Path:

Full text: Berliner Leben Issue 29.1926

Verlassen . . . Verlassen . . . ver . „ . la . . a . , a . . ssen bin 
i! . . . singen die, die zurückgeblieben sind und sich genötigt 
sehen, den ganzen Sommer hindurch mit Reisemantel und 
Handkoffer durch die Straßen zu spazieren, damit es den 
Anschein habe, als durchquerten sie nur zwischen zwei Zügen 
Berlin! 
Aber dieser Trick ist schon sehr alt, denn er wird von zu 
vielen Leuten angewandt und deshalb ist man schnell dahinter 
gekommen, daß es wirklich nicht die Gewohnheit von Reisen 
den ist mit ihrem Koffer durch die Straßen zu rennen! 
„Was, um diese Zeit in Berlin?“ 
„Ach, keine Spur, ich komme eben aus der Schweiz und 
fahre nach Swinemünde,“ 
„Drum ... ich sagte mir auch . . .“ 
„Was denken Sie! Berlin ist im Sommer doch unerträglich!“ 
Ein solcher Satz muß von den Zurückgebliebenen mit großer 
Überzeugungskraft ausgesprochen werden, selbst wenn an dem 
Tage gerade ein Hundewetter ist und man eine große Ge 
nugtuung darüber empfindet, sich lieber in seinem gemüt 
lichen Zuhause zu befinden, als in den kalten Hotels am 
Meer und im Gebirge. 
Nun sind aber nicht alle Zurückgebliebenen auch geistig so 
zurückgeblieben, daß sie sich, in einer falschen Scham, ver 
pflichtet glauben, ihren Aufents 
halt in Berlin verheimlichen zu 
müssen und auf die Einladun 
gen nach außerhalb warten, die 
nicht kommen. Infolgedessen 
richten sie sich ihre Existenz so 
ein, als seien sie verreist. 
Des Morgens gibt man sich 
Rendezvous in irgend einem 
Freibad. Genau wie am Meer, 
baden die, die gern ins kalte 
Wasser gehen, während die 
anderen, die lieber Konversa 
tion machen, dies, in schöne 
Bademäntel gehüllt, tun. Bei 
der Gelegenheit wird dann der 
Klatsch aus dem Stadtviertel, 
anstatt der vom Strande über 
bracht, worauf man in außer 
ordentlich sommerlicher Auf 
machung — leuchtende Jumper, 
weiße Beinkleider, Mousseline, 
Tülls, Organdis — an einer Bude ein Glas Zitronenlimo 
nade trinkt, nachdem man zweimal durch irgendwelche von 
den vielen hübschen städtischen Anlagen und Parks gegangen 
ist, wie das auch im Badeort so üblich ist. 
An einer Straßenkreuzung wird dann so herzlicher Ab 
schied genommen, als sollte man einander so bald nicht Wieder 
sehen. Aber um drei Uhr nachmittags sind alle mit ihren 
Klappstühlchen an den Ufern der Spree, wo der fürsorgliche 
Magistrat an vielen Stellen Sandberge hat errichten lassen! 
Und während die Mütter schwatzen, schaufeln die Kinder 
und backen schöne Kuchen . . . 
Wovon gesprochen wird? Genau wie auf der Reise vom 
Regen und schönen Wetter. 
„Was sagen Sie nur zu dieser wechselnden Temperatur? 
Das ist doch wirklich ein ganz verdrehter Sommer!“ 
Oder wenn die Sonne mal zufällig scheint, freut man sich: 
„Was für schönes Wetter und was für eine schöne Stadt!“ 
Des Abends geht man zu den eleganten Restaurants und 
profitiert, genau so wie es die geldlosen Badegäste vor den 
Kasinos tun, von der Musik, die durch die geöffneten Bogen 
fenster und Türen dringt. 
Von Zeit zu Zeit wird natürlich auch ein kleiner Ausflug 
unternommen. Man fährt nach Wannsee oder Potsdam oder 
Nedlitz und kehrt durchnäßt 
heim, was die Illusion verlängert. 
Da fast alle Straßen aufgerissen 
sind, können die riesenhaften 
Kanalisationsröhren von den 
Kindern wie Grotten besichtigt 
werden. Die Eltern stiegen 
schon zu ganz früher Stunde 
auf den Kreuzberg, um—genau 
wie auf dem Rigi! — dem 
Sonnenaufgang beizuwohnen 
und haben — ebenfalls genau 
wie auf dem Rigi! — nichts ge 
sehen, weil die Sonne an jenem 
Tage überhaupt nicht aufzu 
gehen geruhte! . . . Und das 
Ganze nennt sich, wie unsere 
Zeitschrift, die aber, Gott sei 
es gelobt, nicht nur von den 
„Zurückgebliebenen“ gelesen 
wird: 
„Berliner Leben!“
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.