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Full text: Berliner Leben Issue 29.1926

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anne spürte, wie sich ihr die 
Haut auf der Stirn zusammen 
zog. Das dort, was war das? 
—• Sie sperrte die Augen auf. 
Es wuchs und hatte einen rie 
sigen, aufgedunsenen Leib und 
geknickte Beine und einen 
großen nickenden Kopf — und 
jetzt, jetzt bewegte es sich . . 
tastete grinsend und zähne 
fletschend vorwärts, zu ihr 
hin — — — 
Sie überwand die Lähmung 
ihrer Glieder, und mit einem 
letzten Mutaufgebot riß sie den 
Vorhang weg. Ihr Morgenkleid, 
ihr schönes duftiges Morgen 
kleid aus weißem Musselin 
war’s, was ihr solchen Schreck 
eingejagt hatte, und die 
Schatten des Lichts im roten 
Glas hatten ihm die greulichen, 
ungeheuerlichen Formen ge 
geben. 
Erschöpft und schweißge 
badet fiel Marianne in die 
Polster zurück, durch ' diesen 
lächerlichen Irrtum immerhin 
etwas von ihrer Furchtsamkeit 
geheilt. Umsonst aber sehnte 
sie den Schlummer herbei. Ein 
wildes Jagen von Bildern und 
Gedanken setzte ein. 
Ganz anders hatte ihr die Phantasie 
das neue Quartier ausgemalt, wesentlich 
anders auch das Leben, das ihrer nun 
wartete. Sie war ja gleichsam eine Ge 
fangene in diesem Haus! Wie würden ihr 
denn die Tage vergehen, so ganz allein, 
ohne jeglichen Verkehr, zumal in der 
schlechten Jahreszeit jetzt, da ihr auch 
der Garten wenig nützte und Spazier 
fahrten durch Regen und Wind, auf einer 
öden, kotigen Landstraße ein trübseliges 
Vergnügen boten? ... Welchen Zweck 
verfolgte man damit, daß man sie von der 
Welt absperrte? War ihre Einsamkeit 
hier als dauernder Zustand geplant oder 
nur vorübergehend — als eine Art Prü 
fung, eine Vergewisserung ihres Charak 
ters, am Ende ein Erproben ihrer Fähig 
keiten? ... 
Nicht sehr schmeichelhaft, aber wenig 
stens ein verständlicher Grund. Bemer 
kungen des Herrn Kammerdieners ließen 
sich in diesem Sinn deuten. — Warum 
sollte sie sich für verwitwet ausgeben? 
Es war doch unmöglich, im Lauf länger 
währender Beziehungen ihre wirkliche 
Abkunft und ihr bisheriges Leben dem 
König verborgen zu halten. Welche Ver 
messenheit forderte man von ihr: sie 
sollte sich dazu hergeben, den König an 
zulügen! ... Oder — oder dachte man gar 
von Anfang an nur an eine flüchtige Ver 
bindung, die im Dunkeln bleiben sollte? 
... Gewiß, einiges sprach wieder für diese 
Möglichkeit; zum Beispiel, die bei ge 
nauer Überlegung vorbereitet und plan 
voll inszeniert wirkende Überstürzung, 
mit der Herr Le Bel die Abreise be 
trieben hatte, so daß sie nie 
manden hatte verständigen 
können, nicht einmal von Du 
Barry sich verabschieden. ,Der 
Graf wird von mir benach 
richtigt“, hatte Le Bel gesagt; 
das war alles. Wie entschie 
den, keine Entgegnung, keinen 
Einwand anhörend, heute Le 
Bel überhaupt gesprochen 
hatte! Selbstverständlich stets, 
ohne zu verletzen, immer 
Achtung wahrend. Aber ob 
dem Kammerdiener ganz zu 
trauen wäre? Trotz seines würdigen Ge 
habens war er zweifellos unaufrichtig und 
gerissen. Vielleicht hatte er gar keine 
andere Absicht gehabt, als sie dem 
König nur zur Belustigung einiger Nächte 
zuzuführen. Nicht einmal den Vorwurf 
der Täuschung durfte sie ihm in einem 
solchen Fall machen, weil er sich nie zu 
einer bestimmten Erklärung betreffs 
ihrer künftigen Stellung hatte verleiten 
lassen. Und auf welche Weise er sich zu 
Du Barry geäußert hatte, wußte sie’s? ... 
Wäre es nicht möglich, daß er auch den 
schlauen Du Barry hinters Licht führte? 
Denn dieser konnte, wenn sie wirklich 
nur für eine kurze Gunst ausersehen 
war, kaum damit einverstanden sein, 
weil das gegen seinen eigenen Vorteil 
verstieß. Es war nicht anzunehmen, daß 
eine königliche Herablassung von weni 
gen Tagen sie schon in den Stand setzte, 
Du Barrys Schulden zu bezahlen. Es sei 
denn, daß ohne den Umweg über ihre 
Hände das Geld sofort in Du Barrys 
Taschen flösse. Dann wäre sie am Ende 
nichts anderes als ein leicht verwend 
bares, willenloses Werkzeug der beiden? 
Wen um Rat fragen, wem sich offen 
baren? Niemanden, keine Menschenseele 
hatte sie hier im verzauberten Schloß. 
Einen Brief in die Stadt senden? An 
wen? An Du Barry, dessen sie sich doch 
auch nicht mehr sicher wähnte? ... An 
die Mutter? — Man mußte mit den höfi 
schen Verhältnissen vertraut sein und die 
in Betracht kommenden Persönlichkeiten 
genau kennen, um hier Rat zu wissen? 
Naturverstand allein tat’s nicht. — An 
Humieres schreiben? Aber be 
stand denn überhaupt die Mög 
lichkeit, eine Botschaft unbe 
merkt nach Paris gelangen zu 
lassen? Sie wurde sicherlich be 
obachtet, die Dienerschaft war 
gewiß dazu beauftragt, und 
man würde Sophie nachgehen. 
Nur auf sich, auf ihr eigenes 
Urteil war sie angewiesen. 
Ach, so verlassen, so einsam 
zu sein in solch schwieriger 
Lage! Kein teilnahmsvolles, 
hilfsbereites Herz in der Nähe 
zu haben! . . . Und Marianne 
begann zu weinen. Ganz still 
rannen ihre Tränen, ohne 
Schluchzen, ohne Klagen. Jenes 
innige, lautlose Weinen, in dem 
sich einsamer Schmerz, dem 
kein Tröster gegönnt ist, löst. 
Eine augenblickliche Erleichte 
rung, aber keine Befreiung. 
Die Tränen versiegten, doch 
Friede war nicht über sie ge 
kommen. Weiter jagten Hoff 
nungen und Befürchtungen ein 
ander, Vermutungen verdich 
teten sich zu Gewißheiten, die 
auch nur so lange Geltung 
hatten, bis sie der nächsten 
neuen, richtiger scheinenden 
Erkenntnis weichen mußten, 
denn was eben noch sonnenklare Wahr 
heit, ward gleich darauf zum vermeintlich 
törichten Irrtum: Gedankenflucht und 
Gedankenwirbel eines in den Schreck 
nissen nächtlicher Stunden erregt und 
verwirrt arbeitenden Gehirns. 
Der bleiche Tag fiel bereits durch die 
Lädenritzen, die Gegenstände des Zim 
mers nahmen Umriß und Farbe an, das 
Nachtlicht verglomm, und noch immer 
hatte Marianne kein Auge geschlossen. 
Gebrochen und zerschlagen schlummerte 
sie endlich eine Zeitlang in einem leich 
ten Dämmerschlaf der Abspannung, dann 
hörte sie die Geräusche des erwachenden 
Hauses, und sie schellte, glücklich, die 
furchtbarste Nacht ihres Lebens hinter 
sich zu haben, der Zofe. 
Ein Bad, mit starken, belebenden 
Essenzen versetzt, sollte ihr die dringend 
nötige Erfrischung bringen. 
Die Sonne schien. Schien in frohem, 
warmem Glanz. Wie an einem Vorfrüh 
lingstag war’s. Kein Windhauch rührte 
sich. Der Sturm hatte die regenschweren 
Wolken verjagt, und über das Land 
wölbte sich ein tiefblauer leuchtender 
Himmel. 
Im goldenen Licht nahm sich alles viel 
freundlicher aus. Die Villa aus roten Zie 
geln mit ihren luftigen Türmchen und 
Loggien, und der gepflegte Garten, in 
dem sich hübsche Muschelgrotten und 
Nischen und Lauben verbargen, durften 
den Ansprüchen, die man an einen ein 
fachen Landsitz stellen konnte, eigentlich 
vollauf genügen. Auch die Dienerschaft 
machte einen bei weitem 
besseren Eindruck; die 
düstere Verschlossenheit des 
gestrigen Abends schien aus 
ihren Zügen gewichen. Und 
vor der Helle des Tages zer 
stob sogar manche trübe, 
bange Sorge der Nacht. 
(Fortsetzung folgt.) 
/ * 
Die Buchausgabe dieses Romans 
erscheint bei der Deutschen Ver 
lagsanstalt, Stuttgart - Berlin. 
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Trude John und Kurt Labisch, Berlin. / Für die Inserate: Fritz Krüger, Berlin. / Auslieferung: Die Deutsche Illustrierte Verlagsgesellschaft m. b.H., Berlin W 35 Potsdamer 
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