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Full text: Berliner Leben Issue 29.1926

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mit einer Geige in den Bereich der 
Tische, und eine Straßerasängerin mit 
hochgetürmter Haartracht, aus der 
melancholisch eine halb verwelkte 
Rose grüßte, sang zu der Geige die 
neusten Gassenhauer, ziemlich frech 
und nicht besonders melodisch. 
„Es ist Blau ehe“, sagte Yvonne, 
„(der Alte ist ihr Vater, die Mutter, 
ist im Irrenhaus. Auch Blanche 
spricht mitunter schon wirres Zeug, 
sie findet keinen Geliebten mehr, 
weil sie so närrisch ist, darüber 
kommt sie mitunter in Wut, dann 
schlägt sie nach ihrem Vater, sie 
wird wohl auch im Irrenhaus enden.“ 
Wir lauschten auf die Lieder der 
armseligen Blanche, rauchten einige 
Zigaretten,. Yvonne spielte trällernd 
mit der zerknüllten Seidenpapier 
serviette, und ich sagte: 
„Es war ein schöner Tag, Yvonne. 
Was machen wir jetzt?“ 
„Jetzt gehen wir zu mir und trin 
ken Tee“, erwiderte sie und leigte 
ihre Hand schmeichelnd auf meine, 
„Du mußt doch sehen, wo ich wohne, 
— ganz oben, in einem kleinen 
Atelier, einsam, aber vornehm wie 
eine Prinzessin, mit dem Blick über 
die zahllosen flimmernden Lichter 
der Stadt.“ 
„Gut“, sagte ich lachend, — „trin 
ken wir Tee bei Prinzessin Yvonne. 
Gehen wir.“ . 
Wir schritten durch ein paar 
Straßen mit uralten Häusern, dann 
gerieten wir in eine schlecht be 
leuchtete Gegend, wo man keinen 
Menschen mehr sah und 1 nur noch 
Baracken und einzelne verwahrloste 
Ateliergeibäude standen, aus Holz 
unid mit Dachpappe gedeckt, schließ 
lich kam eine lange graue Mauer, an 
der wir entlang gingen, ein Ende vor 
uns brannte endlich wieder eine La 
terne. Als wir in den Lichtkreis der 
Laterne kamen, trat aus dem Dunkel 
ein Mann hervor, groß, ein Tuch um 
den Hals geschlungen, mit weiten 
Velourshosen, ein Apache. 
„Gehen Sie Ihr Geld“, sagte er, 
indem er mir den Weg vertrat. 
„Mein Geld?“ fragte ich zögernd. 
„Schnell“, entgegnete er, „ich habe 
einen Schlagring .bei mir.“ 
Er hieb mit der rechten Hand 
gegen die Mauer, daß es krachte und 
der Mörtel niederstürzte. Es schien 
ein sehr wirkungsvolles Instrument 
zu sein. 
Ich griff in die Brusttasche, holte 
das Portefeuille heraus und gab es 
ihm. 
„Ihre Uhr“, sagte er kurz. 
Ich knöpfte, die Uhr von der Weste 
los und reichte sie ihm. 
Jetzt flüsterte ihm Yvonne, die in 
seinen Rücken getreten war, etwas 
zu, ich konnte es nicht verstehen. 
„Sie haben noch ein Portemonnaie 
in der Tasche“, sprach er nun, 
„gelben Sie her.“ 
Idh holte es hervor, reichte es ihm 
und sagte: 
„Hier. Wünschen Sie noch etwas?“ 
„Nein“, meinte er lächelnd“, — es 
ist genug, Sie können nach Hause 
gehen.“ 
Er grüßte, indem er die Finger 
flüchtig an die Mütze legte. 
. Yvonne hänigte sich in den Arm 
ihres Freundes und entschwand mit 
ihm in der Finsternis. 
Ich stand und siah ihnen nach, ver 
wirrt durch den unerwarteten Aus 
gang meines Erlebnisses. Welch ge 
fährliche Spitzbübin, meine reizende 
kleine Yvonne! Sie war offenbar die 
Sklavin dieses Menschen, und ich ge 
stehe, ich begriff eis gut, daß sie seine 
Sklavin war und daß sie mich seinet 
wegen verriet. Er war ein Apache 
von glänzender Haltung und er hatte 
die Gelassenheit eines Gentleman. 
Er war herrlich in seiner Ruhe und 
Sachlichkeit, seine Sprache war be 
stimmt und kühn, er batte das Ge 
sicht eines Adler. Er war der 
schönste Apache, den ich je gesehen 
habe. 
Grunenberg
        
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