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Full text: Berliner Leben Issue 29.1926

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(12. Fortsetzung) 
LIEBCHEN 
ROMAN VON WALTER AN G..E L 
E ine Dame fragt 
nach dem gnädigen 
Herrn.“ 
„Eine Dame — 
nach dem gnädigen 
Herrn? . . Prospere kam, 
über solchen Besuch nicht 
weniger befremdet als der 
Schweizer, herunter. 
„Wirst du dich gleich 
tummeln, Prospere, und mich 
hier nicht erst lange warten 
lassen!“ rief ihm Frau von 
Lancon zu. 
Prospere, auf einer der 
untersten Stufen, blieb beim 
Klang der bekannten Stimme 
wie festgewurzelt stehen. Man 
sah es seinen biederen Zügen 
an, wie er seine Erinnerungen 
absuchte. 
„Na, plag dich nicht, mein 
Junge, ich bin’s“, meinte Frau 
von Lancon unter Lachen und 
nahm den Schleier vom Ge 
sicht. 
„Euer Gnaden!“ Prospere 
stürzte herbei, faßte in seiner 
ersten Freude den Saum 
ihres Mantels und küßte ihn. 
Für die liebe schöne Freundin 
seines gnädigen Herrn hatte 
er allzeit eine treuergebene 
Zuneigung gehegt. 
Der Schweizer schien be 
ruhigt. 
„Jetzt bestell hübsch Herrn 
von Humieres, eine Dame — 
verstehst du: eine Dame, du 
sagst nicht, wer! — wünsche 
ihn zu sprechen.“ 
Prospere wandte sich zum 
Gehen. Aber den einen Fuß schon auf 
der Stiege, zögerte sein Schritt, und er 
meinte, sich im Haar krauend: „Ich soll 
nicht sagen, wer?“ Er schüttelte, die 
Stirn in Falten, den Kopf. „Da 
wird der gnädige Herr Baron 
nicht . . .“ 
gar nicht 
in Gottes 
schaftlichen Häusern den Staatsgemä 
chern entlanglaufen zum bequemeren 
Verkehr des Gesindes. Aus der nur an 
gelehnten Tür am andern Ende des 
„Nur wenn es 
anders geht, dann, 
Namen, magst du’s sagen. 
Aber versuch’s, Prospere, ver 
sucht zuerst!“ 
Frau von Lancon hatte sich 
nicht sobald in der Diele um 
gesehen, die Waffen flüchtig 
betrachtet, zwei Worte mit 
dem Türhüter gesprochen, der 
ihr denn doch vorsichtshalber 
nicht von der Seite wich, als 
Prospere wieder oben sichtbar 
ward und sie heraufwinkte. 
Verschmitzt grinsend raunte 
er ihr auf dem Treppenabsatz, 
bis wohin er ihr entgegen 
kam, zu: „Er weiß es nicht, 
er weiß es nicht! Doch ich 
werde Schelte nachher be 
kommen, weil ich gelogen ...“ 
fügte er betrübter Miene 
hinzu. 
„Wirst du nicht, ich ver 
spreche es dir.“ 
Prospere stieß eine kleine 
Tapetentür auf, die den Ein 
gang bildete zu einem jener 
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Korridors fiel ein schmaler 
Lichtstreif. 
„Die Dame“, meldete 
Prospere und zog sich darauf 
schleunigst zurück. 
Herr von Humieres saß, tief 
über Folianten und Schriften 
gebeugt, an seinem Schreib 
tisch. Er hatte rechts und 
links zwei mehrarmige Leuch 
ter vor sich stehen, der übrige 
Teil des Zimmers lag im 
Halbdunkel. Er erhob sich 
und lud die wiederum ver 
schleierte Marianne, die noch 
immer an der Tür stand, mit 
einer höflichen Geste ein, 
näher zu treten. 
„Darf ich fragen, wer mir 
die Ehre schenkt?“ Im näch 
sten Augenblick aber hatte er 
sie schon erkannt. „Mari 
anne!“ 
„Ah . . , die man also doch 
noch nicht ganz vergessen zu 
haben scheint? — Ja, ich bin 
es, ich habe mir die unerhörte 
Freiheit genommen —“ 
„Unsinn!“ lachte Humieres 
und schüttelte-ihr herzlich die 
Hände. Er freute sich wirk 
lich. Jedenfalls viel mehr — 
er zeigte es auch auf seine 
ehrliche Art ganz unver- 
holen —, als Frau von Lancon 
zu hoffen gewagt hatte. Sehr 
zuversichtlich hatte sie näm 
lich die Schwelle nicht über 
treten. 
„Möchten Sie sich nicht 
setzen?“ Herr von Humieres 
brachte den Armstuhl aus der 
Ecke herbei, legte fürsorglich ein Kissen 
darauf und schob ihr einen Schemel unter 
die Füße. Sie ließ ihn lächelnd gewähren. 
Allein, kaum saß sie so recht behaglich 
vor Athanasius von Humieres,' 
der nun abwartend sich still 
verhielt, sprang sie voll Un 
rast wieder auf. „Ich muß 
mich doch bei ihnen Um 
sehen ...“ sagte sie. Vor allem 
wollte sie Zeit gewinnen, 
sie wußte noch nicht recht, 
wie beginnen. 
Von Humieres gefolgt, ging 
sie in die Bibliothek hinüber, 
wo ein Lüster, der fünf Öl 
lampen an seinem Ring trug, 
bis in die letzten Winkel sein 
Licht verbreitete. 
„Die vielen Bücher, du lie 
ber Himmel!“ rief sie aus, 
sich rund umdrehend, und 
schlug die Hände zusammen. 
„Schwarze, gelbe, braune . , . 
hübsch sieht das aus. Wieviel 
mögen es sein?“ 
„An die zweitausend.“ 
„Zweitausend! Das alles 
haben Sie gelesen, haben Sie 
in Ihrem Kopf drin? Da muß 
unsereins freilich zu dumm 
sein . . . Und solche dicke 
Bücher schreiben Sie wohl 
selbst auch? . . .“ fragte sie, 
während sie ins vordere Zim 
mer zurückkehrten, und deu-
        
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