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Full text: Berliner Leben Issue 29.1926

fürs Theater, und besonders Welt 
damen seien meine Stärke.“ 
Um sechs Uhr trat der Herzog 
von Livonien ein. Es war ein 
älterer, vertrockneter Mann mit 
einer Adlernase, dessen Erscheinung 
jedoch originell war. 
Herr Sigismund ging ihm ent 
gegen und begrüßte ihn devot. 
„Wünschen Seine Durchlaucht 
die Salons bei Abendlicht zu sehen? 
Wir haben elektrisch beleuchtete 
Rampen und Armleuchter für 
Theater- und Hoftoiletten vorge 
sehen. Unter hellem Lichterglanz, 
während der Rest der Säle in 
Dunkelheit getaucht ist, schreiten 
die Gold- und Silberroben wie 
feurige Schiffe auf einem dunklen 
Meer an uns vorüber. 
„Sie sind wohl Dichter, Herr 
Herfoire?“ 
„Nein, Durchlaucht, das nicht, ich 
bin Künstler.“ 
„Nun aber zur Sache. Alle 
Schneider von Paris haben die Her 
zogin nicht zu kleiden verstanden. 
Sie war dick, und ihre Kleider saßen 
zu prall an, sie magerte ab, und sie 
hingen an ihr herum. Ich habe ihr 
eine Balltoilette für 4000 Francs ge 
schickt und die Kaiserin, Gott segne 
sie, sagte zu der Herzogin: ,Ich 
sehe, daß Sie immer noch Ihre kleine 
luxemburgische Schneiderin haben. 
Ganz verzweifelt 
haben wir da an 
Ihr Haus gedacht, 
um das Unmög 
liche zu versuchen. 
Man sagt mir, daß 
Sie Modelle erfun 
den haben, vor 
denen ein Neger 
bataillon zurück 
weichen würde. 
Das habe ich gern, 
ich habe einen 
phantastischen 
Geschmack. Viel 
leicht lassen Sie 
mir einmal etwas 
zeigen.“ 
In dem Salon 
saß Susanne steif 
auf einem Fau 
teuil, mit all der Vornehmheit, deren 
sie fähig war. Mit einem Sonnen 
schirm dirigierte sie ihre Kolle 
ginnen. „Gehen Sie etwas nach vorn 
. . . drehen Sie sich um . . . nicht so 
schnell . . . schneller . . .“ Und der 
Herzog von Livonien belorgnettierte 
sie. —■ 
„Eine wunderbar vornehme Toi 
lette“, sagte er, zu Susanne herüber 
blinzelnd. Susanne lächelte vornehm 
in ihr Taschentuch. 
Der Herzog bestellte Champagner 
und Kaviar für alle und lud Susanne 
ein, an dem improvisierten Früh 
stück teilzunehmen. Sie aß mit den 
Fingerspitzen und nippte nur an dem 
Glas, sie spielte ihre Rolle vor 
züglich und versagte nur ein ein 
ziges Mal, als der Kellner die Un 
geschicklichkeit beging, ihr Wein 
auf die Schleppe zu gießen, worüber 
sie eine kurze, nicht mißzuver- 
stehende Bemerkung machte, die sie 
jedoch gleich wieder gutzumachen 
suchte: „Wie gut, daß mein Mann 
nicht hier ist. Er sagt immer zu 
mir: ,Wenn du das Fluchen nicht 
läßt, werfe ich dich hinaus“.“ 
Von da ab war der Herzog von 
Livonien gefangen und seine Ga 
lanterie verlor jede diplomatische 
Würde. 
Er sang ein slavisches Liedchen 
und trank dabei nach jedem Vers 
einen Schluck, er wollte sogar ein 
kleines Tänzchen entrieren. Susanne 
hatte Eindruck auf ihn gemacht. 
„Trotzdem Sie erst so gar keine 
Lust zum Trinken verspürten, haben 
Sie fast eine ganze Flasche Cham 
pagner allein ausgetrunken“, rief er 
begeistert aus. Es ist das erste Mal, 
seit der Ausstellung 1900, daß ich 
eine Pariserin so gut trinken sehe. 
Wirklich, ich bewundere Sie!“ 
„Und mir wird auch gar nicht 
schlecht davon“, rühmte sich Su 
sanne. „Ich war erst ein einziges 
Mal betrunken und zwar in der 
Moulin de la Calette, weil mir so, 
dämliche Kerls Absinth in mein 
Glas geschüttet hatten.“ 
„Wenn Sie nicht augenblicklich 
aufhören“, zischte ihr Herr Herfoire 
ins Ohr, werfe ich Sie hinaus.“ 
„Herzog“, befahl Susanne, „Ihren 
Arm . . .“ 
„Ich werde Sie zu Ihrem Wagen 
führen, meine Liebe . . Und Sie, 
Herr Herfoire, setzen Sie mir alles 
auf Rechnung, was Madame heute 
bei Ihnen gekauft hat.“ 
„Zu Befehl, Durchlaucht.“ 
Aber Susanne wehrte ab. 
„Nicht so voreilig, Durchlaucht, 
erstens habe ich noch nichts fest 
bestellt. Mein bisheriger Schneider 
hat stets vorzüglich für mich ge 
arbeitet, und ich muß sagen, hier 
herrscht ein etwas exzentrischer 
Geschmack, fin 
den Sie nicht auch, 
Durchlaucht?“ 
„Was erlauben 
Sie sich?“ brüllte 
Herr Sigismund. 
„Ich brauche 
etwas Schickes, 
und keine Lappen 
aus dem vorigen 
Jahrhundert, daß 
einem die Leute 
auf der Straße 
nachlaufen. Ich 
liebe nur gute Toi 
letten von wahr 
haft vornehmem 
Geschmack. Kom 
men Sie, Durch 
laucht!“ 
(Autorisierte Übersetzung 
von Alice Neumann.)
        
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