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Full text: Berliner Leben Issue 29.1926

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B rix arbeitete raisoh und ge 
schickt in dem kleinen Licht 
kreis seiner Blendlaterne. Die 
Kasse konnte ihm nicht mehr 
lange widerstehen. Seine Werkzeuge 
lagen zu seiner Rechten auf dem 
Teppich ausgebreitet. Der Reihe 
nach zur Hand, so diaß er keinen 
Augenblick mit Suchen verlor. 
Draußen vor der Türe wußte er 
seinen Gefährten: Hoilkup stand 
Schmiere und lauschte angestrengt 
auf einen Laut in dem schlafenden 
Hause. Obwohl die Gefahr nicht 
groß war. Holkup hatte das Ding 
ausbaldowert. Niemand im Hause: 
die Herrschaft verreist, die Diener 
schaft heute am Sonntag außer 
Hause. Und die Beute mehr als 
zufriedenstellend. In keinem Ver 
hältnis zu der Leichtigkeit der 
Arbeit. 
hatte doch den Verkehr im langge 
wohnten, vertrauten Kreise. 
Er blickte über die Schulter nach 
der Tür. Noch vor einigen Minuten 
war Holkups (dunkler Schatten deut 
lich gegen die hellere Färbung der 
Türöffnung wahrnehmbar gewesen. 
Der Schatten war verschwunden. 
Brix fühlte eine leise Unruhe. 
Holkup mußte etwas Verdächtiges 
gehört haben und in (die Vorhalle 
geschlichen sein. Aber schließlich: 
Holkup war unbedingt verläßlich. 
Er arbeitete weiter. Seine Ge 
danken umkreisten Holkup. Sicher 
war er vertrauenswürdig. Es war 
jetzt ungefähr drei Wochen her, da 
war Holkup das erste Mal in die 
Kaschemme gekommen. Brix saß 
gerade mißmutig bei seinem Wein. 
Seit acht Tagen hatte er kein Ge 
schäft. Die Zeiten waren flau. 
Brix verlor sich in angenehmen 
Träumen. Da draußen in den Donau- 
auen, beim Franz-Josefsland, war 
eine kleine Wirtschaft zu kaufen. 
Einsam gelegen, aber gut besucht 
von Raubfischem, Fuhrleuten, die 
unsichere Ware in 'die Großstadt 
brachten —und dergleichen Leuten. 
Das war etwas für Brix. Da konnte 
einer ein ehrlicher Mann sein und 
Brix war Fachmann: erstklassiger 
„Sc'hränkar“. Aber wer hatte noch 
nennenswerte Beträge oder Juwelen 
daheim in den Kassen liegen? Die 
Vermögen verschoben sich an der 
Börse, — von wo sie des öfteren 
nicht mehr wiederkehrten, — und 
die Pretiosen lagen in den Safes der 
großen Banken. Sein Beruf war dis 
kreditiert. Sollte er umsatteln? Auf 
seine alten Tage? 
Er hoffte immer 
noch auf den einen 
großen F ischzug, der 
ihn mit einem Ruck 
in die Reihen der 
Besitzenden schleu 
dern sollte. 
Da kam Holkup. 
Anfangs etwas ver 
schlossen und vor 
sichtig, schien er et 
was Bestimmtes zu 
suchen. Mit Brix 
wurde er bald gut 
Freund. Holkup 
war ein Herunter 
gekommener. Kein 
gewiegter Bursche 
wie Brix, sondern 
ein Mann, den die 
Ungunst der Zeit 
unters Rad ge 
bracht hatte. Er 
wollte wieder hoch 
kommen. Um jeden 
Preis. 
Abend für Abend 
saßen sie beieinan 
der. Sie wurden 
bald sehr vertraut. 
Der alte Schränker 
sprach verbissen 
von der Aussichts 
losigkeit der Zukunft. Es sei kein 
großes Ding mehr zu drehen. Hol 
kup lächelte anfangs geheimnisvoll. 
Endlich rückte er heraus: er hatte 
eine große Sache ausbaldowert. 
Viele Tauisende! Sicher und leicht. 
Nur der richtige Zeitpunkt müsse 
abgewartet werden. Brix sollte sich 
bereit halten. — 
Wochenlang warteten sie. Vor 
einer Stunde hatte ihn Holkup end 
lich aus der Kaschemme geholt. Der 
Augenblick war da 
Die Kassentür bewegte sich unter 
Brix Fikigern und ein angenehmer 
Schauer der Erwartung überlief ihn. 
Bevor er öffnete, blickte er aber 
mals nach seinem Gefährten aus. 
Aber Holkup war noch nicht zu 
rückgekehrt. Nur die Türöffnung 
stand hell in dem blassen Mond 
licht, welches draußen die Vorhalle 
zu erhellen begann. 
Der Einbrecher unterdrückte einen 
Fluch. Sollte idieser Bursche auf 
eigene Faust losgegangen sein? Nach 
Silbergeschirr und dergleichen ver 
räterischem Ballast? Nach einem 
abermaligen Blick über die Schulter 
öffnete er vorsichtig die erbrochene 
Tür. Der Strahl seiner Blendlaterne 
lief hastig über den Inhalt: Doku 
mente, zusamimengabundetma Briefe 
•— und da in der Ecke einige Bank 
noten. Er griff (danach. Eine tiefe 
Enttäuschung bemächtigte sich 
seiner: es waren im ganzen 500 
Mark, die er in der Hanid hielt. 
Brix begriff. Holkup hatte ihn be 
trogen. Während er hier arbeitete, 
batte (dieser Schurke an einer an 
deren, ihm bekannten Stelle des 
Hauses die Beute gesammelt und 
war damit über alle Berge. 
Er erhob sich zitternd vor Haß 
und Wut. Alle seine schönen Träume 
waren versunken. 
Sofortige Flucht schien geboten. 
Er schlich vorsichtig in die Vorhalle 
hinaus, gespannt -auf das leiseste Ge 
räusch lauschend. Der scharf e Strahl 
der Laterne schoß aufklärend in das 
D-un-kel. Ein paar geschlossene 
Flügeltüren, der Treppenaufgang, ein 
breiter Garderobekaisten mit Haken 
zum Aufhängen der Überkleider, ein 
Tisch und Stühle — Teppiche, 
Bilder, — etwas Unerklärliches vor 
der Eingangstür. 
Jäh erlosch das Liaht. -Brix klopfte 
das Herz. -Er -lauschte und versuchte 
mit weit aufgerissen-en Augen die 
Finsternis zu durchdringen. Was 
war dieses unerklärliche Ding, das 
vor der Eing-angstür lag und den 
Weg ins Freie versperrte?
        
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