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Full text: Berliner Leben Issue 29.1926

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stritten, ihre pflaumenfarbene Woll- 
pelerine mit gelber Spachtelspitze 
und sonderbare Filzschuhe mit noch 
sonderbareren Hacken. Ein Riesen- 
schirm und eine Handtasche, auf der 
in Tapisseriearbeit ein Blumenstrauß 
gestickt war, vervollständigten das 
malerische, aber immerhin entwaff 
nende Ensemble. 
„Dein Mann ist sehr nett, meinte 
Laura zu Brigitte, aber 
ich glaube, ich schüch 
tere ihn ein. Immerhin 
ist Schüchternheit ein 
gutes Zeichen bei einem 
Mann. Du hast es gut 
getroffen, liebes Kind.“ 
„Im großen ganzen 
scheint es dieser Vogel 
scheuche nicht an In 
telligenz zu gebrechen“, 
dachte Dieter. Und 
warf sich dabei in die 
Brust. Was ihn jedoch 
nicht verhinderte, das 
einmal vorgenommene 
Programm zur Ausfüh 
rung zu bringen. 
Nachdem sie der 
Tante gerade soviel Zeit 
gelassen hatten, sich an 
die moderne Einrich 
tung der Wohnung zu 
gewöhnen, schlug er ihr 
hinterlistig vor, etwas 
frische Luft zu schöp 
fen. 
„Wir haben einen 
kleinen Rennwagen“, 
erklärte er. „Wollen 
wir ein bißchen rausfah 
ren, liebe Tante?“ 
„Ob ihr mir glaubt 
oder nicht“, erwiderte 
die Tante Laura, „ich bin noch nie 
in meinem Leben in ein Auto ge 
stiegen. Bei mir zu Hause habe ich 
nur mein altes Pferd Lotte zu den 
Spazierfahrten, aber die ist schon 
sehr betagt.“ 
„Unser Auto heißt Mercedes und 
ist einen Monat alt. Aber das ist für 
ein Auto auch nicht mehr jung!“ 
„Also los!“ sagte die Tante, indem 
sie über ihren Kolibri einen knall 
roten Schal band. 
Einmal aus dem Weichibilde der 
wachen. Ein helles Licht leuchtete 
aus ihren schönen, feinen, reinen 
Augen, während sie sagte: 
„Wie herrlich ist es, so dahinzu 
sausen. Ist so ein Auto eigentlich 
teuer? Ich möchte mir nämlich zu 
gern eins kaufen und chauffieren 
lernen.“ 
Und dabei blieb es nicht etwa. 
Nach einer Woche mensendieckte 
sie und machte zusam 
men mit Brigitte, die 
dem Verein „Wege zur 
Kraft und Schönheit“ 
angehörte, „Aufzug“ 
und „Welle“. Auf dem 
Kostümball erhielt sie, 
da sie ihr Sträßenkleid 
trug, den ersten Preis, 
ganz zu schweigen von 
dem Ruhm, den sie mit 
einer Mazurka davon 
trug, die man für 
eine besonders schwere 
Tour des Oharlestone 
hielt. Beim Picknick 
sang sie eine Romanze, 
die, bei den Klängen 
eines Saxophons, einen 
exotisch-modernen 
Charakter bekam. 
Man glaubte, Tante 
Laura würde beim An 
blick der Revue vor 
Entsetzen erbleichen 
und das Theater ver 
lassen, irrte sich aber 
wieder. Denn sie blickte 
wohlwollenden Auges 
auf den Star, und in 
dem Augenblick, da die 
schöne Person in dem 
denkbar primitivsten 
Kostüm, das ihre Rolle 
verlangte, flüsterte: „Jawohl, ich 
bin die Wahrheit!“ lächelte die 
Tante Laura nur und sagte einfach: 
„Hübsche Figur. Genau so sah ich 
aus, als ich 16 Jahre alt war.“ 
Sie möchten gern das Ende der 
Geschichte wissen? 
Tante Laura kehrte nicht mehr 
aufs Land zurück, sondern blieb in 
Berlin. 
So sehr war sie auf den Ge 
schmack gekommen . . . 
Stadt Berlin wurde das Auto zum 
Pfeil, zum Meteor, zum Geschoß. Es 
schoß durch Wannsee, raste durch 
Potsdam, flog durch Werder und 
verlor sich wie ein Blitz auf offenem 
Lande. 
„Was macht die Tante?“ fragte 
Dieter von Zeit zu Zeit. 
„Nichts“, erwiderte Brigitte. Sie 
rührt sich nicht. In Wannsee hat sie 
,,Hübsche Figur. Genau so sah ich aus, als ich 16 Jahre alt 
ihren roten Schal, in Potsdam ihren 
Kolibri und in Werder ihre Hor 
tensie verloren.“ 
In Trebbin machten sie halt und 
Brigitte und Dieter dachten etwas 
beschämt: „Die Tante Laura muß 
ohnmächtig oder verrückt geworden 
sein. Wahrscheinlich wird sie hier 
übernachten oder gleich den näch 
sten Zug nehmen wollen . . 
Dem war aber keineswegs so, 
Tante Laura schien ganz einfach aus 
einem wunderbaren Traum zu er
        
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