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Full text: Berliner Leben Issue 29.1926

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Liebkosend glitten seine Augen 
über die weiße Seide, die ihren 
Körper umschmiegte. 
Er sollte entsagen! 
Sein Blut lehnte sich dagegen auf. 
Er, der sonst so kühn vorge 
gangen, ließ sich diese Abwehr ge 
fallen! Warum nahm er sie denn 
nicht in seine Arme und küßte sie? 
Er lehnte sich in seinen Korbstuhl 
zurück, zündete sich eine Zigarette 
an und blies den Rauch in die 
sonnenklare Luft. 
Sollte er wirklich abreisen? Mußte 
er endgültig verzichten? 
Ihr Mann! Wie er dieses Hinder 
nis haßte! Harriet! Süße, kleine 
Frau, es gibt ja keinen Mann, der die 
Treue seiner Frau verdiente! Auch 
der deine nicht. Dein Gewissen! 
So etwas erstickt man doch. 
„Wirst du noch heut’ abreisen —?“ 
Harald zuckte zusammen. Er hatte 
soeben beschlossen, nicht abzu 
reisen. Er wollte noch einmal, noch 
ein letztes Mal den Kampf mit ihrem 
Gewissen auf nehmen. 
„Ich reise heute Abend.“ 
Er sah, wie ihre Mundwinkel 
zuckten. Sie sagte nichts. Blieb 
still mit geschlossenen Augen liegen. 
Nach einer Weile schreckte sie 
ein nahender Schritt auf. 
Der Boy des Sanatoriums brachte 
ihnen die Post. 
Harriet öffnete zuerst den Brief, 
dessen Aufschrift die Züge ihres 
Mannes trugen. Während sie las, 
wurden ihre Augen immer größer. 
In ihren Mienen spiegelte sich ab 
wechselnd Staunen und Empörung. 
Dann starrte sie eine Weile vor sich 
hin, während eine aufsteigende Röte 
das Braun ihrer Haut noch ver 
dunkelte Plötzlich klang ein helles, 
überlautes Lachen von ihren Lippen, 
das Harald aus der Lektüre seiner 
Post auffahren ließ. 
„Lies — lies —“ sie drückte ihm 
ihren Brief in die Hände. 
Nach den ersten Zeilen blickte er 
auf, sah sie verständnislos an. 
.„Mein Mann — mein Mann 
schreibt diesen Brief! Lies — lies 
zu Ende!“ Ihre Stimme zitterte vor 
Erregung. 
Und Harald las. 
„Meine süße Geliebte — ver 
zeih’, wenn ich Dir rund heraus 
erkläre, daß ich Dein Schreiben 
einfach lächerlich finde. Wie 
können Dir Bedenken kommen, 
daß Du Deinen Mann betrügst, da 
Du weist, daß er Dir niemals treu 
gewesen ist, selbst nicht in der 
ersten Zeit Deiner Ehe Du hast 
das Recht, Dich Deiner Liebe hin 
zugeben, weil Dein Mann Dich 
betrügt und — weil Du mich liebst. 
Hast Du mir nicht gesagc, daß 
Du das Glück der Liebe erst in 
meinen Armen kennen gelernt 
hast? 
Ich hoffe, mein Liebling, meine 
Zeilen werden Dein Gewissen zum 
Schweigen gebracht haben, und 
wieder wirst Du mir jubelnd an 
den Hals fliegen und mir ins Ohr 
flüstern: „Ich bin Dein — Dein.“ 
Meine geliebte Sascha, höre von 
mir das gleiche. Ich gehöre dir. 
Ich liebe Dich und küsse Dich in 
Gedanken viel tausendmal. 
Dein Gerhardt. 
Harald fand kein Verständnis zu 
diesen Zeilen. Fragend blickte er 
auf Harriet. „Was — was soll das 
heißen?“, stammelte er. 
„Diesen Brief schreibt mein Mann 
— - an eine andere Frau — begreifst 
du? —“ Wieder klang das laute 
Lachen von ihren Lippen. Sie griff 
nach dem Bogen, den er noch immer 
in der Hand hielt. „Gieb — ich 
will es noch einmal lesen —“. 
Sie hatte sich emporgerichtet, hielt 
das Blatt in ihrer zitternden Rechten, 
las mit lauter Stimme und scharfer 
Betonung: „Du hast das Recht, Dich 
Deiner Liebe hinzugeben —“ hier 
machte sie eine Pause, — „weil Dein 
Mann Dich betrügt“ — Sie neigte 
sich ihm entgegen, suchte seinen 
Blick — „als ob er mein Gewissen 
beschwichtigen wollte — es ist ja 
eine direkte Aufforderung — denn 
was für die Andere gilt — hat auch 
für mich Geltung — es ist doch ganz 
selbstverständlich, daß ich die Nutz 
anwendung ziehe —“. Sie lachte 
wieder. Dieses Mal war es ein leises, 
spöttisches Lachen. „Komm —■ 
reich mir deine Hand, damit ich aus 
t 
diesem Stuhl emporkomme. Ich 
kann nicht mehr still liegen. Ich 
muß laufen. Rennen. Schreien!“ 
Sie stand jetzt vor ihm. Die 
Worte sprudelten ihr von den 
Lippen. 
„Ja — aber — wie kommt denn 
der Brief in deine Hände?“ 
„Sehr einfach. Er hat jedenfalls 
den üblichen Brief — er ist heut’ 
fällig — an mich geschrieben und 
dann hinterher an seine Sascha — 
oder — erst an sie und dann an 
mich — das ist ja gleich —“. Sie 
hatte ihren Arm unter den seinen 
geschoben und zog ihn vorwärts in 
den Park hinein. „Also — die beiden 
Briefe hat er geschrieben und dann 
die Adressen auf den falschen Um 
schlag gesetzt. Er macht sich 
kein Gewissen daraus, mich zu 
hintergehen und ich — oh — wie 
töricht bin ich gewesen — ich wollte 
dich fortschicken — wollte dich nie 
Wiedersehen “ 
Zwei Tage später erhielt Dr. Ger 
hardt Moldener einen Brief seiner 
Frau folgenden Inhalts: Lieber Ger 
hardt — beiliegendes Schreiben, von 
dem ich Abschrift genommen habe, 
sende ich Dir zurück, da es wohl 
nicht für mich bestimmt war. Trotz 
dem habe ich Deine Ratschläge treu 
lich befolgt, denn der Brief traf mich 
gerade in derselben Situation, in der 
diese Sascha sich befand. Nur — 
daß mein Gewissen erst zum Schwei 
gen gebracht wurde durch diesen 
Brief. 
Solltest Du Deinerseits eine 
Scheidung herbeizuführen wünschen, 
so bin ich bereit, darauf einzugehen. 
Dank für den unfreiwilligen Rat. 
Harriet.
        
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