Uber meinem 
jfopf las id) auf einem jerbroßenen ©ßilb 
bie SSBorte: „Sur Äugel". 
•k 
(Einen 2lugenbli<f jögerfe icß unb ßielt bie 
Jpattb, bie fcßon im begriff jbanb, an bie $ltr 
ju flopfen, in ber Suff. Sfßar es bietteießt eine 
SOlörberfpelunfe? 2ccß mas, baS ßier mar ein 
rußiges ©fäbteßen unb SBerbreßern ftßerlid) 
nießt günfbig. 
@o flopfte icß benn an. Jpinter ber ?ür 
mürbe eS plößliß fbitt. (Einige ©efunben ber» 
fbrießen, bann mürbe ein ©fußl auf bem guß» 
hoben gerüctf, ein fßlürfenber ©cßritf näßerte 
ftß ber Sir, unb eine rauße ©fimme fragte 
ganj bißt am ©ßlüffelloß: „3BaS motten @ie 
ba braußen?" 
„3« trinfen!" flüfberten meine Sippen fa(b 
gegen meinen SBitten. 
Sas ©eräufß eines fteß umbreßenben 
©cßlüffels anfmorfete mir unb ein mißfraui» 
fd)es ©efteßf erfd)ien in ber Jürfpalfe. 
SEftan ßafte mid) moßl in bem 2(ugenblicf 
fcßon beurteilt, benn bie Öffnung ermeiferte 
fteß, um mieß burcßsulaffen. 
hinter mir ßörte icß eine borfteßfige ^anb 
ben £Kiegel mieber borfd;ieben. 
©ott id) eS 3ßnen gefbeßen? Äaum mar icß. 
eingefrefen, als mein ®ur(b aueß auf ber 
©fette bergangen mar. 
SÖbein erfber ©ebanfe mar fteßerlid) ber 
richtige gemefen, mas id) gefüreßtet ßatte, 
paffterte mir. 
3<ß mar in eine bon ben fleinen ©eßenfen 
geraten, beren eS in ber Umgebung bon SSaßn» 
ßöfen biele gibt, unb mo man an roßen, ge» 
jimmerfen "Jifcßen nießt biel @ufeS auSßcdf. 
3ln einem 5ifcß in ber Uläße ber 3:ür faßen 
brei SObänner. ®aS einjige über bem. ©cßanf» 
fifd) brennenbe Sid)f beleuchtete fte jeitmeife 
mit feinem jitfernben ©eßein. 
Unb mie faßen bie Äerle aus! Ubamentlid) 
ber eine, eine ßerfulifd;e ©efbalt, madjte mir 
mit feinen mirren Jpaarett unb feinem mäcßti» 
gen Äinn ben unangeneßmfien (Eittbtucf. 
3<ß füßlte bie neugierigen 93licfe ber bret 
SDbänner auf mir unb fagte 3ßuen fd)on, baß 
mein Surfl bergangen mar. 
22ie ©timme beS SBirfS jog mid) aus 
meiner Unentfcßloffenßeit. 3 n feiner blauen 
©cßürje, an ber ißn nur bie Präger ju ßalten 
feßienen, faß er unglaublich mager aus, mie 
er feßt ßinter ben ©cßanftifd; getreten mar 
unb mit farbtofer ©fimme fragte: „2BaS 
motten ©ie ßaben?" 
3« bem Sufbanb, in bem icß mieß befanb, 
märe es mir feßr feßmer gefallen, mid) mürbig 
aus ber 2lffäre ju jießen. 3^ß 9*ug mie naeß» 
läfftg an ben 3luSfcßanf ßeran unb feßte mieß 
aueß nießt, mie ©ie fteß moßl benfen fönnen, 
an einen ber maefligen ^tfeße, benn id) mottfe 
mieß fo mejf mie möglich bon bem menig ein» 
labenben Örf entfernen. 
@o ftanb t<ß benn bor ben glafüten unb 
fcßlucfte müßfelig tropfen auf tropfen bon 
einer ßeißen glüfftgfeif herunter, bie mein ju» 
fammengefeßnürfer Saunten überhaupt ttid)f 
meßr als S25ier erfannte. 
Unb id) mar nießf fäßig, feßnetter ju frin» 
fen. 21 us 8urcßt? SSBaßrftßeinlid) aus (Efel! 
3Bas mid) am meifiett genierte unb mir 
geratest! jur Qual mürbe, mar bie im ßalb» 
laufen 3ön geflüfterfe Unterhaltung, bie bas 
5;rio mieber begonnen ßafte. 
®er 3Btrf mar für einen 2lugenblicf im 
fiinfersimm.er berfeßmunben. 
Öb ©ie mir glauben ober nießt, id) fonnte 
überhaupt feine 3?emegung meßr maeßen. 3<ß 
ßäfte mieß an ben ©cßanftifcß anleßnen, mieß 
für irgenbefmas intereffteren, bor allen (Singen 
mieß umbreßen fotten, um ju feßen, maS ßin» 
fer meinem Olücfen paffterte, unb mas bie 
brei ©efetten gegen mieß im ©cßilbe füßrfen. 
Söieber legte fteß ein brücfenbeS ©eßmeigen 
über ben Sttaum, unb plößlicß feßrie eine 
ßerrifeße ©fimme: „Stüßren ©ie fteß nießt 
bom gletf!" 
(Ein ©tußl, ber mit bem gufj geflohen 
mürbe, fiel um. (Einer bon ben brei SOlännern 
ßatte fteß erhoben, gaff erftieffe icß an bem 
©eßluef Ö5ier, ber gerabe burd) meine Äeßle 
rann. 
2Bie mit (Slißesflarßeit faß icß mid) jtt 33o» 
ben ge(frecff, ein Ettleffer jmifdten ben @d)til» 
fern unb ben fdtmußigen gufjboben mit mei» 
nem 93lute rötenb. 
2Bar es bie SBirfung ber SDlübigfeif ober 
beS f ür eßt er ließ en föierS, baS meine ©ebanfen 
fo bermirrfe? 3ä) meif eS nießt meßr, aber 
icß geßoreßte meinem 3 m P«If e - 
☆ 
Oßne mid) ju rüßren, martefe iß, mit bem 
fttücfen gegen meinen Angreifer, auf ben 
Sobesftofj. ®aS 3nbibibuum näßerte fteß mir, 
unb ein, jmei ©efunben berfirießen. 
(Enbliß meefte miß bie (Serüßrung ber 
DJlörberßanb, bie meinen SKocf faßte, aus mei» 
ner ©tarrßeif. 
3u mir felber fommenb, fprang iß mit 
einem mäßtigen ©aß jur ©eite unb fßlug 
mit bem . 2lrm in ßeftigfler SöerfeibigungS» 
fleUung burß bie Suff. 
(Es mar auß Seif! 2ßor mir grinfte miß 
bas miberliße ©eftßf beS |)erfules mit fßcufj» 
lißent Säßeln an. 3 n ber reßten ^)attb ßielt 
ber Sftann ein fttleffer. 
2ltemloS, aber ju allem bereif, fßrie id): 
„2öaS motten ©ie bon mir?" 
SBorattf ber SOlann nur rußig feine beßarrfe 
Oleßte borflrecfte. 
SBorftßfig faßte er ben ©aum meines 
Stteiferocfs, unb mäßrenb er mir einen großen 
meißen ©tearinflecf jeigte, ber bon ber an 
ber “Seife angebraßfen ^erje flammte, 
maßte er ftß baratt, ißn mit bem Sttleffer abju» 
fraßen, inbem er mit feiner raußen ©fimme, 
bie mir feßt aber engelsgleiß erfßien, fagte: 
„Dtüßren ©ie ftß nißt bon ber ©fette! 
©fearin gibt böfe gieße!" r; rS ula
        
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