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Full text: Berliner Leben Issue 29.1926

3un$\weibersommer 
Vor kurzem wurde in England 
ein nach einem amerikanischen 
Roman bearbeiteter Film gezeigt, 
der das sonderbare Problem be 
handelt, wie eine Frau nach 
glücklich verlaufener Operation 
ihre verloren gegangene Jugend 
wiedererlangt! 
Seine Jugend wiedererlangen! 
Weil die Züge wieder rein und 
charmant werden, weil die Um 
risse des Gesichts ihre vollen 
Linien wiederfinden, weil in den 
Augen wieder Leben blitzt, weil 
eine vergessene Fröhlichkeit wie 
der den Körper belebt . . . heißt 
das wieder jung werden? 
Und wozu soll das alles dienen, 
da noch kein Messer und keine 
Zange je einem menschlichen Ge 
schöpf das Feuer der Jugend, ihr 
leidenschaftliches Vertrauen und 
ihre . . . Illusionen haben wieder 
geben können?! . . . 
Trotzdem will heute keine Frau 
mehr etwas vom Altwerden wissen. 
Es gibt für die Damen alle 
höchstens einen Spät- aber niemals 
mehr einen Altweibersommer! Aller 
Sommerschmäle 
Augen rufen nach Leben, nach Liebe 
und alle Gestalten lassen — von 
hinten gesehen —, die vollkom 
menste Täuschung zu, die den 
Launen einer auf „Jung“gestellten 
Mode gelungen ist. Der Sommer ist 
die schönste Jahreszeit für die Natur 
und . . . die Frau. Es ist daher nur 
selbstverständlich, daß 
diese jener . . . nachhilft! 
Kann man denn über 
haupt sagen, daß Schön 
heit bleibt oder entflieht? 
Jeder hat doch seine 
eigenen Begriffe darüber 
und urteilt nach seinem 
Gesehmack und seiner 
Art zu sehen. Sucht 
man in der Ernte des 
modernen Jungweiber 
sommers nach Rubens- 
schen Frauentypen mit 
der vollen Entfaltung 
rosiger Fleischformen 
und mächtigen Körper 
baues, so wird man 
dieser Schönheit nicht 
mehr häufig begegnen. 
Und auch das Ideal des 
bleichen Gesichts mit den 
schmachtenden Augen 
aus der romantischen 
Epoche ist dahin. — Das will aber 
nicht so viel heißen, als daß auch 
die Schönheit schwindet. Sie ver 
ändert sich nur und ist das, was 
wir aus ihr machen. Warum 
sollen wir nicht den früheren 
Formen die schlanken, biegsamen 
Körper der jetzigen Frauen vor 
ziehen, die bestimmt keine Ge 
fahr laufen, weniger zu gefallen, 
weil sie schlanker und feiner als 
die Venus von Milo sind! 
Gefallen ist ja alles. . 
Die Schönheit bleibt, sie wird 
nur, den verschiedenen Epochen 
gemäß, auch verschieden ver 
standen. Die Vertreterinnen des 
1926er Jungweibersommers weisen 
bestimmt ebensoviele ausge 
zeichnete Familienmütter und 
Hausfrauen auf, wie die von vor 
hundert Jahren, ganz gleich, ob die 
Beine gar nicht bedeckt sind oder 
unter derKrinoline versteckt wurden. 
Jede Zeit hat ihre Sitten, Ge 
bräuche, hat ihre Art zu sprechen, 
zu denken und zu handeln, jedes 
Jahrhundert hat seine schönen 
Frauen. Wenn das ästhetische Ideal
        
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