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Full text: Berliner Leben Issue 29.1926

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(14. Fort.set7.ungy 
LIEBCHEN 
ROMAN VON WALTER ANGEL 
S ie hatte sich erhoben, und sie stan 
den sich nun Brust an Brust hart 
gegenüber. „Sonst würde ich den 
Verkehr mit Ihnen auf das Not 
wendigste, auf das rein Geschäft 
liche einschränken.“ — Sie schritt hin 
aus und schlug dröhnend die Tür 
hinter sich zu. 
„Alle Achtung, die hat sich gemacht“, 
brummte Du Barry vor sich hin. „Die 
hat was gelernt...“ Er wußte nicht, 
sollte er lachen oder toben und noch ein 
paar der tönernen Dinger da zerschmet 
tern ... 
Aber er kam zur Besinnung, und mit 
seinem klaren Bliok fürs Nützliche und 
Gebotene war’s das Lachen, wofür er 
sich entschloß. Der gründlich verschobe 
nen Stellung zwischen ihnen beiden 
mußte eben Rechnung getragen werden. 
Er stieß mit einem Fuß die Scherben 
zusammen. Scherben bedeuten Glück... 
Dann .ging er hinauf zu Frau von Lan- 
con. ,Er klopfte an die Tür, steckte den 
Kopf hinein und rief lächelnd und 
freundlich: „Güte Nacht und angenehme 
Ruhe, Mariannchen.“ Und verschwand. 
Neuntes Kapitel: 
Es war nicht allein die aufs äußerste 
gespannte Erwartung des kommenden 
Abends, der die erste persönliche Be 
gegnung mit dem König bringen sollte, 
was Marianne in dieser Nacht keinen 
Schlaf finden ließ. Vielerlei beunruhi 
gende Umstände trugen noch dazu bei: 
die nachzitternde Hast und Aufregung 
der Übersiedlung, die Eindrücke des 
neuen Heims, und in der Stille der Nacht 
auftauchende und sich festklammernde 
Bedenken und Ängste. 
Am späten Nachmittag war Frau von 
Lancon, etwas Hals über Kopf, von 
Herrn Le Bel in ein Landhaus nach 
Versailles hinaus gebracht worden, das 
auf einer sanften Anhöhe, achthundert 
Schritte etwa vom Schloß entfernt, lag, 
ganz versteckt in einem tiefen Park. Eine 
mannshohe Mauer, mit stacheligem 
Gezweige oben bewehrt, lief rings um 
den Garten, und ein großer schwarzer 
Wachhund, der sich Liebkosungen gar 
nicht zugänglich zeigte, umkreiste lautlos 
die Villa und durchschlich die Alleen. 
Frau von Lancon, die nur von ihrer 
Zofe begleitet werden durfte, und auch 
das erst, nachdem sie sich für deren 
Verläßlichkeit verbürgt hatte, fand alles 
wohl eingerichtet und zu ihrer Aufnahme 
vorbereitet. Die Wohnung, Küche, 
Keller und Vorratskammer waren aufs 
beste instandgesetzt. Blumen prangten 
in den Vasen, die Räume waren hell er 
leuchtet, in den Kaminen knisterten die 
Scheite. Auch eine neue Livree hatte 
man schon beigestellt; lauter ergraute, 
schweigsame Gestalten mit regungs 
losen, ergebenen Domestikenphysiogno 
mien. 
Man hatte sich’s offensichtlich keine 
Mühe verdrießen lassen, Frau von Lan 
con die neue Unterkunft so wohnlich 
und angenehm als möglich zu gestalten. 
Trotzdem wirkte das Domizil hier wenig 
einladend auf sie. Niedrige und unge 
räumige Gemächer, von jener dumpfen, 
modrigen Luft erfüllt, wie man sie in 
lange unbewohnten Stuben antrifft, enge 
Fenster, gewölbte winkelige, überlaut 
hallende Gänge, unmäßig dicke Mauern. 
Marianne mußte an das Kloster der 
Ursulinerinnen zu St. Dizier denken; das 
war ihr keine freundliche Erinnerung. 
Und draußen der dunkle Park, dessen 
Ulmen ihre Äste bis vor 'die Fenster 
streckten, mit seinem schaurigen Brau 
sen und Rauschen ... 
Frau von Lancon ließ indes von ihrer 
Enttäuschung nichts merken. Sie suchte 
anzuerkennen, was sie billigerweise er 
freulich berühren mußte, die Fürsorge 
nämlich, mit der auf alle Bedürfnisse 
einer verwöhnten Frau Rücksicht ge 
nommen war und auf jede Bequemlich 
keit. 
Sie fragte: „Wie haben Sie das Haus 
mit allem Nötigen so rasch beschaffen 
können?“ 
„Eine günstige Gelegenheit, die sich 
gerade bot“, erklärte Herr Le Bel, der 
es für überflüssig hielt, (Frau von Lancon 
davon zu berichten, daß diese Villa, 
einem einzigen Zweck bestimmt, schon 
seit hundert Jahren zum Kronbesitz ge 
höre und ihre verblaßten Tapeten von 
lustigen und auch todtraurigen aller 
höchsten Amouren genug erzählen könn 
ten. 
Herr Le Bel machte Frau von Lancon 
darauf aufmerksam, daß sie, vorerst 
wenigstens, keine Besuche bei sich sehen 
dürfe, daß ihr jedoch zu Spazierfahrten, 
die sich allerdings besser nicht in die 
Richtung nach Paris bewegten, jederzeit 
ein Wagen des königlichen Marstalles zur 
Verfügung stünde. Dann folgten einige 
Anweisungen und Belehrungen für den 
Empfang des Königs und über den Um 
gang mit ihm. 
Die Majestät gelte auf diesem Boden 
für einen Grafen v. Marly. So habe er vor 
der Dienerschaft genannt zu werden, so 
habe ihn die Livree, die aber nach Mög 
lichkeit unsichtbar bleiben müsse, anzu 
sprechen. Die Besuche würden jeweilig 
vorher angesagt; die Ansage sei aber nur 
für sie bindend, da der König natürlich 
nicht Herr seiner Zeit. Er erscheine 
allein, zwischen 9 und 10 Uhr, und be 
nütze die kleine eiserne Gartenpforte 
gegenüber dem Schloß. 
„Der Hund?“ fragte Frau von Lancon, 
erschreckt von dem Gedanken, die 
Majestät könnte angefallen werden. 
„Kennt den Herrn Grafen!“ 
Marianne schien verwundert. Aber 
Herr Le Bel gab keine weitere Aufklä 
rung. 
In dunklen Nächten habe der Lakai 
mit einer Laterne den Herrn Grafen •— 
Le Bel bediente sich fortan nur mehr 
dieses Titels — an der Pforte zu erwar 
ten und durch den Garten zu geleiten. 
Bei kühlem Wetter die Fenster gut ge 
schlossen, alle Räume geheizt. Auch der 
Fußsack dort müsse gewärmt sein. 
Räucherkerzen in einigen Zimmern. Dem 
Herrn Grafen werde eine Tasse Oran 
genblütentee serviert und dazu Biskuit. 
Die Küche sei mit beidem versehen. Der 
Diener reiche die Tablette herein, sie 
selbst möge einschenken. Keine Ge 
spräche über Staatsgeschäfte, um Gottes 
willen! Überhaupt: nicht zu viel fragen! 
Aber auch andererseits nicht jedes Wort 
sich herausziehen lassen; der Graf soll 
zwanglos unterhalten und zerstreut wer 
den. Nun, das verstehe ja Frau von Lan 
con ohne Zweifel. Und zum Schluß 
noch eines: Herr von Lancon — 
„Wer?“ 
Wenn nach ihrem Gatten gefragt 
würde: er sei vor etlichen Jahren, in 
Vaucouleurs — da stamme sie ja her? — 
als Zolleinnehmer gestorben, ziemlich 
hochbetagt. 
Auch über diesen gewiß seltsamen 
Punkt seiner Instruktion ließ sich der 
Herr Kammerdiener nicht näher aus. 
Im übrigen habe er, um sie der Mühe 
zu überheben, die Dienerschaft abzurich 
ten, das bereits selbst besorgt. Ihr obliege 
nur die Überwachung, damit alles richtig 
befolgt werde. — 
Frau von Lancon leitete das Auspacken 
und Einräumen der Kleider und der 
Wäsche, denn sie war nett und häuslich 
und stets auf peinliche Ordnung in ihrer 
Garderobe bedacht. Manches Stück 
wurde bei dieser Gelegenheit ausge 
mustert, ging in den Besitz der über 
schwenglich glücklichen Sophie über oder 
der geziemend, aber ruhiger dankenden 
Kammerfrau. Den Toilettetisch, das 
Allerheiligste, behielt sich Marianne sel 
ber vor, da jeder Kamm, jedes Fläsch 
chen, jeder Tiegel seinen bestimmten 
Platz verlangte. 
Mit solchen Beschäftigungen verging 
die Zeit bis zum Abendessen. Das Mahl, 
obgleich seine ganz erlesene Güte den 
Koch als einen Meister seines Fachs ver 
riet, kam jedoch fast unberührt wieder 
hinaus. Wenn sie allein aß, mundete es 
ihr fast nie. 
Ermüdet legte sich Marianne frühzei 
tig zu Bett und hoffte, in einem festen 
Schlummer Erfrischung für den nächsten 
bedeutungsvollen Tag zu finden. Sophie 
entkleidete sie und machte ihr die Nacht 
frisur, sie hüllte sie ein wie ein Kind — 
Marianne ließ sich gern verwöhnen —, 
zog die Bettgardinen vor, stellte das 
Nachtlicht auf den Tisch und trug die 
Kerzen hinaus. 
Aber kaum allein gelassen, begann es 
Marianne zu grauen. 
An die Läden schlugen die Zweige, und 
jeder Schlag machte sie »mit stockendem 
Herzen auffahren. Ein heftiger Sturm 
hatte sich erhoben: er rüttelte an den 
Türen und Fenstern, klapperte in den 
Dachluken, schnob durch den Kamin. 
Und neben all diesen Geräuschen, als 
dumpfe Begleitung, im Garten ein an 
schwellendes und abklingendes Rauschen 
und Raunen und Wogen.., Bald 
kreischte der Wetterhahn oben auf einem 
der Ecktürme — bald krachte irgendwo 
dröhnend eine Tür zu — es knisterte in 
den Möbeln, es raschelte in den Tape 
ten ... 
Dann einen Augenblick lang Stille, 
Totenstille. Bis ein neues Lärmen mit 
verdoppelter Kraft einfiel. 
Zeitweilig verlor die Geängstigte, die 
sich unter der hochgezogenen Decke 
kaum zu rühren wagte, die Orientierung 
über die Lage ihres Zimmer; sie wußte 
für Momente nicht, wie sie eigentlich ge 
bettet war, in was für einem Raum und 
nach welcher Richtung ihr Lager stand. 
Sie fuhr beklommen in die Höhe und 
suchte sich zurechtzufinden. Im roten 
zitternden Licht der Nachtlampe sah sie 
etwas Großes, Flatterndes drüben an der 
Wand lehnen, neben der Tür... Mari-
	        
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