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Full text: Berliner Leben Issue 29.1926

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spiels von St. Nicolai über-xlen 
dunklen Häusern. Gaslaternen 
flackerten durch die regenfeuchten 
Baumalleen; ihre Lichter verloren 
sich, seltsam melancholisch in den 
Nebelmassen, die sich weißlich über 
die Ufer senkten. Der einsame Fuß 
gänger, der schwerfällig unter den 
Bäumen dahinschritt, blieb lau 
schend stehen. Aus dem weißen 
Hause, das aus dem großen, dunklen, 
schweigenden Garten herübergrüßte, 
drang ein feines Lied . . . ein Früh 
lingslied ... 
Der Lauschende legte — fast un 
bewußt — die Fland auf die Klinke. 
Aber die Tür war verschlossen. 
Seufzend blieb er stehen und starrte 
mit heißen Augen in das Dunkel. 
Das Lied brach ab. Eine Tür 
öffnete sich; eine Lichtwelle flutete 
in die Nacht, dann schimmerte 
etwas Weißes durch die Gebüsche, 
und ein leichter Schritt kam über 
den Kiesweg. Das Herz klopfte ihm 
hörbar. 
„Fräulein Susanne!“ Sie blieb 
stehen und trat erstaunt an das 
Gitter. 
„Hinrich? So spät auf der Straße? 
Sie können sich den Tod holen, 
Hinrich!“ 
Er machte eine verächtliche Hand 
bewegung. — „Fräulein Susanne . . . 
ich muß mit Ihnen sprechen . . .“ 
Er machte eine Pause, und sie sah, 
wie er nach Worten rang. Endlich 
flüsterte er, und seine Stimme 
zitterte: „Fräulein Susanne, weeten 
See, wat ich vun Ihnen will?“ 
Sie hob langsam den Blick und 
sah ihm in die Augen. — „Ja, 
Hinrich“, sagte sie leise und traurig, 
„ich weiß es . . . Hinrich . . . seien 
Sie ein Mann ... ein vernünftiger 
Mann . . Sie legte durch die 
Gartenstäbe leicht ihre Hand auf 
seine Schulter. „Es geht nicht, 
Hinrich ... es kann nicht sein.“ 
„Und warum nicht?“ fragte er 
trotzig. „Sind Sie zu vornehm für 
mich?“ 
Sie schüttelte den Kopf. „Nein“, 
sie lächelte fast; „nein, Hinrich, . . . 
das ist es nicht.“ 
„Also . . . was ist es denn?“ be- 
harrte er. 
„Wenn ich Ihnen das auch sagen 
wollte, Hinrich . . . Sie würden mich 
wohl nicht verstehen ... Es sind 
zwei verschiedene Welten, zu denen 
wir beide gehören. Später einmal 
werden Sie das selbst einsehen.“ 
Er schluckte. „So haben Sie mich 
nicht ein büschen lieb?“ 
Sie lächelte schmerzlich. „Das 
weiß ich selbst nicht, Hinrich , . . 
Ich weiß nur das eine: es kann nicht 
sein. Morgen früh fahren Sie nach 
Hause. Dann erwartet Sie eine neue 
Welt. Da werden Sie es verwinden 
. . . bald . . . sehr bald . . . “ Er 
machte eine heftige Bewegung. 
„Doch, Hinrich . . . und jetzt muß 
ich gehen. Man darf mich hier nicht 
sehen.“ Sie wandte sich. Dann 
stockte sie plötzlich und streckte mit 
einer scheuen Bewegung ihre beiden 
Hände nach ihm aus. „Leb wohl . . . 
Hinrich!“ Er beugte sich über ihre 
Hände und küßte sie. Und wie er 
seine Augen zu ihr erhob, sah er, 
daß ihr die Tränen über das Gesicht 
liefen. Dann riß sie sich los, und er 
starrte ihr nach, bis ihr helles Kleid 
in der dunklen Nacht verschwunden 
war.
        
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