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Full text: Berliner Leben Issue 29.1926

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ob“, fragte Brigitte, 
„was ist eine Arau- 
caria?“ 
„Eine Araucaria“, 
erwiderte Bob ernst 
haft, „wird mit 
Dornen in der 
Nase geboren und trägt ein rotes 
Band in den Haaren.“ 
Und bei sich dachte er: 
„Wie dumm sie ist, die Kleine, un 
wahrscheinlich dumm! Wie habe ich 
mich nur in dieses Phänomen von 
Dummheit und Unwissenheit ver 
lieben können.“ 
Jawohl, aber das Phänomen an 
Unwissenheit hatte die schönsten 
Augen von der Welt und öffnete sie 
mit solcher Anbetung für Bobs 
Klugheit . . . 
„Bob, du machst dich wohl über 
mich lustig?“ 
„Jawohl, mein Schatz, aber weine 
nicht. Du willst eine Araucaria? 
Du sollst eine haben.“ 
,Was frißt sie denn, Bob? Und 
der Wirt will doch keine Tiere in 
seinem Hause haben, Bob.“ 
„Kleiner Dummkopf!“ lachte nun 
Bob los, „die Araucaria ist eine 
Pflanze, eine schreckliche, grüne 
Pflanze. Sie ißt nichts, aber es hin 
dert dich auch nichts daran, s i e 
aufzuessen, wenn dir das gefällt...“ 
Aus den Augen, den schönen 
großen Augen der kleinen Brigitte 
floß ein Strom von Tränen. 
„Bob, wenn ich auch dumm bin, 
so hindert mich das nicht daran, 
dich lieb zu haben.“ 
Er zuckte die Achseln. Wirklich, 
er war dieser Kleinen und ihrer zur 
Verzweiflung bringenden Naivität 
überdrüssig. 
„Sie soll ihre Araucaria haben 
und noch einen hübschen Ab 
schiedsbrief dazu!“ dachte er. 
Und tat, wie er gedacht hatte. Er 
gab einen Besuch bei seinen in der 
Provinz lebenden Eltern vor, und 
am nächsten Tag erhielt die kleine 
Brigitte durch einen Blumenhändler 
ein kleines dornengespicktes Bäum 
chen zugesandt, während ihr der 
Briefträger einen eingeschriebenen 
Brief mit einem Scheck brachte. 
Der Scheck gestattete Brigitte, ein 
paar Monate sorglos zu leben, der 
Brief brach ihr das Herz. In dem 
Brief stand nämlich, daß ein kluger 
Mann (wie Bob) sich nicht für 
immer an eine solche Gans (wie 
Brigitte) binden könnte, daß die 
Zukunft den klugen Männern (wie 
Bob) gehöre, während das Zusam 
menleben mit einer Ignorantin (wie 
Brigitte) einem moralischen Selbst 
mord gleichkäme. 
„All das ist deine Schuld!“ 
schluchzte Brigitte, indem sie die 
Araucaria ansah. . . . 
Aber trotz der Dornen preßte sie 
sie an ihr Herz. . . . Kam sie nicht 
von Bob? ... von ihrem Bob? — 
* 
Was konnte Bob nach dieser Tat 
anderes tun, als seine Gunst einer 
klugen Frau zuwenden? Er fand 
eine, die zwischen Einsteins Büste 
und der Logarithmentafel lebte. Es 
genügte, wenn Bob ihr irgendein 
Wort im zufälligen Gespräch hin 
warf, damit sie die Horazschen 
Oden auswendig deklamierte. Ihr 
Wissen hätte eine Enzyklopädie an 
gefüllt, und es gab kein mathemati 
sches Problem, daß sie nicht im 
stande gewesen wäre, zu lösen. Sie 
selber war übrigens so gelb und 
eckig, daß sie an ein Rechenexempel 
denken ließ. 
„Wir leben auf einem höheren 
Niveau, kündigte sie dem etwas un 
ruhigen Bob an. Unter Spinozas 
Augen werden wir nur noch ein Ge 
danke sein.“ 
Und sie erzählte ihm soviel vor, 
daß er sie, taumelnd vor Bewunde 
rung, die allerdings etwas der Furcht 
glich, heiratete. 
Ihren Honigmond verbrachten sie 
in Salz- und Petroleumminen, deren 
Mechanismus die kluge Gattin 
gründlich studieren wollte. 
Aber der Mann ist wirklich ein 
sonderbares Geschöpf. Neben sei 
ner wunderbaren Cäcilie begann 
Bob sich nach der kleinen dummen 
Brigitte zu sehnen. 
Wenn Cäcilie sagte: „Sprich in 
diesem Augenblick nicht mit mir, 
Robert, ich beschäftige mich gerade 
mit der Quadratur des Kreises“, so 
stellte sich Bob die großen zärt 
lichen Augen Brigittes vor und 
hörte ihre liebe, warme Stimme sa 
gen: „Wenn ich auch dumm bin, so 
hindert mich das nicht daran, dich 
lieb zu haben!“ 
Und er wußte, daß er dann Bri 
gitte an sein Herz drückte, während 
er keinerlei Lust verspürte, die Uni- 
versal-Wissenschaft zu umarmen. 
Er begriff das sogar noch viel 
deutlicher an dem Tage, da Cäcilie, 
die versucht hatte, in neue, übrigens 
an Wahnsinn grenzende philosophi 
sche Theorien einzudringen, auf 
ihren Ehemann für immer verzich 
tete. Sie hinterließ ihm einen Brief, 
in dem sie erklärte, daß eine kluge 
Frau (wie Cäcilie) sich nicht für 
immer an einen dummen Mann (wie 
Bob) binden könne, daß die Zu 
kunft den Aushahmegeschöpfen 
(wie Cäcilie) gehöre und das Leben 
mit einem Idioten (wie Bob) einem 
moralischen Selbstmord gleich 
käme. 
Sie hinterließ den Brief, nahm das 
Scheckbuch aber mit sich. 
Inzwischen siechte die arme, 
kleine Brigitte vor Kummer dahin, 
aber Glück, ja Glück vollbringt 
Wunder. Denn von dem Tage ab, 
da Brigitte wieder auf Bobs Knien 
saß, machte ihre Heilung erstaun 
liche Fortschritte. 
Und doch hatte sie noch etwas 
auf dem Herzen und brachte es 
eines Tages sehr schüchtern und 
kleinlaut hervor: 
„Bob, du wirst wieder sagen, daß 
ich dumm bin, aber ich habe mich 
niemals mehr an den Namen der 
Pflanze erinnern können; die du mir 
damals schicktest. Wie hieß sie 
doch noch, Bob?“ 
„Cäcilie“, erwiderte Bob ruhig.
        
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