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Full text: Berliner Leben Issue 29.1926

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Ein Frühlingslied 
* 
U eber der Alster lag der 
silberne Dunst des jungen 
Vorfrühlingstages. — Noch 
wallten graue Nebelschleier 
über den Gärten der weißen Häuser, 
die sich in sanfter Neigung zum 
Ufer hinabzogen — und durch die 
kahlen Eschen der breiten Alleen 
strich feucht der Morgenwind. All 
mählich teilten sich die brodelnden 
Wolkenmassen, und fern drüben, 
hinter den schimmernden Türmen 
der alten Hansestadt stieg der 
Sonnenball aus den Wassern. 
Noch lag der späte Schlaf der 
Großstadt über den gartenum- 
gürteten Häusern. Eine Tür klirrte 
— raschelnd ging irgendwo eine 
Jalousie in die Höhe; Susanne 
Mohlenhoff trat an die Brüstung. 
Der Tritt eines einsamen Fuß 
gängers hallte jenseits des Garten 
gitters. Susanne wandte den Kopf 
ein wenig zur Seite, halb lächelnd, 
halb mit jener kühlen Reserve der 
Hamburgerin; dann winkte sie 
leicht mit der Hand. 
Der Ankömmling klinkte eiligst 
die hohe Pforte auf und trat in den 
Garten. „Kommen Sie mit“, rief er, 
indem er den Hut schwenkte, „ich 
bin auf dem Wege ins Sanatorium.“ 
Sie nickte. „Warten Sie einen 
Augenblick, Herr Doktor!“ 
Ein paar Sekunden später trat sie 
in den Garten in ihrer schwarzen 
Schwesterntracht, frisch und rosig 
und strahlend. „Was mustern Sie 
mich so von der Seite \ erkundigte 
sie sich kopfschüttelnd, während sie 
neben ihm die Villenstraße entlang 
ging. 
„Ich kann mich noch immer von 
meiner Verwunderung nicht er 
holen“, sagte er kopfschüttelnd. 
»Bis heute sind Sie mir immer als 
der Typ des verwöhnten Millionärs 
töchterleins erschienen — ich sehe 
Sie noch im Zoologischen Garten 
und auf den Regatten — und jetzt? 
Um acht Uhr früh gehen Sie an 
meiner Seite — Sie, Fräulein Susanne 
Mohlenhoff! — als Kranken 
schwester mit mir ins Sanatorium]“ 
»Sie haben nicht ganz unrecht“, 
sagte sie lächelnd. „Ich selbst hätte 
dies alles vor einem halben Jahre 
nicht recht für möglich gehalten. 
Aber ich muß Ihnen gestehen: ich 
babe mich eigentlich noch nie so 
wohl gefühlt wie jetzt, da für mich 
PAUL ROSENHAYN 
die Stunde, der Tag, das Leben 
einen Zweck, einen Sinn hat. Wie 
geht es übrigens meinem Schmer- 
zenskinde?“ 
„Sie meinen Herrn Hinrich Rog 
genbuck aus Dithmarschen? Nun — 
Kollege Bornhoff und ich sind 
gestern abend übereingekommen: 
morgen früh wird Hinrich Roggen 
buck entlassen. Nach Hause ... in 
die Heimat . . . nach Wesselburen.“ 
„Der Glückliche! Hat er sich sehr 
gefreut?“ 
Der Doktor sah ihr in die Augen. 
Sie senkte, halb unmutig, den Blick. 
„Nun kommt das Merkwürdige“, 
sagte er. „Nein, er freut sich gar 
nicht. Im Gegenteil, er hat gebeten, 
ob er nicht noch ein bißchen da 
bleiben könne.“ Und indem der 
Doktor sich vollends nach ihr um 
wandte, fragte er langsam: „Ahnen 
Sie warum?“ 
Ein leichtes Rot ging über Su 
sannens Gesicht, ein wenig unsicher 
schüttelte sie den blonden Kopf. 
„Tja“, fuhr er erläuternd fort, „das 
Herz dieses braven Mannes aus 
Dithmarschen haben Sie auf dem 
Gewissen!“ 
„Aber Herr Doktor!“ 
„Nun, ist das etwa ein Wunder?“ 
Er seufzte vernehmlich. „Wenn ich 
nicht ein alter Ehemann wäre . . 
Da standen sie schon vor dem Sana 
torium. Susanne drückte dem 
Doktor flüchtig die Hand und ging 
ins Haus. 
Die Morgeninspektion begann. 
Mit dem Chefarzt und der Ober 
schwester ging Susanne von Bett zu 
Bett. 
„Nanu, Roggenbuck“, sagte die 
Oberschwester ein wenig vorwurfs 
voll, „warum hocken Sie hier 
drinnen? Warum sind Sie nicht 
längst draußen im Garten? Im 
schönen Sonnenschein?“ 
„Ich wollte man bloß ... tjä, ich 
sollte ei’ntlich . . .“ 
„Ich weiß schon“, unterbrach ihn 
die Oberschwester, „Sie haben bloß 
auf Schwester Susanne gewartet, was 
Hinrich?“ 
Er lachte, ein verlegenes Bauern 
jungenlachen. „Schwester Susanne“, 
heimlich lächelte die Oberschwester 
ein bißchen, „also führen Sie unsern 
Hinrich sanft und sorgsam in den 
Garten!“ 
★ 
Er ging, breitschultrig, schwer auf 
ihren Arm gestützt, mit unsicheren 
Schritten neben ihr her. Sie musterte 
ihn verstohlen von der Seite; aber 
er starrte schweigend geradeaus. 
Der tiefe Signalton eines Alster 
dampfers kam über das Wasser; fern 
drüben, wo das Gold der Sonne auf 
den Türmen von St. Georg lag, 
stand schon ein weißes Segel. Leise 
sagte der Patient: „Tjä — 
Swester ..." 
„Was denn, Hinrich?“ 
„Nu is es aus, Swester — Sie 
wissen es wohl all; morgen früh soll 
ich zu Haus fahren!“ 
Sie nickte. „Da sind Sie wohl sehr 
froh, Hinrich? Heim zu Ihrer Mutter 
. . . zu Ihrer Braut!“ 
Langsam hob er den Blick. „Nee, 
Swester!“ Er schüttelte energisch 
den Kopf. „Ich hab’ kein’ Braut!“ 
Und zögernd setzte er hinzu: „Aber 
ich möcht’ gern eine haben!“ 
„Das kann doch nicht schwer 
fallen, Hinrich! Wo Sie doch als ein 
Held nach Wesselburen zurück 
kommen! Ihr Bild in allen Zeitungen 
. . . drei Kinder vom Flammentode 
gerettet . . . Sie werden sehen: die 
schönsten Mädchen von Wessel 
buren werden Sie feierlich einholen!“ 
Wieder schüttelte er den Kopf. 
„Nee, ich will keine aus Wessel 
buren!“ 
Ein heimliches Licht blitzte in 
ihren Augen auf. 
„Sie haben wohl anderswo eine 
Liebste, Hinrich?“ Und zugleich 
fühlte sie, wie ihr das Blut in die 
Wangen stieg. 
„Tja“, sagte er leise. Und während 
er zitternd ihre Hand faßte, sagte 
er, in das heimatliche Platt ver 
fallend: „Een slanke seute Ham- 
borger Deern . . .“ 
Susanne wandte sich hastig um. 
„Man ruft nach mir, Hinrich. Hören 
Sie’s?“ 
„Nee!“ sagte er. 
„Doch: ich muß fort. Auf Wieder 
sehen!“ — 
Und nun war es Abend gewor 
den über der Alster. Die leichten 
Wellen plätscherten kosend an die 
nebelnassen Ufer; aber der Wind, 
der feuchtschwere Wind, trug schon 
den Atem des Frühlings mit sich. 
Die kleinen Dampfer pflügten hell 
erleuchtet die dunkle Flut. Zitternd 
verhallte der Klang des Glocken
        
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