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Full text: Berliner Leben Issue 29.1926

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dem ihren, der Blick überlegen, 
bannend. Seine Faust riß sie hoch. 
Dann küßte er sie. Unter seinen 
brennenden Küssen brach etwas in 
ihr nieder: die selbstgezogene 
Schranke, die sie vom Erleben 
trennte. 
So wurde die Hausdame Agathe 
Thiel die Geliebte des Dieners 
Alois Fenner. 
Sie lebte in einem Taumel. Ihre 
Sinne, die bis zu ihrem zweiunddrei 
ßigsten Jahre geschwiegen hatten, 
beherrschten jetzt ihr Handeln. 
Wenn ihr auch in klareren Augen 
blicken eine ahnungsvolle Erkennt 
nis den Mann anders zeigte, als er 
sich gab. Das Heldenhafte, Kühne, 
Wagemutige erhielt oft einen Schein 
von Unverschämtheit, Gier und 
Skrupellosigkeit. Sie sah den Mann 
in doppelter Beleuchtung. 
Die Diebstähle hatten aufgehört. 
Agathe schrieb dieses erfreuliche 
Resultat ihrem Einflüsse zu. Und 
dieser sichtbare Erfolg gab ihr Mut. 
Der Gedanke, die moralische Ret 
terin ihres Geliebten zu sein, gab 
ihr erneute Spannkraft. 
Fenner sprach nicht mehr von 
seinem Plan. Er schien Herrn Men- 
schiks Millionen überwunden zu 
haben. Agathe hoffte auf die Macht 
der Liebe. 
Eines Tages im Februar, es war 
kalt und draußen lag der Schnee, — 
ging Agathe nachmittags in die 
Küche, um der Köchin Anordnungen 
für das Abendessen zu geben. Schon 
am Gange hörte sie lautes Kreischen. 
Sie öffnete die Küchentür. 
Marie, die Köchin, lachte gerade 
in den Armen Fenners, der sich aus- 
elassen mit ihr herumbalgte. So 
atte Agathe ihn noch nie gesehen: 
das Gesicht rot, grinsend, — ge 
wöhnlich. Auf dem Küchentisch 
stand die Weinflasche und zwei 
Gläser. Eine qualmige Wärme schlug 
Agathe entgegen. 
Als die Tür aufging, ließ der Mann 
die dralle Person fahren. Sie schlug 
noch einmal kreischend nach ihm. 
Aber er stand still und neigte den 
Kopf: „Verzeihung, gnädiges Fräu 
lein“, murmelte er. Da sah auch sie 
die Hausdame. „Gott, die, —“, sagte 
sie achselzuckend und blickte 
Agathe frech an. 
Agathe trat ein. Sie empfand in 
tiefster Seele die Beschämung ihres 
Geliebten. Ohne auch nur einen 
Blick auf ihn zu werfen, sprach sie 
in die plötzliche Stille, in der noch 
ein Echo der kreischenden Stimmen 
zu schwingen schien: „Herr Men- 
schik wünscht zum Abendessen 
Rühreier mit Schinken, Marie. Als 
Nachtisch Holländer Käse und 
Butter. Das Obst werde ich selbst 
aussuchen.“ 
Dann wandte sie sich um und ging. 
Sie hatte nur den einen Wunsch, 
diese schreckliche Situation rasch zu 
beenden. 
Fenner hob den Kopf und sah sie 
an. Sie fühlte seinen Blick mit ma 
gischer Gewalt auf ihrem Gesicht, 
auf ihrem Rücken. Die Marie grinste. 
Agathe wußte, daß es ihre Pflicht 
wäre, ein paar strafende Worte zu 
sagen. Über den Lärm, über die an 
scheinenden Beziehungen der Bei 
den, —• zumindest über die Wein 
flasche, die offenkundig aus Herrn 
Menschiks Weinkeller stammte. 
Aber sie fühlte sich zu schwach da 
zu. Sie schob die anstürmenden Ge 
danken von sich und schritt mit 
Haltung zur Tür. 
Erst draußen am Gang lief sie. 
Über die Treppen hinauf in ihr 
Zimmer. 
„Du verstehst meine Stellung 
nicht, Agathe“, sagte Fenner eine 
Stunde später in Agathes Zimmer. 
„Ich darf nicht hochmütig sein. 
Außerdem lenken solche Dinge 
jeden Verdacht ab.“ 
„Welchen Verdacht?“ fragte 
Agathe. Sie saß fröstelnd beim 
Feuer. Ihr war elend zu Mute. 
Fenner lächelte. „Den Verdacht, 
daß wir beide —“ 
Agathe sah ihn entsetzt an. 
„Erschrick nicht so“, beruhigte sie 
der Mann. „Bis jetzt hat niemand 
etwas bemerkt. Und ich sorge schon 
dafür, daß es nicht geschieht. Dazu 
sind derartige kleine Scherze sehr 
geeignet. Aber du darfst nicht 
kindisch sein. Oder mutest du mir 
im Ernst zu, daß ich —“ 
Agathe schwieg. Sie hatte sich 
mit ihren Gedanken abgequält. Sie 
hatte sich geirrt. Und weggeworfen. 
Die Erkenntnis war bitter. 
„Ich werde meine Stellung bei 
Herrn Menschik aufgeben“, sagte 
sie müde. „Es tut mir leid darum. 
Aber wir müssen uns trennen.“ 
Der Mann erschrak. „Was fällt 
dir ein? Bist du verrückt? Einer 
solchen Dummheit wegen. Eifer 
süchtig auf die Köchin!“ 
„Das ist es nicht“, erwiderte 
Agathe leise. „Ich glaube dir nicht 
mehr. Du bist in Wirklichkeit an 
ders. Es stimmt nicht. Ich habe 
mich getäuscht.“ 
„Willst du sagen, daß ich dich be 
trogen habe?“ fragte der Mann 
brutal. 
„Nein, — ich habe mich selbst 
betrogen. Aber jetzt beginne ich 
zu sehen. Und deshalb —“ 
„Und deshalb wirst du bleiben“, 
sagte Fenner herrisch. „Was willst 
du denn anfangen? Irgendwo ein 
elendes Leben haben?“ 
Er sah sie an und lachte. „Du 
wirst dich doch nach mir krank 
sehnen, mein Kind. Sag’ nicht nein. 
Ich glaube gern, daß du dagegen 
kämpfen willst. Aber es wird 
dich zerreiben. Du wirst nur un 
glücklich sein.“ 
Agathe senkte den Kopf. Sie 
wußte es längst. Sie hing an diesem 
Manne mit sklavischer Ergebenheit. 
Ihre zwiespältige Natur, die sie ihr 
eigenes Tun oft wie das eines an 
deren beobachten Hess, verurteilte 
ihre Leidenschaft. Aber sie gab ihr 
nicht Kraft genug, sich freizu 
machen, 
Der Mann erkannte seine Chance. 
Und als er das sich sträubende 
Weib immer wieder küßte, fühlte er 
sie langsam gefügiger werden. 
Aber er nahm sich vor, künftig 
vorsichtiger zu sein. 
Agathe saß im offenen Erker 
fenster des Salons. Es war ein 
Sonntag abend im Mai, gegen sie 
ben Uhr. Fenner hatte im Speise 
zimmer den Tisch gedckt. Die 
Köchin hatte Ausgang. Es wurde 
Zeit, das Abendessen herzurichten. 
Herr Menschik befand sich bereits 
im Speisezimmer. Agathe hörte 
ihn die Kasse aufsperren. Sie erhob 
sich und ging in die Küche. 
Am Gang draußen traf sie Fenner, 
der noch die Wasserkaraffe und die 
Gläser hineintragen wollte. Er blieb 
stehen. 
„Mach’s heute kurz mit dem 
Essen“, sagte er. „Ich möchte noch 
ein bißchen fortgehen.“ 
Agathe nickte und ging. 
In der hellen, geräumigen Küche 
standen die Fenster weit offen. Im 
Garten blühte der Flieder. Es roch 
betäubend. Die Vögel sangen und 
durch die blaue schimmernde Luft 
schossen die Schwalben. Agathe at 
mete tief die wundervolle Luft des 
Maiabends. Sie ging in der Küche 
hin und her und bereitete das 
Abendessen. Gerade als sie die gut 
geklopften Beefsteaks in das 
schäumende Fett legen wollte, 
wurde die Tür aufgerissen. 
Fenner trat ein. Sein hartes Ge 
sicht war streng gespannt und seine 
Augen sahen mit sonderbarem Aus 
druck in die ihren. 
„Es ist etwas geschehen“, sagte er. 
„Du mußt mir helfen, Agathe.“ 
„Was ist es?“ fragte Agathe und 
ihr Herz stand still. Sie schob das 
prasselnde Fett beiseite und trat auf 
ihn zu. 
Fenner machte eine abwehrende 
Bewegung. „Warte“, — er ging zum 
Fenster und schloß es. Dann kam 
er zurück. Seine Stimme klang 
heiser, als er sprach. 
„Als ich mit dem Tablett ins Zim 
mer trat, stand der Alte beim offe 
nen Kassenschrank. Er hatte ein 
großes Bündel Banknoten in der 
Hand. Er nahm eine heraus, 
schnippte sie prüfend mit den Fin 
gern und hielt sie gegen das Licht. 
Dabei sah ich, daß es eine Hundert- 
Schilling-Note war. Das ganze Bün 
del enthielt solche Noten. Ich stellte 
das Tablett auf den Tisch und 
näherte mich der Kasse. Im selben 
Augenblick drehte er sich um. Er 
schrocken sah er mich an. Unsere
        
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