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Full text: Berliner Leben Issue 29.1926

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Der Räuber des Gefühls. 
(Fortsetzung von Seite 3.) 
ihre Zukunft aufzubürden, war ge 
ring. Sie war zwar leidlich hübsch 
und sah trotz ihrer dreißig Jahre 
noch sehr jung aus.. Ihr fehlte das 
sprühende Temperament, das die 
Männer anzieht. 
Da beschloß sie, in eine abhängige 
Stellung unterzukriechen:, sie wurde 
Hausdame bei dem alten Bankier 
Menschik. Sie gab ihre Freiheit auf, 
aber sie behielt ihr gewohntes 
Niveau der Lebensführung. 
Der Kreis ihrer Pflichten war ein 
ziemlich enger: sie hatte 'die Diener 
schaft zu überwachen, den Haushalt 
in Gang zu halten. Für dies alten 
Herrn Behagen zu sorgen. Mit ihm 
zu plaudern, zu musizieren, wenn er 
es wünschte. Vor allem immer da zu 
sein. 
Agathe Thiel verbannte die 
Träume aus ihrem Leben. Sie er 
wartete keine Überraschungen mehr. 
Die Nüchternheit des täglichen Ge 
schehens machte ihr junges Antlitz 
bleich, die großen grauen Augen 
müde. Sie wurde ein hoffnungsloser 
Mensch. 
Als Agathe Thiel bereits ein Jahr 
in Stellung war, wurde ein neuer 
Diener engagiert. Alois Fenner kam 
ins Haus. 
Er war kein Dienertyp . Er trug 
den Bedienten,rock wie eine vorüber 
gehende Laune. Sein scharfkantiges 
Gesicht war verschlossen, sein Blick 
kalt. Sein Benehmen höflich, aber 
nicht unterwürfig. Die Hausdame 
ergriff jedesmal eine quälende Ner 
vosität, wenn sie diesem schweig 
samen Menschen Befehle zu geben 
hatte. Seine Anwesenheit iduroh- 
drang störend die Abgeschlossen 
heit ihres Alltags. 
Wochen vergingen. Im Hause gab 
es Verdruß: kleine Diebstähle wur 
den verübt, Geringfügigkeiten zwar, 
die dennoch das peinliche Bewußt 
sein der Unsicherheit weckten. Un 
bedeutende Geldbeträge, idiie man 
achtlos hatte liegen lassen, silberne 
Löffel, Herrn Menschiks Man- 
sohettenknöpfe, — lauter Dinge, die 
man erst später vermißte, ver 
schwanden spurlos. Die Hausdame 
fühlte die Last der Verantwortung. 
Sie verdoppelte ihre Aufmerksam 
keit. — 
Eines Nachts erwachte Agathe 
von einem leisen Geräusch. Noch 
bevor sie die Augen aufschlug, hatte 
sie das bestimmte Gefühl, nicht 
alllein zu sein. Der Schreck riß sie 
auf. 
Vor' ihrem kleinen Kommode- 
kasten stand ein Mann. Er beugte 
sich über die offene Lade und be 
trachtete aufmerksam einen Gegen 
stand, den er in der Hand hielt. An 
dem Kettchen, das zwischen seinen 
Fingern herabhing und im Scheine 
der Blendlaterne golden erscbkn- 
merte, erkannte Agathe, daß es ihr 
Medaillon mit dem Rubin war. 
Ein Dieb. 
Agathe tastete nach dem elektri 
schen Schalter. Licht flammte auf. 
Der Mann fuhr herum. Es war 
Alois Fenner, der Diener. 
„Sie!“ rief Agathe und.blickte von 
dem drohenden Gesicht des Mannes 
auf das kleine Häufchen armseliger 
Sokmueksachen, das auf der Kom 
mode lag. Ihre letzte Habe. 
„Ja, ich!“ erwiderte Fenner. „Sie 
können jetzt läuten und 'das Haus 
alarmieren.“ 
Agathe sank in die Kissen zurück. 
Die kalten Augen des Mannes 
waren intensiv auf sie gerichtet. 
„Warum tun Sie das?“ fragte sie 
schwach. 
Alois Fenner lächelte. „Weil ich 
muß. Oder glauben Sie, daß ich 
mein Leben als Diener beenden 
will? Ich sehe meine momentane 
Lage als ein Durchgangsstadium an. 
Ich muß wieder auf die andere Seite 
des Lebens kommen.“ 
Aigathens Blick streifte das 
Häufchen auf der Kommode. „Diese 
Armseligkeiten“ murmelte sie. 
„Ich brauche Geld“, erwiderte der 
Mann brutal. „Auch den kleinsten 
Betrag. Zur. Vorbereitung meines 
großen Schlages.“ 
Agathe gewann langsam ihre 
Fassung wieder. Sie haben also alle 
diese Dinge im Hause gestohlen?“ 
Das Gesicht des Mannas blieb un 
beweglich. Das verächtliche Wort 
schien ihn nicht zu treffen. „Ja. Ich 
habe mir alle 'diese Kleinigkeiten an- 
geeigmet. Und Sie hatten die Ab 
sicht, das Stubenmädchen deshalb 
zu entlassen. Jetzt werden Sie ver 
mutlich mich davon jagen?“ 
„Gewiß werde ich 'das tun“, er 
widerte das Mädchen fest. „Sie 
werden morgen das Haus verlassen. 
Fenner verbeugte sich. „Wie Sie 
befehlen. Aber es ist schade. Denn 
hier hatte ich die große Chance. 
„Was meinen Sie damit?“ sagte 
Agathe. 
„Ich hätte Herrn Memsohik um 
seine Millionen erleichtern können. 
Und wäre mit einem Schlage wieder 
in den Reihen jener Menschen, die 
■mich ausgestoßen haben.“ 
Diese heftig hervorgebrachten 
Worte erschütterten das Mädchen m 
'seltsamer Weise. Sicherlich war er 
kein gewöhnlicher Dieb. 
„Was waren Sie früher? ‘ fragte 
sie. 
„Ich war Kampfflieger , ant 
wortete der Mann. 
Agathe kämpfte mit einem 
mächtig aufkeimenden Interesse für 
diesen Mann, der sein Schicksal so 
unbedenklich herausforderte. Seine 
Energie weckte in ihr ein unbe 
stimmtes Verlangen, mitgenommen 
zu werden in brausende Ge 
schehnisse. Die Kette täglicher Ein 
tönigkeit schien durchbrochen. 
„Die veränderte Zeit hat mich aus 
meinem Weg gerissen“, fuhr Fenner 
fort. „Ich lebe ohne Ziel.“ 
Agathe begriff. Die brachliegende 
Kühnheit dieses Mannes brauchte 
Betätigung. Das Leben hatte ihn in 
enge Verhältnisse gezwungen. Da 
wunde das Verbrechen eine Art 
Ventil. Mitleid und etwas wie Be 
wunderung regten sich in ihr. 
„Werden Sie Herrn Menschik den 
Grund meiner Entlassung mdt- 
teilen?“ fragte der Mann. 
„Ich wende Herrn Menschik alles 
sagen müssen“, erwiderte Agiatbe 
nachdenklich. „Er wind Sie dann 
rufen lassen. Gehen Sie jetzt.“ 
Alois Fenner verbeugte sich und 
ging. Leise zog er die Tür ins Schloß. 
Lange noch lag Agathe mit offenen 
Augen. Sie träumte 
„Sie haben mich also nicht ver 
raten“, sagte Fenner nach acht Tagen 
zu der bleichen Hausdame. „Darf 
ich daraus meine Konsequenzen 
ziehen?“ 
Agathe saß im Erkerfenster des 
Salons und malte ein paar lang 
stielige, blaßrote Rosen in Gouache 
farben. „Welche Konsequenzen?“ 
fragte sie und betrachtete prüfend 
ihre Malerei. 
Der Mann trat ganz nahe an sie 
hieran. „Daß Sie mich lieben“, 
flüsterte er. 
Agathe fuhr auf. „Was fällt Ihnen 
ein!“ rief sie blutühergossen. 
„Sie liehen mich“, sagte Fenner 
ruhig. „Das ist doch klar. Welchen 
Grund hätten Sie sonst, mich zu 
schonen?“ 
„Ich habe Mitleid mit Ihnen“, er 
widerte Agathe, und ihre Augen 
blitzten in Entrüstung. 
Der Mann lachte. „Mitleid ist 
meist schon Liebe. Leugnen Sie 
nicht. Ihre Gedanken beschäftigen 
sich mit mir. Seit jener Nacht. Ich 
weiß es. Ich fühle es.“ 
Agathe schwieg. Es war ja wahr. 
Dje unterdrückte Romantik war 
wieder erwacht. Sie breitete ihre 
Phantastik üppig über die Mono 
tonie der Wirklichkeit. Und im 
Mittelpunkte aller Träumereien 
stand dieser Mann. 
„Gut“, antwortete sie nach einer 
Weile. „Ich habe über Sie nachge 
dacht. Das ist doch selbstver 
ständlich. Ihr Schicksal erregt In 
teresse. Noch mehr Ihre Einstellung 
dazu. Sie fügen sich nicht. Sie 
brechen aus. Sie sind ein Aben 
teurer.“ 
„Sie sehen bereits mit den Augen 
der Liebe. Vor einer Woche nannten 
Sie mich noch einen Dieb und Ver 
brecher.“ 
Agathe fuhr unwillig auf. Der 
Mann faßte ihre Hand und hielt >sie 
fest. Von der Berührung dieser 
starken Mänmerhand ging ein Zwang 
aus, der das Mädchen erzittern ließ. 
Sie blickte zu ihm auf. Das kühne 
Gesicht des Mannes war knapp über
        
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