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Full text: Berliner Leben Issue 29.1926

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Guten Appetit! 
Kellner, wo bloß Knochen und 
Pelle dran is!..Oder Mutter 
läßt frische Wu r s c h t vom 
Schlächter holen, der seit Olims 
Zeiten den Stuhl mit der weißen 
Schürze vor die Ladentür stellt, 
zum Zeichen, daß er frisch ge 
schlachtet hat. Da muß man 
denn nachher natürlich ’n 
Kümmel druffsetzen, 
sonst rutschen die Erbsen un der 
Sauerkohl nich. Selbstverständ* 
lieh gibt’s bei Lehmann an 
de Ecke ooch noch andern 
P r ä p e 1, zum Beispiel J a u er 
sehen oder Knack- 
würschte un heiße Wie 
ner, alles gehörig mit Kartoffel 
salat garniert. Wenn aber Vater 
bei dieser oder sonst einer Ge 
legenheit ordentlich einen a b - 
j e b i s s e n hat und m i t ’n ö 1 * 
kopp uffwacht, denn hat 
Mutter für ’n säuern He 
ring zu sorgen, auch Schneider 
karpfen genannt, der seinerseits 
wieder schwimmen lernen 
muß, was eine erneute Zufuhr von 
Getränk notwendig erscheinen läßt. 
Den besten Dienst soll da ’n e 
J r ä t z e r leisten, die besonders in 
den Lokalen verschänkt wird (mit 
’n „ä“), wo hinter diskreten Gar 
dinen, in lauschiger Nische, bei 
mattrotem Ampelschein eine mehr 
oder minder holdselige Weiblichkeit 
den Gast beglückt. Manchmal 
kommt es da zu nicht eben lustigen 
Pointen, wenn die Hebe nämlich die 
Zeche einkassieren will, und es sich 
herausstellt, daß die P e n u n s e 
nich aushaut, oder daß der 
leichtlebige Zecher seine 
Minzensammlung 
zu Hause gelassen hat. 
Denn, was keiner ein 
büßen will, was jeder 
mehr als alles andere 
schätzt, das ist Kies, 
Draht, Zaster, 
Platten, mit einem 
Wort, der Mammon, 
ohne den der 
Mensch ’n Affe is 
u n b 1 e i b 11 
Mach doch mal einer 
’ne Landpartie, wenn 
er ausjemistet is 
bis auf de Fuß 
lappen! Ob man nu 
mit de E 1 e k t r ische 
oder mit ’n rasen 
denRoland (Autoomnibus), m i t 
’n Stadtring oder mit’s Brauto- 
mobil (sie uff ’n Sozius!) raus- 
jondelt ins Jrüne, wat in- 
jesteckt muß man sich haben! 
Man will doch draußen auch d e 
Kochstraße pflastern, zum 
Beispiel mit Aal un Jurken- 
s a 1 a t. Oder aber man packt ’n 
Bulettenkoffer un macht ’n 
Picknick, woran sich denn jleich die 
Siesta ins Waldesdunkel 
anschließt, die manche, besonders 
die jüngeren Großstädter leiden 
schaftlich lieben. Ja, um nu nochmal 
auf die Bouletten zu kommen, sie 
dürfen keine zu nahe Verwandt 
schaft mit der Schrippe haben, sonst 
kann man reinmischen, was man 
will, vom Kaninchen bis zum 
Elefanten — wenn er gerade zu 
haben ist—über Ziege, Schwein, 
Kalb, Kuh, Pferd oder Renntier 
— die Boulette umschließt alles! 
Sie hält sich, sie schmeckt 
immer, warm oder kalt, und sie 
kann, wenn Not am Mann ist, 
sogar als Wurfgeschoß ver 
wendet werden! Vor allem ist 
sie billig, das macht sie ebenso 
beliebt, wie den Flammerie, der 
auch als F a m i 1 i e n k 1 e i s t e r 
angesprochen wird und immer 
einen würdigen Menuabschluß 
bildet. Kommt aber im Dasein 
des Berliners der j r o ß e Mo 
rn a n g , wo der katzejori- 
sche Imfinitiv erschallt: 
„Mensch, heirate, du lachst dir 
dod!“ — dann will er seinen 
Braten haben. Es gibt Kalbs 
braten, Schweinebraten und 
Jans. Das ist eine unter Umstän 
den recht fette Vogelart, die in 
Keule, Brust, Jänseklein 
und J e r i p p e zerfällt. Das meiste 
aber ist die Füllung und der Rot 
kohl nebst den dampfenden Erd 
früchten. Die Jans selbst ist ge 
wöhnlich schon am ersten Tage alle. 
Der Rotkohl, in reicher Fülle ge 
kocht, schmeckt auf jewärmt 
am besten. Am nächsten Tage wird 
dann J e r i p p e abjeknabbert, wozu 
Quetschkartoffeln und die unendlich 
verlängerte Sohse munden. Un hat’s 
mal nicht so ganz gereicht, denn 
freut sich jeder schon wieder auf 
den Kaffee. Dazu holt Lischen 
Pfannkuchen. Vor Zeiten be 
kam ein Schusterjunge 
auf seine Frage: „Wat 
kost die Schmalz 
lerche?“ zur Ant 
wort: „Een Jroschen!“ 
Darauf strich er den 
schon auf seine schwar 
zen Finger gepiekten 
Pfannkuchen wieder ab 
mit der Bemerkung: 
„Det is mich zu deier!“ 
Heute würde man gern 
zehn Pfennig für solche 
richtige, musgefüllte 
Lerche ausgeben! 
„Aber da kannste druff 
lauern, bis de schief 
wirst!“, was ich dem ge 
neigten Leser doch 
nicht wünschen möchte. 
Kennt ihr da* Land, wo * Eisbein dampft?
        
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