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Full text: Berliner Leben Issue 29.1926

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(8. Fortsetzung! 
LIEBCHEN 
ROMAN VON WALTER ANGEL 
D es Herzogs vernehmlichster 
Beruf war es, Witze und 
Anekdoten — je saftigere, 
desto erwünschter — zu 
sammeln, um den König damit zu 
unterhalten. 
In einer Ecke auf einem Haufen 
seidener Polster, die Arme um die 
hochgezogenen Knie geschlungen, 
kauerte lässig Baron La Chätre, 
augenblicklich der Freund der Mes- 
nard. Er sprach mit einem hoch- 
gewachsenen, stattlichen, ganz in 
schwarzen Atlas gewandeten Herrn, 
dem ein altvaterisch langschößiger 
Rock und die wallende weiße 
Lockenperücke ein überaus würde 
volles Aussehen gaben. Dem schüt 
telte Du Barry besonders lange und 
warm wie einem alten Freunde die 
Hand. „Ich freue mich, Herr Le Bel, 
ich freue mich!“ 
Der erste Kammerdiener des 
Königs war eine Persönlichkeit, mit 
der zusammenzutreffen sich bei 
einiger Geschicklichkeit immer ver 
lohnte. 
Herr Le Bel erwiderte die Be 
grüßung mit freundlicher Zurück 
haltung. 
Du Barry erkundigte sich ange 
legentlich: „Die Königliche Majestät 
befindet sich wohl?“ 
„Ich danke, Herr Graf, ganz 
wohl.“ Herr Le Bel sprach sehr lang 
sam, auch das Unbedeutendste mit 
einer gewissen Feierlichkeit. 
„Die Prinzessinnen?“ 
„Desgleichen bei bestem Be 
finden.“ 
„Und die Frau Herzogin von 
Gramont?“ 
„Frau von Gramont? —“ Le Bel 
schmunzelte La Chätre an. „Wir 
haben gerade von ihr gesprochen . .“ 
La Chätre verzog das Gesicht und 
pfiff leise vor sich hin. 
„Was heißt das?“ . . . Du Barry 
schaute mit großen Augen von 
einem zum andern. 
„Frau von Gramont hat den Hof 
verlassen.“ Herr Le Bel öffnete eine 
Tabaksdose, ein funkelndes pracht 
volles Stück mit den 'diamantenen 
königlichen Initialen, und bot La 
Chätre und Du Barry eine Prise an. 
Du Barry griff zu, aber vor Er 
staunen vergaß er, die Prise an die 
Nase zu führen. „Seit wann, seit 
wann? —“ 
Ein Diener klopfte an die Tür: 
„Das Stück geht weiter.“ 
„Machen Sie sich keine Vorwürfe, 
Graf, Sie kommen nicht zu spät — 
erst seit heute“, gab La Chätre Aus 
kunft und fuhr sich währenddessen 
ungeniert, mit einem roten Schmink 
stift über die Lippen. 
Ich erzähle es Ihnen, wenn wir „Bitte — wenn ich dann frei bin. ‘ 
uns wieder treffen, Herr Graf.“ Le 
Bel wandte sich zum Gehen. 
„Schade, schade . .“, murmelte Du 
Barry und verabschiedete sich mit 
den übrigen von der Mesnard und 
La Chätre. 
An der Seite Le Bels schritt er 
hinaus. 
„Ein nächstes Mal, da kann die 
schöne Neuigkeit vielleicht gar nicht 
mehr wahr sein . . “, meinte er, halb 
ernsthaft, halb im Scherz. 
„Beruhigen Sie sich, das wird wohl 
Wahrheit bleiben.“ 
Sie gingen über die Bühne. Die 
Szene war schon gestellt, und die 
Darsteller tauchten gerade zwischen 
den Dekorationen auf. Zwei kleine 
Chorsängerinnen kamen auf Du 
Barry zugier,annt. 
„Herr Graf, Flerr Graf!“ riefen sie 
und hingen sich rechts und links an 
seine Arme und hielten ihn zurück. 
Du Barry wollte Le Bel nicht ver 
lieren. „Ihr seid beide zwei reizende 
Kinder, aber ich habe jetzt keine 
Zeit für euch. Adieu, meine Damen.“ 
Er machte sich los. 
„Nicht einmal einen Kuß? —“ 
schmollte die eine. 
Er küßte jede auf den Nacken. „Pfui, 
eure Schminke riecht schlecht.“ 
„So kaufen Sie uns -eine bessere!“ 
riefen sie ihm nach. 
Knapp an der kleinen Tür, die in 
den Zuschauerraum führte, holte er 
den Kammerdiener ein. 
„Sind Sie für heute abend schon 
vergeben? Sonst würde ich Sie 
bitten, Ihr Abendbrot mit mir bei 
der Duquesnoy zu nehmen. Man 
sieht sich so selten . . .“ 
„Lind man hört selten so an 
genehme Kunde, wie?“ sagte Herr 
Le Bel mit gutmütigem Spott. 
„Angenehme — ?“ 
„Nun, es ist doch immerhin er 
freulich, wenn wenigstens der 
Schwester das widerfährt, was man 
dem Bruder gönnt.“ 
„Dem Bruder? Choiseul, meinen 
Sie? Ich .sollte ihm etwas gönnen?“ 
„Ah, wie großmütig Sie sind . . . 
Sie haben 'vermutlich ganz ver 
gessen, daß es der Minister war, 
der im Frühling Ihre Armeelieferung 
für die flandrischen Truppen hinter 
trieben hat?“ 
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