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Full text: Berliner Leben Issue 29.1926

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©te cfyauffterenfce ‘Berlinerin 
S ie chauffiert selber und echauf 
fiert das männliche Geschlecht, 
die Berlinerin, die heute lieber 
lenkt, als daß sie sich lenken 
läßt und sich immer mehr und 
mehr dem Großstadtbilde einverleibt. 
Denn nach den Aussagen der Prü 
fungsingenieure schlagen die Ber 
liner Damen — nach oben oder nach 
unten — alle Rekorde. 70 Prozent 
von ihnen schneiden glänzend ab, 
die anderen dreißig sind hoffnungs 
los unbegabt. Jene blicken unent 
wegt nach vorn, sind ganz bei der 
Sache, fahren vorsichtig und geben 
die besten Führer ab, diese hand 
haben das Steuer ungefähr wie den 
Griff an einem Kinderwagen, lassen 
es einfach los, wenn sie auf dem 
Kopfe einer Rivalin einen neuen, 
kubistisch angehauchten Grosgrain- 
Hut erblicken und übersehen völlig, 
daß von links ein Autobus kommt, 
weil sie das von rechts auftauchende 
Jumperkleid mit Cape einfach nicht 
übersehen können! 
Wohlbeleibt und stoisch, men- 
sendieckt der Sipomann: Arme seit 
wärts . . . aufwärts . . . hebt . . . 
senkt . . . hebt , . . senkt . . . Und 
bei den obligatorischen Halts auf 
Plätzen und an Straßenkreuzungen 
entwickelt sich zwischen den am 
Steuer sitzenden Lenkerinnen und 
Lenkern hinüber und herüber eine 
ganz neue Art von . . . Stadtge 
spräch! Man taucht gegenseitig seine 
Eindrücke über die verschiedenen 
Autotypen, über Politik und Wetter 
aus, um — gerade wurde die Unter 
haltung etwas persönlicher! — auf 
das gegebene Signal hin loszufahren! 
„Wo hast du denn die junge 
Dame, die du heiraten willst, 
kennen gelernt, mein Sohn?“ 
„Beim Oberkieker, lieber Vater, 
wo unsere Wagen halten mußten! 
Sie fuhr in die Berlitz School und 
ich zur Bank!“ 
„Keß“ sieht sie aus, unsere Ber 
liner Chauffeuse, die Wert darauf 
legt, daß ihre Silhouette mit der des 
Kraftwagens, den sie steuert, über 
einstimmt! Das sportliche, etwas 
männliche Genre, das die ganze 
Frauenmode kennzeichnet, kommt 
beim Autosport natürlich zu be 
sonderer Geltung. Die Tugend einer 
Frau hing noch niemals von der 
Länge ihrer Haare ab, sagte neulich 
mal irgend ein Erzbischof zur Ver 
teidigung des viel geschmähten Bubi 
kopfes, welchem Ausspruch man 
hinzufügen möchte, daß auch das 
sportliche Beinkleid, das im über 
tragenen Sinne schon so viel Staub 
aufgewirbelt hat (im wirklichen ist 
es natürlich für jeden Sport prakti 
scher!) nichts, aber auch gar nichts 
mit Tugenden oder Untugenden 
seiner Trägerin zu tun hat. Eine 
sehr tugendhafte Frau kann eine 
Autohose anhaben, und eine sehr 
lasterhafte einen . . . Plisseerock! 
„Sie, gnädiges Fräulein? ... Im 
eigenen Auto . . . und selbst chauf 
fierend?! . .
        
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