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Full text: Berliner Leben Issue 29.1926

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Eröffr 
nun^srennen im 
Crunewdld 
I n keinem Sportzweige geht die 
Sonne so früh auf wie im Reiche 
des Vollbluts. Kaum dämmert im 
Osten das erste fahle Grau, da er 
wacht in den Ställen das Leben des 
neuen Tages, und bald ziehen die 
langen Ketten der Vollblüter, in 
Decken gehüllt, und winzige Reit 
burschen auf dem Rücken, in den 
jungen Morgen hinein. Das Gras ist 
feucht, und von Baum und Busch 
glitzert Tau, in den Zweigen der 
Wälder zwitschern die Vögel — aber 
die hier hinausziehen, haben wenig 
Zeit, sich mit der Poesie des er 
wachenden Tages zu befassen. Ihrer 
harrt Arbeit, der Pferde wie der 
Menschen, der Trainer und Reiter — 
eine Arbeit, die schwerer, mühe 
voller und im Grunde weit wesent 
licher ist als die abschließende Tat 
im Rennen selbst. 
Was im Rennen 
geerntet wird, ist 
ja nur die Frucht 
langer Mühe im 
Training! — Die 
Menge sieht nur 
den Erfolg, nicht 
die Arbeit. Sie 
jubelt dem Reiter 
zu, der in konzen 
trierter Anstren 
gung kurzer Mi 
nuten das Pferd 
zum Siege reitet. 
Das Eröffnungs- 
Rennen hatte Tau 
sende und aber 
Tausende nach der 
Grunewald - Renn 
bahn gelockt. Die 
Tribünen sind 
überfüllt, auf grü 
nem Rasen Kopf 
an Kopf — eine 
unübersehbare 
Menschenmenge. 
Das gesellschaft 
liche Bild, das die 
Grunewald-Renn 
bahn an diesem 
Tage bot, war ein 
selten elegantes, 
das überraschend wirkte, in seiner 
auf scheinbarer Einfachheit ba 
sierenden Kostbarkeit. Das Bild des 
rennsportlichen Groß-Kampftages 
war gegeben. Die Eleganz der Men 
schen und der Adel der Pferde ver 
liehen dem ersten diesjährigen 
Grunewaldtag seine besondere Note. 
Das war eine Premiere, wie man sie 
sich nicht wirkungsvoller wünschen 
konnte. Wieder zeigte es sich, wie 
schon am Ostermontag bei der Er 
öffnung von Karlshorst, daß der 
Turf immer noch seinen alten 
Zauber ausübt. Die Sonne lachte 
über der schönsten deutschen Renn 
bahn, und die vielen Damen, die 
nicht der Pferde, sondern der neuen 
Frühlingstoiletten wegen der Grune- 
waldpremiere beiwohnten, gaben ihr 
ein buntes und mondänes Gepräge. 
Neben den elegantesten Komplets 
sah man die Sportladies in gutgear 
beiteten Schneiderkostümen. Be 
stehend aus einem knappen Rock 
uni oder großkariert, der vorn tief 
eingelegte Falten hat, damit die Gar- 
?onne auch ausschreiten kann, dazu 
eine Smokingjacke oder ein zwei 
reihiges Sakko, darunter eine Weste 
oder ein Jumper mit der neuen 
Pikeekrawatte, die der Reitkrawatte 
gleicht. Alles ist herrenmäßig, sport 
lich und unterstützt die männliche 
Note! Es fehlt nicht das wehende 
Taschentuch, das Uhr-Chatelaine, 
wenn es sein muß, noch Einglas und 
Stöckchen! Daneben sah man Taft 
mäntel in Schwarz und Blau wie in 
den zartesten Pastellfarben. Über 
einem Kleid aus hellen gelblichen 
Spitzen wurde ein champagnerfar 
bener Taftmantel mit Nerzkragen 
getragen, neben einem gemusterten 
Crepe ide Gbine- 
kleid mit uni Gape, 
fielen besonders 
schwarz-weiß ge 
haltene Seiden 
komplets auf. 
Aber auch die 
Herrenwelt bot 
dem modischen 
Beobachter ein un 
gewohntes wert 
volles Bild, ein 
Bild, wie man es 
bisher nur in Lon 
don und Paris sah. 
Neben den Cut 
aways und Zy 
lindern sah man 
viele elegante 
graue Sakkos mit 
weißen Gama 
schen, sah man 
ältere Herren in 
grauen Gehröcken 
mit grauem Zylin 
der und schwar 
zem Band. 
Das gesellschaft 
liche Turfbild die 
ses ersten großen 
Flachrennens war 
glanzvoll.
        
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