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Full text: Berliner Leben Issue 29.1926

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Die Kassette 
*: 
E s ist etwas Seltsames, schwer 
zu Beschreibendes um 
Freundschaften, die an 
einem toten Punkte ange 
langt sind. Meist spielt man, obwohl 
man sich innerlich nicht mehr ge 
bunden fühlt, noch eine Zeitlang Ko 
mödie, weniger aus Unentschlossen 
heit oder Wankelmütigkeit, als aus 
einem gewohnheitsmäßigen Be 
harrungsvermögen, das manchmal 
mit Treue verwechselt wird. So ging 
es mir mit der Filmdiva Evy Heltai. 
Ich war immer noch der aufmerk 
same Kavalier, der galante Lieb 
haber, obwohl ich mein Herz bereits 
auslogiert und bei einem Tanzgirl 
einquartiert hatte. Oft nahm ich 
einen energischen Anlauf, um Klar 
heit in die verworrene Situation zu 
bringen, schließlich versuchte ich so 
gar einmal, eine „Szene“ zu provo 
zieren . . . aber so sind die Frauen. 
Wenn der Mann eine „Szene“ 
braucht, dann machen sie ihm be 
stimmt keine. 
So saß ich auch eines Nachmittags 
wieder in Evys Salon, wartete auf 
ihre Rückkehr von den Atelierauf 
nahmen und sann darüber nach, wie 
ich ihr die bittere Pille des Ab 
schieds am besten mit Worten ver 
zuckern könnte., Nervös spielten 
meine Finger mit einer bronzenen 
Kassette, die auf dem Schreibtisch 
stand. Auf einmal — ich hatte me 
chanisch an verschiedenen kleinen 
Schräubchen und Zeigern gedreht — 
sprang die Kassette auf.. Vor meinen 
Augen lag ein Stoß Briefe . . . un 
willkürlich las ich die Adresse des 
Briefes, der zu oberst lag: Fräulein 
Ellen Remond. Ich traute meinen 
Augen nicht und griff voll fieber 
hafter Aufregung in das Bündel 
Briefe hinein — alle waren sie an die 
gleiche Adresse gerichtet. Fräulein 
Ellen Remond aber war niemand 
anders als die Tänzerin — meine 
LOTHAR SACHS 
neue Freundin, und die Briefe waren 
meine Briefe, die ich während 
meiner letzten Reise an sie ge 
schrieben und zwar auf der Schreib 
maschine, um das Geheimnis des 
Absenders etwaigen unberufenen 
Blicken nicht zu enthüllen. Ich stand 
vor einem Rätsel. Woher kannte Evy 
die Tänzerin? Wie kam sie zu 
meinen Briefen? War hier ein heim 
liches Komplott der beiden Frauen 
gegen mich im Gange? Ich hielt es 
für das Richtigste, die Dinge an mich 
herantreten zu lassen und die Briefe 
wieder in die Geheimkassette zu 
legen. Aber welch ein Pech! Ich 
kannte die komplizierten Tricks des 
Schlosses nicht und es blieb mir 
nichts anderes übrig, als die Kassette 
offen zu lassen. 
Kurze Zeit darauf trat Evy ein. 
Sie begrüßte mich, wie immer, mit 
impulsiver Herzlichkeit und ging 
dann zum Schreibtisch, um die ein 
gelaufene Post zu studieren. Dabei 
fiel ihr Blick auf die Kassette. Sie 
entdeckte sofort, daß etwas daran 
nicht in Ordnung war und zog aus 
meiner Verlegenheit, die ich schwer 
verbergen konnte, die richtigen 
Schlüsse. „Ich wußte bis heute nicht, 
daß du so indiskret und neugierig 
bist“, klang es vorwurfsvoll. Ich 
suchte Evy zu erklären, daß auf 
meiner Seite keine Absicht vorlag, 
die Kassette zu öffnen, aber sie 
schien meinen Worten keinen 
rechten Glauben zu schenken. „Wie 
dem auch sei“, fuhr sie in pikiertem 
Tone fort, „auf jeden Fall wirst du 
eine große Enttäuschung erlebt 
haben. Du vermutetest in der Ge 
heimkassette glühende Liebesbriefe 
zu finden . . . fandest sie auch . . . 
aber diese Liebesbriefe sind — ich 
möchte fast sagen — leider nicht an 
mich gerichtet, sondern an eine 
meiner Freundinnen, die du nicht 
kennst und die mich bat, die Briefe 
'* 
aufzubewahren, da sie befürchtet, 
sie könnten ihrem bisherigen 
Freunde, den sie verabschieden will, 
in die Hände fallen.“ 
„Aber warum verbrennt sie denn 
die Briefe nicht?“ warf ich ein und 
triumphierte innerlich. Denn nun 
wußte ich, daß Evy bis jetzt ebenso 
wenig eine Ahnung hatte, wer der 
neue Liebhaber ihrer Freundin war, 
wie ihre Freundin von meinen Be 
ziehungen zu Evy Kenntnis hatte. 
„Warum sie die Briefe nicht ver 
brennt — ja siehst du, das finde ich 
eben so großartig, so rührend, daß 
sie jede Zeile wie ein kostbares 
Kleinod betreut, von dem sie sich 
nicht trennen will.“ „Das verstehe 
ich nicht“, wandte ich ein. „Das 
glaube ich dir gern“, gab Evy zu 
rück, „dir fehlt dafür eben jener 
Hang zur Romantik, den meine 
Freundin hat und jenes tiefere Emp 
finden, das aus den Briefen dieses 
Mannes spricht. Die solltest du 
lesen. Das muß eine Seele von einem 
Menschen sein, ein Prachtkerl, um 
den ich meine Freundin direkt be 
neiden könnte. Ich möchte zu gern 
wissen, wer und was er ist. Aber 
sie tut ja so geheimnisvoll . . .“ 
„Da hat sie ganz recht“, ant 
wortete ich lakonisch. „Ich kann dir 
nur raten, auch meinen Namen 
nicht bei ihr zu erwähnen. Man 
kann nie wissen . . .“ 
„Ach, wenn ich nur ein einziges 
Mal von dir auch so einen Brief voll 
schwärmerischer Zärtlichkeit be 
käme!“ Evy verschloß die Kassette 
wieder, trat auf mich zu und schlang 
ihre Arme um meinen Hals. 
„Ich werde mir die redlichste 
Mühe geben“, versicherte ich und 
war mir darüber klar, daß unsere 
Abschiedsstunde wieder einmal 
nicht geschlagen hatte . . .
        
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