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Full text: Berliner Leben Issue 29.1926

(9. Fortsetzung) 
LIEBCHEN 
ROMAN VON WALTER ANGEL 
D er Engel, so wurde sie auch 
im vertrauten Kreise der 
Frau von Duquesnoy ge 
nannt. Ein goldblonder 
Engel, mit dem reinsten Teint, der 
vollendetsten Gestalt — meergrünen 
Augen — Händen, Füßen . . 
„Genug, Herr Graf, genug. — 
Ich will mir Ihren Engel anschauen. 
Sagen Sie mir nur, wo ich ihn finde.“ 
Er war aufgestanden und legte mit 
Nachdruck seine Hand dem Grafen, 
den er um Haupteslänge fast über 
ragte, auf die Schulter. „Sie sind sich 
der Verantwortung, die Sie auf sich 
und mich laden, bewußt, Herr 
Graf?“ 
„Vollkommen, Herr Le Bel.“ 
„Werden Sie verschwiegen sein?“ 
„Ich möchte auch um Ihre Ver 
schwiegenheit gebeten haben.“ 
Sie legten die Hände gewichtig 
ineinander, dann gingen sie zum 
Spieltisch. 
Achtes Kapitel. 
Das kam zu plötzlich, zu uner 
wartet, das war zu groß, zu unfaß 
bar! Es wollte sich ihr zuerst nicht 
zur festen Vorstellung formen: Die 
Geliebte des Königs . . . 
Der König! — Was immer sie als 
Menschlichkeiten dem vielgeliebten 
Ludwig hatte nachsagen hören, 
entschwand mit einem Schlag ihrem 
Gedächtnis. Nicht an einen be 
stimmten König mit scharf um- 
rissenen, aus zahlreichen Mitteilun 
gen ihr vertrauten Zügen dachte sie 
mehr; die Person wurde ihr zum 
Begriff, zum Begriff unumschränkter 
Macht, heiliger Hoheit, märchen 
hafter Pracht. — Hermelin und 
Krone und Zepter — ein goldener 
Thron unter blauseidenem, gold 
gestirntem Baldachin — glanzdurch 
flossene Säle — Höflinge, Garden, 
tausend Diener — — das war der 
König . . . 
Sie ließ ihre Phantasie spielen 
und machte sich Bilder: Sie erwartet 
die Majestät. In einem Gemach — 
sie sieht sich um; kann es ein 
schöneres geben als dieses ihr 
Schlafzimmer im Palais Auneuil? 
— Du lieber Himmel, es muß eben 
viel, viel schöner sein; man denke: 
ein Gemach des königlichen 
Schlosses! — Abend ist es, so wie 
jetzt. Was wird sie anhaben? Sie 
muß sich gestehen, daß es ein köst 
liches Stück ist, dieses Deshabille 
aus fließenden, schneeigen Spitzen, 
von Du Barry ihr eigens für den 
Empfang des Herrn Kammerdieners 
geschenkt. Aber die Geliebte des 
Königs? In ein ganz anderes, weit 
kostbareres Gewand wird sie eben 
gekleidet sein — dünne Schleier 
vielleicht aus der feinsten, an 
schmiegsamsten Seidengaze, mit 
Gold- und Silberfäden durchwebt. 
Der König tritt ein. Sie ver 
scheucht nicht ohne Mühe den Ge 
danken, daß ein langer weißer, 
schwarz-gesprenkelter, mit rotem 
Atlas gefütterter Hermelin hinter 
ihm nachschleift, und daß die Krone 
auf seinem Haupte funkelt. Nein, 
so wird er natürlich nicht aussehen. 
In weißem Goldbrokat, hoch und 
schlank, eine goldene Kette mit 
einem diamantenen Kreuz um den 
Hals. Sie schreitet ihm entgegen, 
empfängt ihn mit einem tiefen Hof 
knicks. Das wird sie üben müssen. 
Er läßt sich neben ihr nieder, er 
küßt sie. Wie küßt er? Wie ein 
Priester, ein Vater? Oder heiß und 
durstig? — Und, wie ist das, wenn 
ein König es sich bequem macht? . . 
Ein König, der ins Bett steigt, zu 
seiner Geliebten? . . . Das läßt sich 
überhaupt nur ganz wirr ausdenken. 
Sie versucht es so: Wer war der 
Vornehmste, der Höchste, den sie 
ergötzen durfte? Das war der Her 
zog von Richelieu, Marschall von 
Frankreich. Ach, was ist ein Her 
zog! Und wäre er selbst so stolz 
und so erlauchten Namens wie der 
Herzog von Richelieu, er ist doch 
nur einer aus der Schar von vielen 
Gleichrangigen. Aber hoch über 
ihnen, ganz allein, keinen neben sich, 
alle unter sich, steht die Majestät 
des Königs. 
Marianne wurde mit sich allein 
einfach nicht fertig. Sie mußte von 
den überraschenden Ereignissen der 
letzten zwei Tage jemandem Mit 
teilung machen, alle Zweifel und 
allen Jubel ihres bedrängten, über 
vollen Herzens anvertrauen. 
Sie lief zu ihrer Mutter. 
Sie lief, kann man eigentlich nicht 
recht sagen. Das war schon hübsch 
lange her, daß ihre kleinen Füße 
durch die Gassen von Paris ge 
trippelt waren. Auf der Straße durfte 
sich ja eine Dame nur im Wagen 
oder in der Sänfte zeigen. 
Man mußte geschwind anspannen, 
sie kleidete sich währenddessen 
eiligst um und fuhr dann in die Rue 
St. Anne. 
Das machte kein geringes Auf 
sehen, als die Karosse vor dem alten 
spitzgiebeligen Hause in der engen 
Gasse hielt. 
Marianne stürmte in großen 
Sätzen die schmutzige Treppe hin 
auf. Die Leute drängten sich in den 
Gangtüren und schauten ihr mit 
offenen Mäulern nach. 
Sie riß die Tür auf. 
Da stand Frau Vaubernier-Rancon, 
so, wie Marianne erwartet hatte, sie 
anzutreffen: vor dem Herd, vom 
Feuer bestrahlt, mit auf gekrempelten 
Ärmeln, den rückwärtigen Rock 
zipfel nach vorn unter das Schürzen 
band gezogen, die bloßen Füße in 
der Schuh des 
vornehmen berufstätigen Herrn. 
Die aus edelstem Material hergestellten 
n HERZ-SCHUHE u 
sind von unverwüstlicher Qualität, 
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SCHUHFABRIK HERZ A.G., FRANKFURT A« M.
        
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