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Full text: Berliner Leben Issue 29.1926

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BERLINER WEEKENDS 
E POTSDAM 
D ie erste Eisenbahnlinie 
in Preußen wurde 1838 
eröffnet, Berlin—Pots 
dam. Der Zug bestand aus 
einer Dampflokomotive und 
mehreren „offenen“ Wagen 
für die Passagiere. Der An 
blick der Fahrgäste bei der 
Ankunft erregte oft die 
größte Heiterkeit, denn der 
Ruß und der Dampf sowie 
Sonne oder Regen, waren zu 
weilen rücksichtslos gegen 
ihre „teure“ Ladung. Trotz 
der vielen Unbequemlichkei 
ten, die eine derartige Reise 
ergab, war es das Bestreben 
eines jeden, diese neue Ver 
bindung zu benutzen. Die Eisen 
bahnstation war ein Magnet, der 
jung und alt anzog, um zum wenig 
sten die Sensation der Ankunft und 
Abfahrt der Züge zu beobachten. 
Von diesem Zeitpunkt an wurde 
Potsdam immer mehr der beliebte 
Ausflugsort, aber auch die Stadt der 
Das schöne Rathaus auf dem Alten Markt 
Tradition bietet dem Besucher so 
unendlich viel, wie man es selten so 
dicht beieinander vereint findet. — 
993 wird Potsdam bereits in einer 
Urkunde Kaiser Ottos III. genannt. 
Damals eine wendische Siedlung 
namens Potztupimi, was „Unter 
Eichen“ bedeutet. Albrecht der Bär 
drang gegen das alte Potztupimi vor, 
Einige Mitglieder des neuen Damen-Automobilklubs. 
X Frau von Linsingen, die Vorsitzende. 
Die Kolonnade in Potsdam 
und eine deutsche Dorfsiedlung 
dürfte um diese Zeit 1134 sich hier 
gebildet haben. 
Das dreizehnte Jahrhundert schaff 
te auch in Potsdam Wandel. Eine 
landesherrliche Burg wurde erbaut 
und im Mittelalter war die Stadt ein 
wichtiger Straßenübergang geworden. 
Potsdam verband 
die Straßen von 
Beelitz nach Nauen 
und die beiden 
Hauptverkehrs 
linien Berlin—Leip 
zig und Berlin— 
Spandau — Nauen 
bezw. Brandenburg. 
Die Havelstadt 
mit ihren wildrei 
chen Forsten wurde 
Standquartier für 
die Landesfürsten, 
die hier große Jag 
den veranstalteten. 1536 wurde die 
Stadt durch eine verheerende Feuers- 
brunst fast ganz in Asche gelegt. — 
Auch der Dreißigjährige Krieg ging 
nicht spurlos an ihr vorüber. Gustav 
Adolf schlug sein Lager auf dem 
Brauhausberg auf. 
Mit dem Großen Kurfürsten be 
gann für Potsdam eine neue Epoche. 
Das Kurfürst 
liche Schloß 
wurde nach fran 
zösischer Grund 
rißart im hollän 
dischen Stil ge 
baut. Eine Für 
stenstadt be 
ginnt sich zu 
entwickeln, brei 
te gerade Stra 
ßen werden an 
gelegt, Muster 
wirtschaften ein 
gerichtet. Glas 
und Fayencein 
dustrie blühen 
auf. 
Der eigentliche 
Gründer Potsdams ist aber 
der Soldatenkönig Friedrich 
Wilhelm I., der auch die Ab 
sicht hatte, sie in „Wilhelm 
stadt“ umzutaufen. Eine 
Bürger- und Soldatenstadt 
wurde von ihm gegründet. 
Die Grenadiere, die „Großen 
Kerle“ rücken ein. Das hol 
ländische Viertel entsteht, 
eine Siedlung für Gewerbe 
treibende. Die im Rohziegel 
bau hergestellten Häuser, 
sind noch heute ein inter 
essantes Wahrzeichen der 
Stadt. Industrie entwickelt 
sich in reichem Maße. - 
Potsdams Blütezeit beginnt 
aber erst mit Friedrich dem Großen. 
Eine Norddeutsche Barockstadt ent 
steht, der weltberühmte Park von 
Sanscouci mit seinen Schlössern, 
großzügig angelegte Paläste, Kom 
munalgebäude und Bürgerhäuser wur 
den dank seiner Initiative geschaf 
fen. Der König baute um zu reprä- 
Der Cäcilienhof 
sentieren. Er verschenkte viele Ge 
bäude, der neue Besitzer übernahm 
nur die Verpflichtung, alles gut 
instand zu halten. Das schöne alte 
Hotel „Zum Einsiedler“, das vielen 
Berlinern bekannt ist, wurde vom 
König 1721 erbaut und dem Grafen 
Einsiedel geschenkt. Der Graf war 
General und hatte sich durch seine 
Fähigkeiten im Siebenjährigen 
Kriege hervorgetan. Im „Einsiedler“ 
kommt nicht nur der Gaumen zu 
seinem Recht, auch das Auge wird 
befriedigt. Seit ca. 100 Jahren Gast 
stätte, verbindet es modernen Kom 
fort mit alter Pietät. Wunderbare 
alte Miniaturen sind als Gardinen 
halter im großen Speisesaal ver 
wandt. Gemälde von Professor Krü 
ger, dem Hofmaler Friedrich Wil 
helms IV., alte Riesenöfen, Kamine 
und dergleichen mehr, dienen noch 
heute als Schmuck in den Zimmern. 
Auch die alte Hof-Konditorei in der 
Nauener Straße repräsentiert noch 
vollständig den vornehmen Stil der 
damaligen Zeit, in ihren Räumen,
        
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