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Full text: Berliner Leben Issue 29.1926

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S eit zwei Tagen war das 
Costumes- und Mäntelhaus 
Herfoire, Klupkaurn & Cie. 
eröffnet. Es war mit allem Luxus 
eines modernen Konfektionshauses 
ausgestattet. Die Fenster waren mit 
Blumenkörben und Arrangements, 
die zu der Geschäftsein 
weihung gesandt worden 
waren, dekoriert. Herr 
Klupkaurn hatte die Buch 
führung unter sich, Herr 
Herfoire den Verkauf. 
„Wir müssen sehr rührig 
sein“, meinte Herr Sigis 
mund Herfoire, „viel von 
uns reden machen, damit 
das Geschäft recht flott 
geht. Verstanden?“ 
Klein, pomadisiert, ge 
putzt, im strammsitzenden 
Gehrock, machte sich Herr 
Sigismund in den Louis 
XV. Salons breit, die ver 
zweifelt leer gewesen 
wären, wenn nicht ein 
halbes Dutzend Probier 
mamsells ihre Langeweile 
dort spazieren geführt 
hätten. 
Der Prinzipal war auf 
den Gedanken gekommen, 
fünf Autos und drei Ein 
spänner zu mieten, die vor 
der Tür hielten und an die 
Anwesenheit einer zahl 
reichen, eleganten Kundschaft bei 
Herfoire, Klupkaurn und Cie. 
glauben machen sollten. 
Wenn man die Autos noch dazu 
benutzen könnte, um in das Bois zu 
fahren, seufzte Fräulein Susanne, die 
ihre blonde Schönheit und die har 
monische Fülle ihres Körpers zu ex 
travaganten, von Herrn Sigismund 
erdachten Toiletten hergeben mußte. 
Nun war das Haus schon seit zwei 
Tagen eröffnet und immer noch war 
keine Kundin erschienen. 
Der Prinzipal, eingeschnürt wie 
eine Wespe, ging mit brummigem 
Gesicht herum, er versammelte sein 
Personal um sich und hielt ihnen 
folgende Ansprache: 
„Meine Damen, ich wollte Ihnen 
noch eine Anweisung geben. Der 
Herzog von Livonien hat sich an 
gesagt, er will für seine Frau, die im 
Süden ist, Kleider aussuchen. Ich 
weiß nicht, wie man ihn anreden 
muß, auf jeden Fall nennen wir ihn 
Durchlaucht. Aber soviel ist ge 
wiß, daß in seiner Gegenwart Sie 
ihr Benehmen ändern müssen, das 
skandalös ist. Ich weiß selbst nicht, 
warum ich Sie nicht schon alle längst 
herausgeworfen habe. Seit zwei 
Tagen beobachte ich Sie. Unter dem 
Vorwände, daß keine Kundschaft 
hier war, legt sich Fräulein Julie die 
Karten, Fräulein Margarete liest un 
anständige Romane und Fräulein 
Fernande ist von morgens bis abends 
mit Nagelpolieren und Schminken 
beschäftigt, von Fräulein Susanne 
ganz zu schweigen, die mich mit 
ihrem Aus-dem-Fenstersehen trotz 
meines Verbotes ständig ärgert. Da 
zu trommelt sie Schlacht 
lieder auf die Fenster 
scheiben wie eine Anar 
chistin. Übrigens haben Sie 
dafür 5 Francs Strafe zu 
zahlen, Fräulein Susanne!“ 
„Ihre 5 Francs Strafe“, 
antwortete sie, können Sie 
sich wo anders geben 
lassen! Ich lasse nicht so 
mit mir reden. Wenn ich 
meinem Freunde von 
Ihrem Benehmen erzähle, 
wird er mich veranlassen, 
Ihnen zu kündigen.“ 
„Halten Sie Ihren 
Mund“, kreischte Herr 
Herfoire. Dann fuhr er, 
sich zusammennehmend, 
fort: „Noch kann alles gut 
werden. Der Herzog von 
Livonien kommt um sechs 
Uhr hierher, ich hätte 
gern, daß er hier etwas 
Leben sieht! Fräulein Su 
sanne, Sie ziehen sich die 
Recamierrobe an, Sie 
wissen, die, in der man so 
schlecht gehen kann und 
wählen einen recht eleganten Hut 
dazu. Wenn Durchlaucht hier ist, 
spielen Sie eine Kundin, verstanden? 
Eine recht schwierige, recht vor 
nehme Kundin. — Sie bestellen 
Kleider, etwa ein Dutzend, und 
wenn Sie Ihre Sache gut machen, 
dürfen Sie den Hut drei Tage lang 
tragen.“ 
„Sie können ganz unbesorgt sein“, 
versicherte Susanne, „ich werde 
meine Rolle vollendet spielen. 
Übrigens sagt mein Freund immer 
zu mir, ich wäre wie geschaffen
        
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